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junge Welt 25.11.2000
Geiseln einer korrupten Demokratie Tablada-Gefangene im Hungerstreik. Argentiniens neue Regierung wortbrüchig _________________________________________________________________
Während Argentiniens Foltergeneräle dank der von ihnen selbstgeschaffenen Verfassung zum größten Teil Straffreiheit genießen, sind linke Aktivisten teilweise seit mehr als einem Jahrzehnt unter unmenschlichen Bedingungen im Gefängnis eingekerkert. 14 von ihnen befinden sich seit fast 80 Tagen im Hungerstreik. Sie sind mitttlerweile in einem lebensbedrohlichen Zustand und werden im Gefängniskrankenhaus behandelt. Doch die gerade durch diverse Korruptionsskandale erschütterte argentinische Mitte- Links-Regierung scheint eher Tote in Kauf zu nehmen als den Forderungen der Tablada-Gefangenen nachzukommen.
Benannt sind sie nach der Kaserne »Tablada« in der Nähe von Buenos Aires, die am 23. Januar 1989 von 50 schlecht bewaffneten Aktivisten der linkschristlichen »Movimiento Todos por la Patria« (MTP) angegriffen und erobert wurde. Sie wollten damit einen Militärputsch verhindern, der nach ihren Informationen in dieser Kaserne vorbereitet worden sein soll.
Davon ist ein Großteil der Gefangenen und ihrer Unterstützter bis heute überzeugt. Andere Linke in Argentinien vermuten, daß die MTP-Aktivisten bewußt in eine Falle gelockt wurden und lehnten die Aktion als putschistisch ab. Die Rache der Militärs war fürchterlich. 3 000 schwerbewaffnete Militärs ermordeten damals 28 Aktivisten an Ort und Stelle, neun weitere wurden in Militärgefängnissen zu Tode gefoltert. Die restlichen 13 Aktivisten wurden in einem Schnellprozeß ohne Verteidigungsmöglichkeiten zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Unter ihnen befinden sich Roberto Felicetti, der schon während der Militärdiktatur inhaftiert und gefoltert wurde, und der 72jährige Jesuitenpater Fray Antonio Puigjané, der seine Haft allerdings in Hausarrest verbringen kann.
Der Gefangenensprecher Enrique Gorriarán Merlo war Militanter der argentinischen guevaristischen Guerilla ERP, kämpfte später in den Reihen der Sandinisten und tötete 1980 den nikaraguanischen Diktator Anastasio Somoza in seinem Exil in Paraguay.
Schon im Sommer dieses Jahres haben sich die Gefangenen mit einem 46tägigen Hungerstreik für ihre Freilassung eingesetzt. Bisher vergeblich. Dabei begründen die Gefangenen ihre Entscheidung mit den Beschlüssen der Interamerikanischen Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), die für Argentinien bindend sind. Demnach waren die Gerichtsverfahren gegen die Tablada-Gefangenen wegen der fehlenden Rechtsstaatlichkeit illegal. Die Gefangenen befinden sich demnach noch in Untersuchungshaft. Deren Dauer ist aber nach argentinischem Recht längst überschritten, und die Gefangenen müßten freigelassen werden. Mit dieser Regelung würde die Amnestieforderung umgangen, die weder die Gefangenen noch die Regierung erheben wollen.
Nach ihrem letzten Hungerstreik wurde den Gefangenen von einer Regierungsdelegation zugesagt, ein Gesetz entsprechend der OAS-Beschlüsse im Parlament einzubringen. Doch dieses Vorhaben ist im innenpolitischen Streit der großen argentinischen Parteien versandet. Darauf wurde der Hungerstreik von den Gefangenen am 5. September 2000 wieder aufgenommen. Diesmal wollen sie erst aufhören, wenn ihre Forderungen erfüllt werden. »Wenn das Gesetz nicht verabschiedet wird, werden wir den Hungerstreik mit schärferen Forderungen aufnehmen. Und dieses Mal werden wir nicht für ein Versprechen abbrechen.«
Peter Nowak |