|
TELEPOLIS06.03.2008Rot und Rot Peter Nowak Die Zukunft von Kurt Beck ist offen - die Einbeziehung der Linksparte in Bündnisse dürfte aber Zukunft haben Eine große Koalition wird es in Hessen nicht geben, während sich in Hamburg Grüne und CDU anzunähern scheinen. Das Resultat eines Treffens der Spitzenpolitiker der hessischen CDU und SPD war ebenso erwartet worden, wie das Schauspiel, dass beide Seiten die jeweils andere für das Scheitern verantwortlich machen. Für die SPD war es hauptsächlich das Bestehen der CDU auf Roland Koch als künftigen Ministerpräsidenten auch in einer Koalition mit der SPD. Dass die durch ihren profilierten Anti-Koch-Kurs erstarkte SPD-Anwärterin Ypsilantis darauf nicht eingehen würde, war der CDU klar. Dass sie nicht einmal eine liberalere Variante von Koch, beispielsweise die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth ins Spiel brachte, zeigt, wie gering das Interesse an einer großen Koalition bei der CDU war. Auch Ypsilanti hat in mehreren Interviews Bündnisse von Sozial- und Christdemokraten kritisiert. Eine Tolerierung durch die Linkspartei ist für sie das kleinere Übel. Dafür hatten schon am Dienstag die Gremien der hessischen SPD und der Grünen die Weichen gestellt. Auch die nordhessische SPD (1) unterstützte diesen Kurs. Das war für Ypsilanti besonders wichtig, weil unter den eher konservativen Sozialdemokraten einige Landtagsabgeordnete vermutet werden, die in der geheimen Abstimmung im hessischen Landtag am 5. April Ypsilanti die Stimme verweigern könnten. Ypsilanti müsste dann die Erfahrung von Heide Simonis im Jahr 2005 wiederholen, die sich mit Hilfe der Grünen und der Partei der dänischen Minderheitspartei zur Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein wählen lassen wollte und an bis heute unbekannten Abweichlern in den eigenen Reihen gescheitert war. Für Simonis war es dann Ende einer langjährigen Karriere als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein. Für Ypsilanti wäre ein solches Ergebnis eine Niederlage, bevor sie überhaupt im Amt war. Für die SPD wäre ein Desaster, das nicht nur auf Hessen Auswirkungen hätte und den Druck auf den SPD-Vorsitzenden Kurt verstärken würde. Schon seit einigen Wochen wird in den Medien von innerparteilichen Bemühungen berichtet, Beck als Kanzlerkandidat bei den nächsten Wahlen zu verhindern. Die halbherzigen Dementis vom potentiellen Konkurrenten Peer Steinbrück tragen wenig zur Beruhigung der Debatte bei. Steinbrück wird ebenso wie Bundesaußenminister Walter Steinmeier schon seit Monaten als Konkurrent für Beck bei der Kanzlerkandidatur gehandelt. Damals waren alle drei noch auf strikten Abgrenzungskurs gegenüber der Linkspartei. Dass Beck nun kurz vor der Hamburger Bürgerschaftswahl deutlich gemacht hat, dass jeder Landesverband selber über Koalitionen entscheidet, wird jetzt mit unterschiedlichen Intentionen zusätzlich gegen Beck ins Feld geführt. Dabei sind die unterschiedlichen Argumentstränge der Kritiker zu beachten. Die rechten Sozialdemokraten werfen Beck schon bei seinem vorsichtigen Abrücken von der Agenda 2010 einen Verrat der Schröder-Sozialdemokratie vor. Mit dem Ausscheiden von Franz Müntefering aus der Bundesregierung hat sich der Kurs von Beck durchgesetzt. Dabei hatte sich Beck eine weit verbreitete Stimmung auch an der SPD-Basis zu Nutze gemacht, die nicht mehr wegen Schröders wirtschaftsfreundlichen Sozialpolitik Niederlagen einfahren wollte. Die Schröderianer wären weder inner- noch außerhalb der SPD mehrheitsfähig und so konnte sich Beck durchsetzen, obwohl sein Agieren in der Auseinandersetzung auch von Sozialdemokraten, die ihm in der Sache zustimmten, kritisiert wird. Moral statt Politik Auch in der aktuellen Auseinandersetzung um das Verhältnis zur Linkspartei gibt es nicht nur viele SPD-Mitglieder, sondern auch Politwissenschaftler (2), die die rigorose Ablehnung jeglicher Kooperation für einen Fehler gehalten haben. Sie verweisen auch darauf, dass eben Beck wie Steinbrück und Steinmeier Ypsilanti vor der Hessenwahl auf diesen Kurs eingeschworen haben. Und sie kritisieren, dass Beck die Änderung kurz vor der Hamburgwahl bekannt gab. Allerdings bieten auch diese Kritiker keine Alternative aus dem Dilemma an, die sich die SPD selbst eingebrockt hatte. Mit ihrer Beteuerung, unter keinen Umständen eine Kooperation mit der Linkspartei einzugehen und sich mit deren Stimmen nicht einmal wählen zu lassen, wurde eine politische Frage, mit wem man im neugewählten hessischen Landtag welche Inhalte durchsetzt, zu einer moralisch aufgeladenen Debatte über gebrochene Versprechen und verloren gegangenem Vertrauen. Damit mühen sich nun auch erklärte Befürworter einer Kooperation von SPD, Grünen und Linkspartei in Hessen, wie der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (3) ab. Hier setzt auch das Dilemma der Beck-Kritiker an, die die Bekanntgabe der Kursänderung zur Linkspartei kurz vor der Hamburg-Wahl für falsch halten. Wenn die Normalisierung aber erst danach öffentlich geworden wäre, hätten die Kritiker von Vertrauensbrüchen noch mehr Munition gehabt. Jetzt könnte Beck immerhin zu Gute gehalten werden, dass er noch vor der Hamburgwahl deutlich machte, wohin der Kurs geht. Becks politische Zukunft bleibt offen. Wie schnell Karrieren in der SPD enden, musste schon Rudolf Scharping Ende der 90er Jahre erfahren. Debatte in der Linkspartei Ungeachtet dessen findet die Normalisierung zur Linkspartei Zustimmung bei SPD-Landespolitikern in Ost- und Westdeutschland. In Thüringen setzen sich bei einer SPD-Mitgliederbefragung mehrheitlich diejenigen durch, die es ablehnen, als Juniorpartner einer stärkeren Linkspartei in die Regierung einzutreten. Dass die SPD als stärkste Partei mit der linken Konkurrenz regieren sollte, stellt dort niemand in Frage. Auch in Brandenburg wird nach den Landtagswahlen ein solches Bündnis als Alternative zur ungeliebten großen Koalition von beiden Parteien angestrebt. Die SPD-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft (4) hat ebenso deutlich gemacht, dass sie von einer Ausgrenzung der Linkspartei wenig hält, wie dies auch SPD-Politiker aus Schleswig-Holstein und dem Saarland kund getan haben. Im Saarland könnte die Linkspartei ein zweistelliges Ergebnis einfahren. Der ehemalige saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine wird als möglicher Kandidat für ein Ministeramt gehandelt. Eine solche Konstellation hätte auch Auswirkungen auf die Debatte in der Linkspartei, die gerade in der letzten Woche mit dem angekündigten Rückzug von Katina Schubert (5) aus dem Parteivorstand einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Schubert begründete ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur mit dem größeren Spielraum, den sie für eine innerparteiliche Debatte über die weitere Ausrichtung der Partei brauche, bei der sie sich auch gegen Thesen Lafontaine wendet (6). In der öffentlichen Diskussion wird der Konflikt verkürzt und teilweise sogar falsch als eine Auseinandersetzung zwischen den pragmatischen aufs Mitregieren gepolten ostdeutschen Politikern versus des durch Lafontaine repräsentierten westdeutsche Protestmilieus interpretiert. Allerdings stammt Katina Schubert selber aus dem Westen und war mehrere Jahre in der Partei Ökologische Linke (7) aktiv, die sich mit einer eindeutig linken Kritik an der Linkspartei und ihren Vorläufern profilierte. Schubert dürfte der Emanzipatorischen Linken (8) Auftrieb geben, einer Strömung, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt, ökologische und feministische Themen in der Partei verankern will, sich aber nicht generell gegen eine Regierungsbeteiligung ausspricht. In dieser Frage zumindest dürfte es den geringsten Dissens zu Lafontaine geben, der sich noch immer zu seiner führenden Rolle bei der Neufassung, Kritiker sprechen vom faktischen Abbau, der Asylgesetze vor nunmehr 15 Jahren bekannt (9). Er hat sich nie grundsätzlich gegen eine Regierungsbeteiligung ausgesprochen. An seinen Parteifreunden in Berlin kritisierte er denn auch nicht, dass sie mit der SPD regieren, sondern dass sie nicht deutlicher gegen den Sozialabbau und die Privatisierung streiten. Als möglicher Minister einer saarländischen Regierung wäre er dann selber in der Beweispflicht.
LINKS
(1) http://www.nordhessenpartei.de/ (2) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?R essort=me&dig=2008%2F03%2F01%2Fa0141&src=GI&cHash=8a8a6e7be5 (3) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?R essort=me&dig=2008%2F02%2F29%2Fa0116&src=GI&cHash=50c4e7d2f (4) http://www.hannelore-kraft.de/ (5) http://www.katina-schubert.de/ (6) http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/lafontaine-allein-ist- nicht-die-linke/?src=TE&cHash=97501ff69c (7) http://www.oekologische-linke.de (8) http://www.emanzipatorische-linke.de/ (9) http://buerengruppe.wordpress.com/2008/01/15/asyl-und-abschiebehaft-15-j ahre-asylrechtsanderung-ein-resumee/ |