aus Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 6.7.2000

Altes Feindbild - Neu verpackt

Bischof Willi, Neidhardt Irit (Hg.), Wir sind die Guten, Antisemitismus in der radikalen Linken, Unrast-Verlag, Münster 1999, 188 Seiten, 26,80 DM

"Am 31. Jahrestag der faschistischen Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüdische Mahnmale mit ‘Schalom und Napalm’ und ‘El Fatah’ beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Bombe deponiert. Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sie sind ein entschiedenes Bindeglied internationalistischer sozialistischer Solidarität." Nicht von einer Neonazigruppe sondern von den sich links verstehenden ‘Schwarze Ratten - Tupamaros’ wurde dieses Bekennerschreiben im November 1969 verfaßt. Die Gruppe ist längst vergessen. Ihre Ergüsse wurden auszugsweise in einem Buch abgedruckt, dass sich mit dem Antisemitismus in der radikalen Linken befaßt. Die hatte sich im Gefolge der Studentenbewegung in Abgrenzung zu den traditionellen Linksparteien gebildet und wurde mit solch unterschiedlichen Begriffen wie Spontis, Basisgruppen, Undogmatische oder Autonome belegt.

Spätestens seit dem Golfkrieg Anfang der 90er Jahre ist viel über den linken Antisemitismus geschrieben worden. Doch das vom Unrast-Verlag herausgegebene Buch nähert sich dem Thema einmal nicht mit Analysen und Zitatensammlungen. Die vier Autoren und eine Gruppe, alle nach 1960 geboren und in unterschiedlichen Teilbereichen der radikalen Linken aktiv, beschreiben vielmehr ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Antisemitismus in der Szene.

Dieser subjektive Ansatz ist nicht ohne Tücken. So mag der Beitrag des Pädagogen Frank Lohscheller, der sich mit seinen langsamen Abnabelungsprozess von der autonomen Szene befaßt und dabei immer wieder Rückblicke auf die Nazivergangenheit seiner Großeltern liefert, interessant zu lesen sein. Warum er aber in einem Band zum linken Antisemitismus Eingang gefunden hat, der in dem Aufsatz nur kurz gestreift wird, muss das Geheimnis der Herausgeber bleiben.

Auch Tobias Ebbrecht verliert sich in seinem Text gelegentlich in Abschweifungen, kommt allerdings doch immer wieder zum Thema zurück. Dem Unvermögen aktiver Antifaschisten, Empathie mit dem noch lebenden Opfern der Shoah zu entwickeln. Eine wesentliche Ursache sieht er in einer Faschismus-Analyse, die in den Nazis lediglich Marionetten des Kapitals sieht. "Die Besonderheiten des Nationalsozialismus, mit ihnen der Antisemitismus, gehen dadurch verloren."

Am Beispiel eines Gesprächs der Generationen, daß Marburger Linke 1998 als Rahmenprogramm zur Wehrmachtsausstellung organisiert hatten, zeigt Ebbrecht die Konsequenzen einer solchen Politik. Während ein an der Runde teilnehmender ehemalige SS-Mann allein für seine Anwesenheit gelobt wurde, obwohl er Fragen über seinen Beteiligung an NS-Verbrechen auswich und sich selbst zum Opfer stilisierte, wird einer KZ-Überlebenden und der Tochter eines Auschwitzhäfltings, die beide im Publikum sassen, jede Anteilnahme verweigert. Beide verliessen schließlich nach Protesten vorzeitig die Veranstaltung. In den Bündnissen für die Entschädigung der Zwangsarbeiter und die Enteignung des IG-Farben-Konzerns sieht Ebbrecht bescheidene Ansätze für eine Antifapolitik, die auf die NS-Opfer Bezug nimmt.

Den interessantesten Beitrag lieferte die Politikwissenschaftlerin Irit Neidhardt. Weil sie einen Teil ihrer Kindheit in Israel verbrachte und auch später immer wieder das Land besuchte, wurde sie von ihren linken Mitkämpfern ganz selbstverständlich als Jüdin betrachtet, was teilweise kuriose Ergebnisse hatte. Da gab es eine Erleichterung in der Politgruppe, wenn sie Formulierungen zu Israel und den Palästinakonflikt schließlich nach längerer Diskussion doch akzeptierte. "Habt ihr euch besser gefühlt, die Golfkriegsflugflätter zu schreiben mit einer Jüdin in Eurer Runde"; so Neidhardts ironischer Kommentar.

Doch nicht nur dem linke Antisemitismus begegnet Neidhardt mit bissiger Ironie: "Für Verkitschung und die Liebedienerei gegenüber Israel , die seit einiger Zeit in gemäßigter Form auch in der radikalen Linken einsetzt, gibt es in der BRD nur einen innenpolitischen Grund." Ein wirkliches Interesse an der Situation in Israel und Israel vermißt sie in der deutschen Linken. Auch die Intifada-Begeisterung der hiesigen Linken in den 80er Jahren habe sich im Wesentlichen aus "antisemitisch motivierter Genugtuung an der menschenverachtenden Palästinapolitik Israels" gespeisst.

Israel-Boykott-Aufrufe, wie sie auf dem im Anhang abgedruckten Plakaten aus den späten 80er Jahren zu finden waren, gehören heute in der Linken wohl der Vergangenheit an. Nicht aber linker Antisemitismus, wie die antinationale Gruppe demontage am Beispiel der Kurdistansolidarität verdeutlichte. Ohne jeden Beweis wurde im Februar ‘99 der Mossad für Öcalans Verhaftung verantwortlich gemacht und auf PKK-Solidaritätsdemonstrationen israelische Fahnen verbrannt.

Es gibt also genügend Anlaß, sich mit dem linken Antisemitismus zu gegangen. Wenn auch nicht alle Beiträge gelungen sind, regt das Buch zum Nachdenken und zur Diskussion an.  Peter Nowak

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