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ND14.07.2008Ökologisch reisen für wen?
Von Peter Nowak
Erinnert sich noch jemand an Halo Saibold? Die grüne Bundestagsabgeordnete war im März 1998 für einige Tage in den Schlagzeilen und wurde nach einer »Bild«-Kam- pagne zur meistgehassten Politikerin der Nation. Dafür hatte ein Interview gesorgt, dessen Kernsatz lautete: »Es reicht vollkommen aus, wenn die Deutschen nicht jedes Jahr, sondern nur alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen.« In den Zeiten des beginnenden BilligfliegerBooms kosteten diese Worte selbst bei den Grünen viele Sympathien. Zehn Jahre später erweist sich die Frau, die sich mittlerweile aus der Politik und der grünen Partei zurück gezogen hat, als Kassandra, die ihrer Zeit voraus war.
Im Zeitalter von Klimawandel und der Peak-Oil-Debatte kommen Flugreisende zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Sicher ist es sehr berechtigt, sich über die ökologischen Folgen des Tourismus Gedanken zu machen. Doch geht es bei der aktuellen Debatte wirklich nur um die Umwelt? Da bleiben Zweifel. Es zeigt sich gerade bei dieser Diskussion, dass die Umweltfrage immer eine soziale Dimension hat.
So empfiehlt die Umweltstiftung WWF Urlaubsreisenden, genau zu überlegen, ob das Reiseziel wirklich weit entfernt sein müsse. Doch generell ächten will der WWF Fernreisen nicht. Man solle aber auf ressourcenschonende Unterkünfte achten und vor Ort naturverträgliche Aktivitäten wie Wanderungen, Rad- oder Bootstouren wählen. Die Grünen-nahe »Tageszeitung« immerhin nannte als Beispiel für ökologisch korrekten Urlaub eine Busreise nach Südtirol. Nun sind Ökoreisen – durchaus auch in die Ferne – schon seit Jahren bei einer umweltbewussten Mittelschicht sehr geliebt. Die hat auch die nötigen finanziellen Mittel dazu. Und wenn in diesen Kreisen gegen Billigflieger gewettert wurde, waren neben Umweltgründen nicht selten auch soziale Ressentiments rauszuhören. Wenn Erna und Otto Normalverdiener künftig nach Südtirol oder vielleicht an die Ostsee fahren, bleibt man an den exotischeren Urlaubszielen wieder unter sich. Die Größe der vielzitierten ökologischen Fingerabdrücke richtet sich dann also nach dem Bankkonto.