Antonín Dick und sein jüdisches Theaterprojekt deutsch-jüdischen Zeitung Aufbau Nr. 14, 13.7.2000

MeinVersuch zu reden: „Ballade vom Emigranten“

Gebannt folgt das Publikum in dem kleinen Theater „Mosaik“ in Kreuzberg dem Geschehen auf der karg ausgestatteten Bühne: Der Schauspieler Martin Heesch spielt Szenen über Flucht und Vertreibung in Deutschland. Was sich streckenweise wie ein Potpourri aus Zitaten von Walter Benjamin, Alfred Döblin, Kurt Hiller und vielen anderen verbannten Künstlern anhört, bildet das Gerüst für Die Ballade vom Emigranten, ein von Regisseur Antonín Dick inszeniertes Stück über das Schicksal des jüdischen Emigranten Georg S.
Immer wieder klingt Vera Lachmanns beklemmender Appell durch: „Mein Land, warum schreist Du nicht auf! Von allen Türmen und mit allen Glocken!“ Denn als Regisseur und Autor stellt Antonín Dick immer aktuelle Bezüge zur Gegenwart her: Er macht auf das Schicksal der von Abschiebung bedrohten Flüchtlinge aufmerksam und auf die von Neo-Nazis bedrohten Minderheiten. Doch mit Agitprop oder Politkitsch hat seine Arbeit nichts gemein. „Theater als Versuch zu leben. Theater als Versuch, nicht zu leben. Mein Versuch zu reden: die „Ballade vom Emigranten“, schreibt Dick im Programmheft.
Mit seiner Kunst verarbeitet er auch eigene biografische Erfahrungen: Er kam als Kind deutsch-jüdischer Eltern während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien zur Welt. Ein Großteil seiner Verwandten wurde in deutschen Konzentrationslagern ermordet. „Ich bin ein Exilgeborener. Geboren im englischen Exil, wohin es meine Eltern in den Nazijahren verschlagen hatte. Sie emigrierten und remigrierten.“
Ähnlich wie viele vom Nazi-Regime Verfolgte, ließen sich Dicks Eltern in der DDR nieder, um eine neue Gesellschaft aufzubauen. Und dem jungen Antonín hätte dort als Emigrantenkind eine glänzende künstlerische Laufbahn offengestanden. Doch schon 1982, auf dem Höhepunkt der Proteste gegen die atomaren Mittelstreckenraketen in Ost und West, sorgte er als Regisseur des renommierten Arbeitertheaters des Kabelwerks Oberspree mit seinem „Antikriegsprogramm“ für einen Eklat. Auf einer Tafel waren Begriffe geschrieben, „die aus dem letzten Krieg stammen und immer noch unsere Köpfe bewohnen“: „die polen sind faul/ ernteschlacht/ parteigenosse/ kulturkampf/“. Berufsverbot und ständige Repressalien wegen der Verbreitung von Pazifismus waren die Folgen. „Mein Status als Emigrantenkind bewahrte mich vor Schlimmerem“, vermutet er heute.
„Ich war kein Antikommunist, aber davon überzeugt, dass die DDR nicht mehr zu reformieren sei“, sagt er rückblickend über sein Engagement in der „Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht der DDR“, die er 1987 mitbegründete. Diese Gruppe machte sich für das Recht auf Ausreise stark und nahm damit Stellung gegen den SED-Staat ein. Auch nach seiner Übersiedlung in den Westen im Jahre 1987 behielt Dick die Position zwischen allen Stühlen bei. „Manche Alt-68er wollten mich gleich in die rechte Ecke stellen“, erinnert er sich. Gleichzeitig wurde der Theatermann aus dem Osten in westlichen Künstlerkreisen als ein Konkurrent um die knappen Stellen betrachtet.

Immer zwischen
allen Stühlen

Im Oktober 1991 gründete Antonín Dick in Kreuzberg das Jakob-von-Hoddis-Ensemble, benannt nach dem deutsch-jüdischen Wegbereiter des Expressionismus, der von den Nazis als Asphaltliterat geschmäht und 1942 in einem Vernichtungslager ermordet wurde. „Die Schwerpunkte der Theaterarbeit sind Themen der jüdischen Existenz, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie Sujets des literarischen Expressionismus“, heißt es im Konzept des Jakob-van-Hoddis-Ensembles. Die auf verschiedenen Bühnen aufgeführten Stücke des Projekts – Ich, Susanne Salomon. Ich komme hier wieder heraus! und die Ballade vom Emigranten – kreisen um die deutsche Vergangenheit aus der Perspektive der Opfer.
Auch im Westen scheute der Theatermann keine Konflikte. Als 1992 das Künstlerhaus „Die Möwe“ das Stück Ich, Susanne Salomon nach der Uraufführung absetzte, organisierten Künstler eine Protestkundgebung vor dem Kulturhaus und selbst die israelische Botschaft äußerte ihr Befremden über diese Entscheidung.
Es gab auch Erfolge. So wurde auf Dicks Initiative im November 1994 eine Gedenktafel für Jakob van Hoddis am Eingang der Hackeschen Höfe in Berlin eingeweiht. In dem heutigen Treffpunkt der Berliner Kulturszene hatte Anfang 1900 der von van Hoddis wesentlich getragene „Neue Club” getagt.
Auch künftig will Antonín Dick mit seiner Theaterarbeit deutsche Zustände in Vergangenheit und Gegenwart widerspiegeln. Darin sieht er sogar eine Art Vermächtnis: „Nach und nach nehmen die letzten wahren Zeugen der Shoah, die Opfer, von uns Abschied. Es ist nicht zu vermeiden: Mehr und mehr übernehmen hauptamtliche Erinnerer, zumeist nicht-jüdische Deutsche, die Arbeit des Gedenkens. Ich erlebe, wie sich Kinder und Enkel der Täter sogar auf die Seite der Opfer schlagen. In dem Bemühen sich einzufühlen, kriechen sie in die Rollen der Opfer, um ja nicht zuhören zu müssen, wenn Überlebende zu reden anfangen. Dagegen setze ich die Ballade vom Emigranten.“
Peter Nowak

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