Keine Toleranz der Esoterik Neues Deutschland vom 21.7.2000

    Auf einem Kongress in München beschäftigten sich Journalisten, Publizisten und Wissenschaftler mit dem Esoterik-Boom

Die Nachricht wäre nicht besonders erstaunlich. Ein im Jahre 1936 verfasstes Schulbuch soll wegen seines rassistischen Inhalts auf Antrag der Bundesfamilienministeriums auf den Index gesetzt werden. "Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden;" lautet eine der inkriminierten Zeilen.

Zum Skandal wird der Fall erst, wenn man erfährt, dass der Autor Ernst Uehli ein Antroposoph ist und das Buch nach Angaben der Fernsehsendung ‘Report’ bis heute ausgerechnet in den von Teilen der Alternativbewegung hochgeschätzten Waldorfschulen zum Unterrichtsmaterial gehörte.

Für den Publizisten Peter Bierl ist das keine Überraschung. Seit Jahren weist er in Büchern und Zeitungsartikeln auf die antisemitischen und rassistischen Hintergründe der Anthroposophie hin. Am letzten Wochenende gehörte Bierl zu einen halben Dutzend Referenten, die die Querverbindung zwischen Esoterik, Irrationalismus und rechter Szene unter die Lupe nahmen. Ein studentischer Arbeitskreis hatte zu dem Kongress unter dem Motto "Ganzheitlich und ohne Sorgen in die Republik von morgen" geladen und mehr als zweihundert Interessierte waren in die Münchner Universität gekommen.

Darunter waren aber nicht wenige bekennende Esoteriker, die sich über die Vorträge empörten. Gelegenheit hatten sie genug. Neben den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner wurden auch andere Heroen der Alternativszene am Wochenende kenntnisreich aber tabulos und gelegentlich polemisch auseinandergenommen. Der Münchner Psychologe Colin Goldner informierte über die Kontakte des Dalai Lama zum rechtsradikalen Gründer der japanischen Aum-Sekte Shoko Asahara, der mit dem von ihm befohlene Giftgasanschläge auf das Tokioter U-Bahn-Netz Schlagzeilen machte. Goldner setzt sich auch mit der Tibet-Begeisterung in Deutschland auseinander, die wesentlich älter als die hiesige Alternativ-Szene ist. Schon die Nazis rüsteten Expeditionen zum Dach der Welt aus. Hofften doch maßgebliche Naziführer, allen voran Heinrich Himmler, dort die Wiege der Arier z u finden.

Die bisher wenig beachtete esoterische Seite der NDSAP war auch das Thema mehrerer Filme, die im Laufe der Konferenz gezeigt wurden. Die Wortschöpfung 3. Reich ist ebenso esoterischen Ursprungs wie das Hakenkreuz und die in der NS-Propaganda beliebte Licht- und Feuersymbole.

Obwohl längst nicht alle Esoteriker rechts sind, ist der Trend unverkennbar. "Eine Unzahl von Verlagen, Organisationen und Seminarveranstalter wäre zu nennen, in denen - mehr oder weniger offenkundig - unter esoterischen Vorzeichen völkisch-rassistische, antisemitische und/oder faschistische Ideologie verbreitet wird"; lautete Colin Goldners mit vielen Beispielen untermauerter Befund. So unterschiebt der bekannte Esoterik-Guru Erhard Freitag selbst der Shoah einem karmischen Sinn: die 6 Millionen ermordeter Juden und Jüdinnen haben auf diese Weise lediglich die Schuld ihrer Vorfahren abgetragen. Ende 1996 veröffentlichte der "Reinkarnationsexperte" und Seminarleiter Tom Hockemeyer, der in der Szene unter seinem spirituellen Namen Trutz Hardo bekannt ist, ein Buch mit dem bezeichnenden Titel "Jedem das Seine". Dort wird der millionenfache Massenmord an den Juden zum karmischen Ausgleich für irgendwelche Verfehlungen, die diese sich in ihrem früheren Leben zu Schulden kommen gelassen hätten. Die in Esoterikkreisen weitverbreiteten Verschwörungstheorien sind ein Einfallstor für Antisemitismus, dem die Organisatoren des Münchner Kongress erfreulicherweise grosse Beachtung schenkten. Der israelische Professor Nathan Sznaider und der PDS- Abgeordnete Heinrich Fink widmeten sich dieser Thematik.

Doch die Referenten blieben größtenteils nicht bei einer moralische Esoterik-Kritik stehen. Besonders der Berliner Psychologe Peter Kratz und der Hamburger Publizist Thomas Ebermann verwiesen sich den ökonomischen Hintergründen des aktuellen New Age-Booms. Kratz sieht dort die ideale Rechtfertigungsideologie für skrupellose Wissenschaftler, Forscher und Politiker, die sich in der Freizeit nicht mit den ethischen Folgen ihres Tun auseinandersetzen wollen.

Genügt es über die Esoterik aufzuklären, lautete die Fragestellung einer Diskussionsrunde zum Abschluss des Kongress. Goldner rief noch einmal sehr nachdrücklich zum Widerstand gegen alle Spielarten der Esoterik auf. "Keine Toleranz der Esoterik. Selbst das scheinbar harmlose Horoskop auf der Verpackung für Zuckerwürfel muss bekämpft werden". Keine einfache Sache, der Kongress deutlich machte.

Peter Nowak

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