Einseitige Ausstellung? Neues Deutschland vom 20.5.2000

Wie wissenschaftlich ist die Ausstellung "Aktion 3 - Deutsche verwerten jüdische Nachbarn"? Darüber wird zur Zeit an der Humboldtunversität heftig gestritten

Jahrzehntelang lagerten die Akten in den Kellern von Finanzämtern und anderen Behörden. Der Leiter der Arbeitsgruppe Neonazismus an der Fachhochschule Düsseldorf und Politikwissenschaftler Wolfgang Dreßen hat sie im letzten Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er konzipierte die Ausstellung "Aktion 3 - Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn" wo er an Hand von Akten der Finanzämter belegt, wie sich ganz normale Deutsche den Besitz ihrer deportierten jüdischen Mitbürger aneigneten, von der Unterhose über das Siberbesteck bis zur Villa. Es handelt sich ausschließlich um Originaldokumente, denn die deutschen Behörden listeten sämtliche Transaktionen akribisch auf. Die Briefe an die NSDAP mit denen brave Familienväter sich schneller den Besitz der Juden bringen wollten, sind ebenfalls zu sehen.

Die Ausstellungsmacher verzichteten auf die Schwärzung der Namen. Angehörige der kauffreudigen Volksgenossen liefen dagegen Sturm. Die Oberfinanzdirektion Köln forderte gar ein Verbot der Ausstellung. Vergeblich, sie wurde in mehreren Städten u.a. in Köln, Braunschweig und Düsseldorf mit grossen Presseecho präsentiert. Jetzt sorgt sie am Campus der Berliner Humboldtuniversität (HUB) für heftige Diskussionen, obwohl oder besser weil sie dort bisher nicht zu sehen war. Denn das Präsidialamt der HUB lehnte die Präsentation der Ausstellung im Foyer ab. Eine Mitarbeiterin der Universitäts-Pressestelle kann die ganze Aufregung um die Ausstellungsverweigerung nicht verstehen. "Wir haben Historiker aus unserer Universität als Gutachter herangezogen und uns auf ihr Urteil gestützt." Ein vom HUB-Historiker Ludolf Herbst erstelltes dreiseitiges Gutachten kam zu dem Schluß, dass das Ausstellungsprojekt »keinen genuinwissenschaftlichen Zweck, sondern eine einseitige und so nicht akzeptable Aufklärungsabsicht« verfolge. Ludolf Herbst steht weiterhin hinter den Ergebnissen des Gutachtens, verweist allerdings darauf, dass nicht er sondern die Leitung der Universität für die Ablehnung verantwortlich sei. Er habe die Ausstellung mit den in der Geschichtswissenschaften üblichen Methoden auf "Seriosität und Ernsthaftigkeit" überprüft; erklärte er der Huch, einer Studentenzeitung an der HUB.

Da ist Herbst’s Fachkollege Dreßen anderer Meinung. Die Brisanz der von ihm erarbeiteten Exposition will er dabei gar nicht leugnen. "Warum kann in einer deutschen Universität in der deutschen Hauptstadt keine Ausstellung gezeigt werden, die Themen aufgreift, die zu öffentlichen Diskussionen führen" fragt er. Besonders erstaunt ihn, dass ihm das für die Ablehnung maßgebliche Gutachten nicht zugänglich gemacht wurde. "Wenn es eine wissenschaftliche Auseinandersetzung ist, sollte sie auch öffentlich und mit den betroffenen Personen geführt werden".

Auch die datenrechtliche Bedenken der Ausstellungskritiker mag Dreßen nicht gelten lassen. "Personen der Zeitgeschichte müssen nicht anonymisiert werden." Außerdem dürfe der Datenschutz nicht dazu herhalten, die Täter zu schützen.

"Die Provokation steckt nicht in meiner Interpretation sondern in den Dokumenten und Vorgängen selber"; gibt sich Dreßen überzeugt. Er hält die HUB weiterhin als den geeigneten Ort für die Ausstellung und hofft auf ein Umdenken bei der Univerwaltung. Mitglieder des ReferentInenrates, wie der AStA an der HUB heißt, unterstützen diese Forderung. Ihrer Meinung kann eine Universität nur profitieren, wenn sie Anregungen und Wissensvermittlung von Außen aufgreift. Dabei können sie auf ein positives Beispiel aus der Vergangenheit verweisen. Vor drei Jahren war im Foyer der HUB die später so heftige Kontroversen auslösende Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" von der Hamburger Reemtsma-Stiftung zu sehen.

Peter Nowak

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