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TELEPOLIS25.02.2008Neue Farbenspiele in Deutschland Peter Nowak In Hamburg wäre eine erste schwarz-grüne Landeskoalition möglich, was auch bei der SPD Bündnisoptionen mit den Linken fördern könnte Viel zu feiern gab es nicht am Sonntagabend in der Parteizentrale der SPD. Selbst als Parteichef Beck auf die Bühne trat, war der Applaus verhalten. Natürlich erklärte (1) er das Abschneiden seiner Partei in Hamburg zum Erfolg, weil ja die CDU die absolute Mehrheit verloren (2) habe. Damit signalisierte er allerdings auch, dass es für die SPD am Hamburger Wahlabend nicht gut gelaufen ist. Man tröstet sich in der SPD damit, dass die Union (3) knapp 4% verloren hat und damit die absolute Mehrheit, die sie in Hamburg bisher nur bei der letzten Wahl erringen konnte. Trotzdem gilt der CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust auch mit seinen knapp42,6% als großer Gewinner des Abends. Die SPD (4) hat zwar etwa 3,5% zugelegt und damit ca. 34,1% erreicht, gilt aber allgemein als Verlierer. SPD-Spitzenkandidat Naumann konnte sich am Ende nur gutschreiben, dass die Hamburger SPD noch vor einem Jahr mit großen Personalquerellen zu kämpfen hatte und bei ungefähr 25 Prozent lag. Lange Gesichter gab es auch bei der FDP (5). Die hatte zwar zwei Prozent hinzugewonnen, blieb aber doch kapp unter der 5-Prozent-Hürde. Auch die Grünen (6) fielen von 12,3% auf knapp 9,6% zurück. Die Linke (7) könnte mit 6,4% als ein Wahlsieger gelten. Doch weil die Parteistrategen sich selber mit zweistelligen Wahlprognosen berauscht hatten, ist das Ergebnis doch ein Dämpfer. Am Wahlabend wurde gemutmaßt, ob die Debatte um die DKP-Mitglieder auf der Liste der Linken zum dann doch etwas enttäuschenden Ergebnis beigetragen hatte. Das Thema ist mit einem Panorama-Interview der niedersächsischen Landtagsabgeordneten Christel Wegner ( Unliebsame Genossen (8)), das zu ihrem Ausschluss aus der Landtagsfraktion von Niedersachsen führte, zum Dauerbrenner der letzen Tage geworden. Höhepunkt der Debatte war eine von der FDP-Fraktion beantragte aktuelle Stunde (9) im Deutschen Bundestag über den Einfluss der DKP auf die Linke. Dort hatten sich sowohl die Redner der Grünen, als auch der SPD, Union und FDP massiv auf die Linke eingeschossen. Schwarz-Grün? Viele politische Beobachter gehen davon aus, dass es in Hamburg erstmals eine Koalition zwischen Union und Grünen auf Landesebene geben könnte. Natürlich verlangen die Grünen zumindest ein symbolisches Entgegenkommen der CDU, bevor sie mit ihr zu koalieren bereit sind. Bündnisse zwischen Grünen und CDU sind in verschiedenen Großstädten wie Frankfurt/Main und Kiel zwar schon längst Regierungsalltag. Aber ein Zusammengehen der beiden Parteien in Hamburg hätte aktuell eine ganz andere Bedeutung. Damit würden sich sowohl Grüne als auch CDU neue Bündnisoptionen erschließen. Ein schwarz-grünes Bündnis auf Landesebene könnte als Exempel für andere Bundesländer und perspektivisch auch für die Bundestagsregierung verstanden werden. Nach den letzten Wahlen war vor allem die kulturelle Differenz zwischen der FDP und den Grünen so groß, dass es nicht zu der vieldiskutierten Jamaika-Koalition kam. Auf Landesebene hätte es, wenn es nach den Grünen gegangen wäre, schon längst ein schwarz-grünes Bündnis in Baden-Württemberg gegeben. Die Grünen hatten aber nicht mit dem Konservatismus der CDU-Basis gerechnet, die sich für die Fortsetzung des Bündnisses mit der FDP entschied. Anders als im konservativen Baden-Württemberg sind in der Metropole Hamburg schon längst die Wurzeln für ein solches Bündnis gelegt. Auf Bezirksebene klappt die Zusammenarbeit zwischen CDU und Grünen fast reibungslos (10). Sollte das Bündnis nun in Hamburg zustande kommen, könnte die SPD indirekt davon auch profitieren. Das ist auf den ersten Blick paradox, weil die SPD in Hamburg in der Opposition bliebe. Aber ein Bündnis zwischen Grünen und CDU könnte auch die neue Beweglichkeit der SPD rechtfertigen. Beck in der Kritik SPD-Chef Kurt Beck war in den letzten Tagen in den Medien, aber auch in seiner Partei, heftig kritisiert worden, weil er eine passive Unterstützung der hessischen Linkspartei bei der Wahl der SPD-Kandidatin Ypsilantis nicht mehr ausgeschlossen hat. Sie könnte sich mit den Stimmen von Grünen und Linken wählen lassen und dann eine Minderheitsregierung bilden. Ein solches Modell gab es schon in den 90er Jahren in Sachsen-Anhalt. In Hessen hätte ein solches Vorgehen allerdings einige Risiken für die SPD-Kandidatin. Die Stimmen der Linken dürften ihr sicher sein, die Unterstützung einiger Abgeordneter des konservativen nordhessischen Parteiflügels hingegen nicht. Der SPD steht als warnendes Beispiel die dreimal gescheiterte Wahl von Heidi Simonis (11) als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein im Jahr 2005 als Warnung vor Augen. Allerdings gab es auch vom konservativen Seeheimer Kreis Signale, die als Zustimmung für eine Wahl Ypsilantis durch die Linkspartei gedeutet werden können. Die ganze Debatte ist nur entstanden, weil Ypsilanti in Absprache mit Beck vor der Hessenwahl jegliche Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen hatte (vgl. Law and Order-Wahlkampf abgestraft (12)). Daran hat die SPD auch nach der Hessenwahl zunächst unbeirrt festgehalten. Doch alle Versuche zur Bildung einer Ampelkoalition scheiterten an der Ablehnung der FDP. So kann die Debatte über die passive Unterstützung der Linkspartei auch als Drohkulisse verstanden werden. Wenn sich die FDP weiter allen Avancen verweigert, müsse die SPD eben ein Wahlversprechen brechen und die Quarantäne zur Linken überwinden, lautet die Argumentation, die von sozialen Bewegungen und manchen Teilen der sozialdemokratischen Basis zu hören ist. So fordern der Bund für Umwelt- und Naturschutz in Hessen, dass Linke, Grüne und SPD ihr Wahlversprechen einlösen und den Ausbau des Kohlekraftwerks Staudinger verhindern (13) sollen. Studentenvertretungen erwarten, dass die drei Parteien die Studiengebühren in Hessen wieder abschaffen (14). Auch parteiunabhängige Gewerkschafter und Wissenschafter sprachen sich in einem Aufruf für einen Politikwechsel aus, der aber nur im Bündnis zwischen SPD, Grünen und Linkspartei möglich (15). Sie alle würden es als einen größeren Bruch von Wahlversprechen sehen, wenn die SPD in einer großen Koalition ihre programmatischen Zielsetzungen opfern würde, und verweisen auf große politische Übereinstimmungen zwischen SPD, Grünen und Linken. Selbst in der bestimmt nicht linkenfreundlichen "Zeit" wurde Ypsilanti zur einer solchen Zusammenarbeit geraten (16): --Wenn die SPD tatsächlich dermaßen starke Bedenken wegen der Unerfahrenheit und Unzuverlässigkeit der Linken hegt, kann sie ja wie einst bei der Grünen-Truppe von Joschka Fischer in Hessen beginnen: mit einer Tolerierung. Später ist daraus immerhin die erste, kurzzeitige rot-grüne Regierung geworden - und aus Fischer am Ende ein Außenminister.-- Die Linke entzaubern Für die Linke dürfte in einer kooperationswilligen SPD zur Zeit die größte Gefahr liegen. Denn die engen Regierungsspielräume einer Mitregierungspartei werden der Linken gerade in Berlin vorgeführt. Deshalb raten auch Politiker der Grünen dazu, die Linke schnell in die Verantwortung zu nehmen und so zu entzaubern. Tatsächlich hat die Berliner Linkspartei für ihre Beteiligung an einer Regierung, die auch im Sozialbereich kürzt, Wahlverluste hinnehmen müssen. Wo sich die Partei als Stimme der Opposition profilieren konnte, hat sie hingegen profitiert. Deswegen dürften in der Linkspartei viele hoffen, dass sich in der SPD die Kräfte, die eine kontrollierte Öffnung wollen - und sei es auch vorerst nur in Form einer passiven Tolerierung -, nicht durchsetzen. Doch danach sieht es nicht aus. Ein Bündnis der Grünen mit der CDU in Hamburg könnte aber auch bei der SPD die Lust auf mehr Beweglichkeit fördern.
LINKS
(1) http://www.spd.de/menu/1741538/ (2) http://www.hamburg.de/artikel.do?ok=21785&teaserId=465701&uk=31444&cid=6 568704 (3) http://www.cduhamburg.de/ (4) http://www.spd-hamburg.de/ (5) http://www.fdp-hh.de/ (6) http://Punkte sammle, dann kann ich den großen roten bekommen und die Einheit damit ... www.hamburg.gruene.de (7) http://www.hier-ist-die-linke-hamburg.de/ (8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27345/1.html (9) http://www.fdp-fraktion.de/webcom/show_article_neu.php/_c-334/_nr-1189/_ p-1/i.html (10) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?r essort=sw&dig=2007%2F12%2F15%2Fa0182&src=GI&cHash=03f6c0a7a7 (11) http://www.heide-simonis.de/ (12) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27155/1.html (13) http://www.bund-hessen.de/positionen/staudinger.html (14) http://www.asta.tu-darmstadt.de/cms/de/news/singlenews/ansicht/offener-b rief-des-asta-an-die-spdgruenelinke/corts/ (15) http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/index.jsp?rubrik=57 10&key=standard_document_33852972&msg=5710 (16) http://www.zeit.de/online/2008/05/linke-spd-kommentar?page=all |