Gedenken mit Eigensinn Frankfurter Rundschau vom 2.11.
Wo die Nazis den Massenmord an Kranken planten, soll
einneues Museum entstehen - wenn die CDU sich doch noch
erweichen lässt

Von Peter Nowak

Der Platz vor der Berliner Philharmonie ist kein Ort des Verweilens und derBesinnung. Es sind überwiegend Touristen, die bei ihren Rundgängen durch die zahlreichen Museen des Kulturforums dort einen Zwischenstopp machen.
Kinder spielen Verstecken hinter zwei ramponierten Metallwänden vor der Philharmonie, die einst als moderne Kunst aufgestellt wurden. Man muss schon gezielt suchen, um die in den Boden eingelassene Tafel überhaupt
wahrzunehmen. Wer sich die Zeit nimmt, wird unversehens mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte konfrontiert.
"An dieser Stelle, in der Tiergartenstraße 4, wurde 1940 der erste nationalsozialistische Massenmord organisiert, genannt nach dieser Adresse T 4. Von 1939 bis 1945 wurden fast 200 000 wehrlose Menschen umgebracht.
Ihr Leben wurde als lebensunwert bezeichnet. Ihre Ermordung hieß Euthanasie." Die Tafel ist noch heute für manchen
provozierend - erst jüngst wurde sie mit Fäkalien beschmiert, geschändet wie so viele Stätten zum Gedenken an die Nazi-Opfer.
Angebracht worden war die Tafel im Jahr 1989 auf Betreiben der Lokalgeschichtsgruppe "Aktives Museum". In den 60er
Jahren, als das Kulturforum in unmittelbarer Mauernähe Deutschland als Land der Dichter und Denker präsentieren sollte, war die mörderische Geschichte der Tiergartenstraße 4 noch ebenso wenig ein Thema gewesen wie der nahe Volksgerichtshof. "Für die Westberliner Stadtplaner passte das Land der Richter und Henker nicht mit Beethoven und den Brüdern Grimm zusammen", meint René Talbot vom Berliner Landesverband Psychiatrieerfahrener.
Der umtriebige Mittvierziger hat in seinem kleinen Laden für Modellyachten im Stadtteil Schöneberg mittlerweile mehrere Aktenordner voll mit Konzepten und Korrespondenz zu seinem Projekt mit dem Namen "Haus des Eigensinns".
Mitten im Kulturforum, direkt vor der heutigen Philharmonie, an der Stelle, wo von 1939 bis 1941 die Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten die systematische Registrierung und Tötung geistig Behinderter vorbereitete, soll ein 1100 Quadratmeter großer, mit einem Mahnmal kombinierter Museumsneubau zum Gedenken an die rund 275 000 Euthanasieopfer der Nazizeit errichtet werden. Zwei Ausstellungsprojekte haben die Initiatoren für das
Museum vorgesehen. Eine vom "Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten" konzipierte Wanderausstellung soll den Grundstock für die Dokumentation der Verbrechen und der ideologischen Hintergründe der
Euthanasie-Morde bilden. Die restliche Fläche ist für die Bilder der so genannten Prinzhorn-Sammlung reserviert. Benannt ist sie nach dem Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn, der bis 1921 rund 5000 Gemälde und Skulpturen von
Psychiatrie-Insassen gesammelt hat, die zur Zeit in den Kellern der Heidelberger Universitätsklinik lagern.
"Wir wollen den Künstlern mit der Präsentation im ,Haus des Eigensinns' ihre Würde zurückgeben", meint Talbot. Außerdem solle mitder Ausstellung im Euthanasie-Mahnmal auf einen Zusammenhang hingewiesen werden -zwischen der Kennzeichnung der Psychiatriepatienten als Kranke, wie siePrinzhorn vorgenommen habe, und ihrer Vernichtung im
nazistischenEuthanasieprogramm.
Genau diese Verbindung möchte die Heidelberger Universität vermeiden. "Die Sammlung trägt den Namen Prinzhorns, weil dieser nach seiner erfolgreichen Sammeltätigkeit eine erste, noch heute beachtenswerte Bearbeitung der Werke vornahm", sagt Bettina Brand-Claussen, die als Historikerin für die Prinzhornsammlung der Psychiatrischen Klinik der
Universität Heidelberg arbeitet und sich für einen Verbleib der Ausstellung am Neckar einsetzt. In einem eigens zu diesem Zweck umgebauten Hörsaal am Heidelberger Campus sollen die Kunstwerke ab kommendem Jahr der
Öffentlichkeit präsentiert werden.
Darin sieht Talbot eine fortgesetzte Pathologisierung der Opfer durch die Heidelberger Universität. "Die Ausstellung ist ohne die Einwilligung der Patienten gesammelt worden und muss jetzt den Vertretern der Opfergruppen zur Verfügung gestellt werden", so seine Argumentation. Unterstützung findet er bei Prominenten wie dem evangelischen Bischof
Wolfgang Huber, dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, dem Arzt Ellis Huber und dem Sprachwissenschaftler Walter Jens. Sie gehören zu den Mitbegründern des Freundeskreises "Haus des Eigensinns". Für das Projekt
steht ein Stiftungskapital von 1,75 Millionen Mark zur Verfügung.
Ob das Museum jedoch realisiert werden kann, ist noch völlig offen. Während der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eckhardt Barthel Zustimmung signalisiert hat, will man bei der Landes-CDU nach dem Holocaust-Denkmal keine Gedenkstätten für weitere Opfergruppen in Berlins Zentrum mehr zulassen. Die Christdemokraten verweisen darauf, dass
im äußersten Norden Berlins vor dem Klinikum Buch eine Skulptur an die Opfer der Hirnforschung während der Nazizeit erinnert.
Diese Argumentation lässt René Talbot nicht gelten. Er betont, dass die Täter im Zentrum Berlins saßen. Deswegen soll auch dieGedenkstätte in die Mitte gerückt werden. "Wo, wenn nicht in unmittelbarer Nähe der demokratischen Institutionen der Republik und der anerkannten Kulturstätten Berlins, wäre der ideale Platz für das Museum?", hat Talbot die Berliner
Abgeordneten gefragt.
Eine endgültige Antwort hat er bisher nicht erhalten.

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