junge Welt 30.09.2000

Der Eso-Chef
Eine Biographie des Dalai Lama, die seinen Fanclub in Wallung brachte
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* Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs. Alibri Verlag,
Aschaffenburg 1999, 455 Seiten, DM 39

Auch ein Rupert Murdoch kann mal Recht haben. Selbst wenn es
hauptsächlich geschäftliche Gründe gewesen sein mögen, die dem
englischen Pressemogul letzten Herbst veranlaßt haben, kritischen
Meinungen über den Dalai-Lama-Kult in seinen Blättern Raum zu geben.
Der internationale Dalai- Lama-Fanclub reagierte wie immer, wenn ihr
Guru kritisiert wird, mit Empörung und Denunziation. Daß es nicht
ungefährlich ist, sich mit den Freunden des Herrn Tentzin Gyatsu, wie
der Mönchname des Dalai Lama heißt, anzulegen, bekam auch der in
München lebende Wissenschaftsjournalist Colin Goldner zu spüren. Seine
Biographie über den Dalai Lama war kaum auf dem Markt, da gingen bei
dem Verfasser schon Morddrohungen ein.

Die international organisierte Lama-Fan-Gemeinde betrachtet die
leiseste Kritik an ihrem Idol als Sakrileg und reagiert mit Empörung
und Denunziation. Wer Goldners Buch liest, kann den Ärger des
Dalai-Lama-Fan-Clubs verstehen, räumt doch der Verfasser konsequent
mit allen Mystifizierungen auf, die sich um den Vorsteher des
Gelbmützen-Ordens gebildet haben. So bezeichnet er die feudale
Herrschaft unter den Klosterbrüdern in Tibet als eine der brutalsten
Ausbeutergesellschaften. Menschenrechte, Demokratie oder gar
Gleichberechtigung waren dort unbekannt.

Für den weltweiten Lama-Fan-Club sind solche Einwände schlicht
Propaganda aus Peking, mit der man sich nicht auseinander setzen will.
Zu denen, die auf ihrer lebenslangen Suche nach dem Erlöser bei dem
tibetanischen Guru angedockt haben, gehört auch die Schriftstellerin
Luise Rinser. Daß auch Franz Alt, der Trendsetter der Esoterik-Szene
und Autor des Bestsellers »Jesus - der erste neue Mann«, zu den
Anhängern des Lama gehört, verwundert nicht. Bemerkenswerter findet es
Goldner schon, daß eine exponierte Verfechterin grüner Basisdemokratie
wie Petra Kelly den Exponenten des Feudalsystems so vorbehaltlos
verehrte. »Das persönliche Verhältnis Petra Kellys zum Häuptling der
Gelbmützen war geprägt von nachgerade religiöser Inbrunst und Hingabe,
selbst letzte Reste kritischer Distanz dem führenden Vertreter einer
feudalen und theokratischen Gesellschaftsordnung gegenüber waren ihr
schon nach kurzer Zeit abhanden gekommen.« Kellys unermüdliche
Fan-Aktivitäten zahlten sich für den Dalai Lama aus. Sie verhalf ihm
nicht nur in Europas Alternativ-Kreisen zu Popularität, sondern
leistete auch publizistische Vorarbeit für die Verleihung des
Friedensnobelpreises, der ihm 1989 zuerkannt wurde.

Aber auch den schwarzen Schafen in seiner Fangemeinde bleibt das
Gelbmützen-Oberhaupt freundschaftlich verbunden. Dazu gehört Shoko
Asahara, der Guru der japanischen Aum- Sekte und Verantwortliche für
die Giftgasanschläge auf die Tokioter U-Bahn im Jahre 1994. Shoko
Asahara verdankt seine rasche Karriere in Japans Esoterik-Szene den
persönlich gezeichneten Empfehlungsschreiben des Dalai Lama. In einem
von Goldner zitierten Brief des Dalai Lama heißt es: »Meister Asahara
ist ein kompetenter religiöser Lehrer und Yoga- Lehrer und ein
erfahrener Meditationsausübender.« Und auch noch nachdem die
Mordanschläge Asaharas weltweit für Entsetzen sorgten, bezeichnete der
Tibeter Asahara als seinen, wenn auch unvollkommenen Freund.

Daß der Guru alte Freunde nicht im Stich läßt, bewies er auch im Fall
Heinrich Harrers. Der auch in der hiesigen Free- Tibet-Szene
hochgeschätzte ehemalige Bergsteiger nennt sich selber den Lehrer und
langjährigen Vertrauten des Dalai Lama. Schon zwanzig Jahre, bevor
Kelly und Co. Tibet in der Alternativ-Bewegung zum Thema machten,
löste Harrer mit seinem Buch »Sieben Jahre in Tibet« in Deutschland
einen Tibet-Boom aus. Wenn es um die Geschichte der chinesischen
Greuel in Tibet geht, ist Harrer immer an vorderster Front mit dabei.

Über seine eigene Vergangenheit mochte er allerdings nicht so gerne
sprechen, und die hiesige Tibet-Fangemeinde wollte es auch nicht so
recht wissen. In den USA gab es so viel Zurückhaltung nicht. Als
»Sieben Jahre in Tibet« in Hollywood verfilmt wurde, avancierte
Harrers Nazi-Vergangenheit zum Gesprächsthema. Bereits 1933 sei der
Österreicher Harrer in die damals in seinem Heimatland noch illegale
SA eingetreten, in die NSDAP gleich nach dem Anschluß 1938. Harrer und
sein Begleiter wurden während ihrer Tibet-Tour von den Engländern
gefangen genommen, konnten fliehen und schlugen sich bis in die
tibetanische Hauptstadt Lhasa durch, wo Harrers Erfolgsstory begann.
Die bot genau den Stoff, den die Mehrheit in Deutschland in den
fünfziger Jahren hören wollte. Wen sollten da die Nazi-Verstrickungen
schon interessieren? Kein Wunder, daß Harrer auf die Kritik aus den
USA unwirsch reagierte und sie prompt als perfides Spiel der Pekinger
Kommunisten abtat.

Sekundiert wurde ihm von der Lama-Dynastie. »Die Naziherrschaft ist 60
Jahre her, Heinrich war weit weg und konnte nichts über die Verbrechen
wissen. Aber einen Holocaust gibt es auch heute, und das ist der
Völkermord der Chinesen an unserem Volk«, erklärte der Bruder des
Dalai Lama. Der Meister selbst ging noch weiter: »Natürlich wußte ich,
daß Heinrich Harrer deutscher Abstammung war - und zwar zu einer Zeit,
als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkriegs weltweit als Buhmänner
dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für
Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, daß die Deutschen
gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft
und gedemütigt worden waren. Wir fanden, wir sollten sie in Ruhe
lassen und ihnen helfen«, erklärte er 1998 in einem Playboy-Interview.

Ob er wußte, daß es die Nazis waren, die schon in den dreißiger Jahren
für die erste Tibet-Begeisterung in Deutschland sorgten? Die Kinos
zeigten Tibet-Filme, insbesondere Bergsteiger-Filme, es gab zahllose
Ausstellungen und Veröffentlichungen zum Thema, so Goldner. Der
Höhepunkt des NS-Engagements am Dach der Welt war eine von Heinrich
Himmler ausgerüstete Expedition, die sich in Tibet auf die Suche nach
der Wiege der Arier machte. Bei Himmlers Projekt spielten neben
strategischen Erwägungen auch esoterische Hirngespinste eine Rolle,
die auch heute noch durch Teile der Tibet-Soliszene wabern.

So war der Runenforscher und SS-Mann Karl-Maria Willigut der
Überzeugung, in Tibet hätten Überlebende des sagenhaften
untergegangenen Kontinents Atlantis Reiche aufgebaut und dort all ihr
Wissen aufbewahrt. Auch die theosophischen Wahn-Ideen der russischen
Spiritistin Helena Petrovna Blavatsky haben sich aus den dreißiger
Jahren bis heute erhalten und stehen bei einem nicht geringen Teil der
Tibet-Soliszene hoch im Kurs. Blavatsky geht von höheren und niederen
Rassen aus. Die Juden sind nach Blavatsky als »abnormes und
unnatürliches Bindeglied zwischen der vierten und der fünften
Wurzelrasse« anzusehen, während die Arier zur höchsten Rasse gehören.
Es versteht sich fast von selbst, daß diese krude Esoterik bei Teilen
der Naziszene wohlgelitten war.

Die Blavatksy-Jüngerin Alice Ann Bailey, glühende Hitler- Verehrerin
und Propagandistin des Dritten Reiches, behauptete, spiritistische
Weisungen direkt von der »Großen Weißen Bruderschaft« zu empfangen, zu
der nur besonders Erleuchtete Zugang hätten, darunter Napoleon,
Mussolini, Hitler und Franco. Auch Bailey ist eine der Vordenkerinnen
der heutigen New-Age- und Esoterik-Szene, wo ihre Bücher zur
Grundlagenliteratur zählen.

Goldners materialreicher Recherche fällt das Verdienst zu, die braune
Vergangenheit der deutschen Tibet-Begeisterung ausgeleuchtet zu haben.
Daß gerade das Alternativmilieu den Lama vergöttert, hätte er noch
stärker herausarbeiten können. Auch die Rolle des Dalai Lamas als
Dissident gegenüber China wäre es Wert, genauer betrachtet zu werden.
Schließlich waren es ja in den 70er Jahren alternative Linke, die
Solschenizyn und Co. hofierten. Ein wichtiges, lustig geschriebenes
Buch, aber sicher harte Kost für alle Esoteriker.

Peter Nowak

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