Neues Deutschland 4.4.2000
Von der Unmöglichkeit eine Debatte über die Rolle der Linken in der Kunst zu führen

Kunst und Politik, paßt das zusammen? Längst sind die Zeiten vorbei, in der die gesellschaftliche Funktion von Kunst unstrittig schien. Heute sind Ästhetizismus und Rückzug in die Innerlichkeit auf dem Kultursektor angesagt. Aber es gibt noch Künstler mit explizit linken Anspruch. Die kulturlinke Vierteljahreszeitschrift ‘Beute’ hat am vergangenen Samstag im Rahmen ihrer Ausstellungseröffnung Produktivität und Existenz" einiger dieser linken Künstler und Kunstprojekte nach Berlin-Kreuzberg ins Kulturhaus Bethanien zur Podiumsdiskussion geladen. Wie kann eine kulturelle linke Praxis heute aussehen, lautete die Ausgangsfrage Sie hätte Anlaß zu einer spannenden Debatte sein können. Zumal der Kreis der hochkarätigen Podiumsteilnehmer denkbar breit war. Schorsch Kamerun von der Hamburger Diskurspunkband Goldene Zitronen war ebenso vertreten wie Dirk von Lowtzow von den Hamburger Diskurspoppern Tocotronic. Daneben waren Mitarbeiter verschiedener linker Kulturmagazine vertreten. Trotzdem kam eine Diskussion an diesem Nachmittag nicht recht zustande. Alle krampfhaften Bemühungen des Moderators und "Beute"-Herausgeber Andreas Fanizadeh konnten daran nichts ändern. Das Publikum reagierte schnell gelangweilt, einige betätigten mitten in der Veranstaltung ihre Handys oder verliessen einfach entnervt vorzeitig die Veranstaltung.

Nur wenige unternahmen den zaghaften Versuch, das Unbehagen an der Diskussion in Worte zu fassen und einige Erklärungsansätze anzubieten. Fehlte der Diskussionsrunde der rote Faden? War die Fragestellung zu allgemein? Oder ist es schlicht und einfach so, dass sich die unterschiedlichen Teile der Kulturlinken einfach nichts zu sagen haben und daher jeder Versuch einer gemeinsamen Diskussion schnell in Langeweile enden muss? Für diesen ernüchternden Befund spricht einiges. Schließlich machten ja die Podiumsteilnehmer immer wieder deutlich, in welch unterschiedlichen Welten sie eigentlich leben und arbeiten. Zwischendurch wurde der Begriff ‘Wohlfahrtsausschüsse’ mal in die Runde geworfen. Insider verbinden damit den kurzlebigen Versuch nach dem Schock der rassistischen Angriffe auf Flüchtlinge in Hoyerswerda, Rostock und anderen Städten Anfang der 90er Jahre Kulturlinke und antifaschistische Initiativen zu gemeinsamen Aktionen zusammen zu bringen. Damals gab es gemeinsame Konzertveranstaltungen in Rostock, Leipzig und Dresden. Wie bei anderen kulturlinken Projekten endete das ganze mit einem Buchprojekt, das in diesem Fall den Titel "Etwas besseres als die Nation" trägt. Bald war auch in der linken Kunstszene der Alltag wieder eingekehrt und das Projekt versandete. Anderen Praxisversuchen aus kulturlinker Ecke war keine längere Dauer beschieden. Da gab es beispielsweise die Innenstadtaktionstage, mit denen Mitte der 90er Jahre auf die Verdrängung von armen Bevölkerungsteilen aus den Citys unserer Großstädte reagiert werden sollte. Schon nach deim zweiten Mal gaben die Organisatoren das Projekt auf. Heute taugen diese vergangenen Praxisversuche nicht einmal mehr dazu, um Podiumsrunden am Laufen zu halten, wie sich am Samstag gezeigt hat.

Die Diskussionsteilnehmer vermittelten überwiegend den Eindruck, eigentlich gar nicht so recht zu wissen, was sie sagen sollen. Schließlich habe man ja alles schon so oft gehört und diskutiert. Die Utopien sind verbraucht. Wie es weitergeht weiß sowie so niemand und wer es wagt, Perspektiven zu benennen, macht sich so wie so schon verdächtig.

Schorsch Kamerun trug sein Unbehagen am Gekonntesten vor . Er sei ja eigentlich überhaupt gegen solche Podiumsdiskussionen, die ihm schrecklich repressiv vorkommen und eine unangenehme Schulatmosphäre vermitteln würden. Als der Moderator vorschlug, doch darüber zu diskutieren, ob es politisch vertretbar ist, wenn eine linke Band wie Tocotronic ihre CDs bei Majorlabels herausbringt, winkte Schorsch Kamerun, dessen Goldene Zitronen noch immer politisch korrekt bei einem kleinen Independent-Label unter Vertrag sind, nur müde ab. Das sei doch in der Vergangenheit alles schon erschöpfend diskutiert worden und er könne nicht verstehen, warum das noch einmal wiederholt werden solle. Nach über zweieinhalb Stunden hatte der Moderator ein Erbarmen und beendete die Veranstaltung offiziell. Die hätte sich den Leitspruch des Kulturrebellen Christoph Schlingensief, der sich sicher nicht als Kulturlinker bezeichnen lassen würde, zum Motto nehmen sollen. Scheitern als Chance.

Peter Nowak

Die von der Zeitschrift ‘Die Beute’ gemeinsam mit dem Kulturamt Kreuzberg organisierte Ausstellung "Produktivität und Existenz" ist bis zum 14.5.2000 Dienstag bis Sonntag von 12 Uhr bis 18 Uhr im Kulturhaus Bethanien, Mariannenplatz 2 geöffnet

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