Abschaltung der Anti-AKW-Bewegung droht Frankfurter Rundschau 31.03.2000

Auf ihrer Frühjahrskonferenz suchen Atomkraftgegner nach neuen Perspektiven

Von Peter Nowak (Berlin)

Eigentlich war Bundesumweltminister Jürgen Trittin gemeint, als auf dem Grünen-Parteitag in Karlsruhe vier Nackedeis von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg das Märchen von des Kaisers neuer Kleider inszenierten. Doch nackt wie die vier Aktivisten steht zur Zeit die Anti-AKW-Bewegung selbst da.

Es steht nicht gut um die einst machtvolle soziale Bewegung, die sich in den 80er Jahren im Kampf gegen Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen gebildet hatte. Die Zeiten der Massenmobilisierung sind lange vorbei. Nur die Mobilisierung gegen die Castortransporte erinnert noch an die Hochzeiten der Bewegung, der manche Veteranen nachtrauern werden, wenn sich am nächsten Wochenende AKW-Gegner aus der ganzen Republik in Mülheim an der Ruhr zu ihrer Frühjahrskonferenz versammeln.

Um der an Vorläuferkonferenzen geübten Kritik der Perspektivlosigkeit und Beliebigkeit der Themen Rechnung zu tragen, hat die Vorbereitungsgruppe diesmal ein auf einige Kernpunkte beschränktes Programm ausgearbeitet. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Zukunft der Atomtechnologie im Zeitalter der Internationalisierung der Strommärkte und um die Zukunft der Bewegung selbst.

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig. Bei nicht wenigen ist es die Ernüchterung, dass selbst unter Rot-Grün de Atomausstieg so hürdenreich ist. "Wenn es selbst ein Trittin nicht schafft, wer dann?", ist häufig zu hören. Andererseits wähnen viele den Atomausstieg bei den Grünen in guten Händen und sehen daher keinen Grund mehr für eigenes Engagement. Zumal die provozierenden Castorfuhren mittelfristig durch standortnahe Atommülllagerung ersetzt werden sollen. Das Kalkül der Bewegung, mittels Blockaden Atommüll-Verstopfungen zu erzeugen und so die Reaktoren vom Netz zu zwingen, kontert die Industrie mit neuen Lagerkapazitäten. Besorgt registrieren in die Jahre gekommene Aktivisten, dass eine technikbegeisterte Jugend kaum für den Ausstieg zu mobilisieren ist.

Daneben machen der Bewegung zunehmend hausgemachte Problemen zu schaffen. "Der harte Kern der Szene pflegte seine alten Positions- und Grabenkämpfe und wartet ansonsten sehnsüchtig auf den konkreten Termin für den ersten Castortransport nach Aufhebung des Transport-Stopps", heißt es im Kongress-Reader. Die Castorblockaden sind denn auch die einzige Aktion, auf die sich das gesamte Spektrum der Anti-AKW-Bewegung ohne größeren Streit einigen kann.

Jüngstes Beispiel für die bewegungsinterne Streitkultur ist ein in Anti-Atom-Aktuell gedruckter "Offener Brief" mehrerer Anti-AKW-Initiativen, die der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg vorwerfen, mit ihrer geplanten Aktion "Tag X - Stoppt die Atommüllflut" unbeabsichtigt rassistische Metaphern zu verwenden.

Viele Aktivisten warnen vor den Folgen eines Scheiterns der Mülheimer Konferenz. "Wenn es nicht gelingt, uns auf die eigene Kraft zu besinnen und die Rolle außerparlamentarischer Arbeit zu betonen, tümpeln die Bewegungsreste vor sich hin, bis wieder ein Castor rollt", prophezeit der Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke. Das Berliner Anti-AKW-Plenum warnt gar vor Abschaltung der Anti-Atom-Bewegung.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [Chronologisch99] [Chronologisch 2000] [Chronologisch 2001] [Chronologisch 2002]