Wie man zugleich aus- und einsteigen kann Frankfurter Rundschau vom 12.8.2000

AKW-Gegner werfen Schweden vor, in deutsche Atomkraftwerke zu investieren

Von Peter Nowak (Berlin)

Deutschland ist nicht das einzige europäische Land, das in absehbarer Zeit seine Atomkraftwerke abschalten will. Schweden ist in dieser Hinsicht sogar schon weiter und das nicht nur auf dem Papier. Mit der Abschaltung von Block 1 des in der Nähe von Malmö gelegenen AKW Barsebäck wurde der Einstieg in den Ausstieg schon vor einigen Monaten Realität. Doch ausgerechnet Umweltschützer - aus Deutschland und Schweden - protestieren dagegen.

Von Barsebäck aus starteten die Umweltschützer vergangene Woche zu einer Fahrradkarawane Richtung Deutschland. Bis zum Sonntag besuchen sie die norddeutschen Atomkraftwerks-Standorte Brokdorf, Krümmel, Grohnde, Brunsbüttel sowie die Geschäftszentrale der Hamburger Energieversorger (HEW).

Mehr als 60 Menschen beteiligten sich an der deutsch-schwedischen Barsebäck-Initiative, die unter anderem von einigen grünen Mandatsträgern, der Hamburger GAL-Abspaltung "Regenbogen - Verein für eine neue Linke" sowie den Umweltgruppen Robin Wood und Eurosolar unterstützt wird.

"Mit unserer Aktion wollen wir zeigen, dass die Zukunft der Anti-AKW-Bewegung in Zeiten der weltweiten Liberalisierung der Strommärkte und unklarer Ausstiegsbeschlüsse in der Internationalisierung der Proteste liegt", erklärte der Sprecher der Barsebäck-Initiative Ole von Uexküll. Die schwedische Ausstiegsvariante dürfe keinesfalls in Deutschland Schule machen, meinte er.

Roland Rittman von der Barsebäck-Offensive-Südschweden findet noch drastischere Worte. "Die Entschädigung, die unsere Regierung für den Ausstieg zahlt, wird für Atomkraft in Deutschland investiert, und die Regierung tut nichts, um diese absurde Atomrochade zu verhindern. Für mich macht das den schwedischen Ausstieg völlig unglaubwürdig." Tatsächlich hat sich der schwedische Energieversorger Vattenfall im vergangenen Jahr in die HEW eingekauft. Der Anteil soll demnächst verdoppelt werden. Das Kapital für die Investition in den norddeutschen Energiekonzern, der fast 80Prozent seines Stromes aus der Atomkraft bezieht, stammt von der Entschädigung, die der schwedische Staat für die Abschaltung von Barsebäck 1 zahlte. Die AKW-Gegner sprechen von einer Gesamtsumme von umgerechnet rund einer Milliarde Mark.

Als Vattenfall-Eigner habe der schwedische Staat jetzt ein unmittelbares Interesse an dem Weiterbetrieb der deutschen AKW Stade, Brokdorf, Krümmel und Brunsbüttel, kritisieren die schwedischen Umweltschützer.

Doch bei der Kritik an der Inkonsequenz ihrer eigenen Regierung belassen es die Aktivisten der Barsebäck-Initiative nicht. "Es ist an der Zeit auf einer globalen Energiewende zu bestehen. Wir brauchen sie nicht nur für unsere eigene Sicherheit; wir brauchen sie nicht nur wegen der kommenden, globalen Umweltfolgekosten, wegen der Gefahr eines neuen Tschernobyl. Wir brauchen sie ebenso, weil sie Millionen neue Arbeitsplätze bieten wird", erklärte Jacob van Uexküll auf der Auftaktkundgebung der ökologischen Fahrradtour in Südschweden. Der deutsch-schwedische Begründer des Alternativen Nobelpreises hat die Schirmherrschaft über die Barsebäck-Initiative übernommen.

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