BKA jagt transformierten Bonhoeffer Internet-Magazin Celadon.net 07/2000
Statt einer Volksbühnen-Inszenierung gab es diesmal Staatstheater
Zwei umgearbeitete Büsten des Arztes Karl Bonhoeffer wurden an der Berliner Volksbühne beschlagnahmt
Alles sah zunächst aus, wie eine typische Inszenierung der BerlinerVolksbühne. Im Foyer wimmelte es von auffällig unauffälligen Herren vom Bundeskriminalamt. Kaum wurden zwei Skulpturen hereingekarrt, griffen sie zu. Unter Buhrufen der Besucher wurden die Büsten in vor dem Theater wartenden Polizeiwagen abtransportiert. Doch die Beamten waren keine Schauspieler, sondern einfach nur Beamte und das Ganze kein Theater, sondern das unerwartete Ende einer Vernissage. <i>The Missing Link - Karl Bonhoeffer und der Weg in den medizinischen Genozid lautete der etwas kryptische Titel einer Wanderausstellung, die am Mittwochabend in der Volksbühne eröffnet werden sollte. Die zwei Skulpturen, die der israelische Bildhauer Igael Tumarkin dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg geschenkt hatte, sollten dort präsentiert werden. Doch die Büsten haben eine Vorgeschichte. Vor zwei Jahren waren sie aus dem Park der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik und der Charité entwendet worden. Seither waren die Porträts des Arztes Karl Bonhoeffer spurlos verschwunden. Tumarkin nahm sie als Rohmaterial für seine beiden Skulpturen Der Professor, das Opfer, der heilige Kelch" und "Kastrationsgedanken kommen mit Engelsmusik
"Die Ausstellung war als politischer Protest gegen die fortdauernde Ehrung von Bonhoeffer gedacht", argumentiert René Talbot vom Landesverband Psychatrie-Erfahrener. "Er hat in der Nazi-Zeit nicht nur seriell Gutachten für Zwangssterilisationen geschrieben, war Richter am Erbgesundheitsobergericht, sondern wurde sogar noch am 18. August 1942 von Hitler zum außerordentlichen Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeres-Sanitätswesens ernannt." Seit Jahren fordern die Psychiatrie-Erfahrenen vergeblich die Umbenennung der Wittenauer Klinik in Berlin, die noch heute seinen Namen trägt.
Talbot hält es für einen Skandal, dass Karl Bonhoeffer in Berlin nicht nur weiterhin öffentlich geehrt, sondern durch
die Beschlagnahme der Skulpturen von der Polizei auch noch geschützt wird. Gemeinsam mit der Volksbühne hat er
juristische Schritte gegen die Polizeiaktion eingeleitet. Juristisch ist die Angelegenheit sehr verwirklicht.<BR>
Rechtsanwalt Eberhardt Wähner sieht keine rechtliche Grundlage für das Vorgehen der Polizei. "Laut Bürgerlichem
Gesetzbuch wird mit der Schaffung eines neuen Kunstwerks neues Eigentum begründet, selbst wenn die
Materialien dafür gestohlen waren." Der bekannte Bildhauer und Träger des Bundesverdienstkreuzes muss
zumindest in Israel keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten. Davor schützt ihn ausgerechnet ein Gesetz, das
auch die Entführung von Adolf Eichmann legalisierte. "Sollten wir die Skulpturen zurückbekommen, wollen wir die
Ausstellung an den vorgesehenen Orten nachholen", gibt sich Talbot optimistisch. Dazu gehören das
Bundesumweltministerium, die Berliner Ärztekammer, der Fernsehturm am Alexanderplatz sowie Plätze vor den
Rathäusern und Bezirksämtern in Weißensee, Prenzlauer Berg, Tempelhof, Mitte und Neukölln.

Peter Nowak

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