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ND10.10.2008Misslungener Prozess
Von Peter Nowak
»Der Bologna-Prozess steckt in einer tiefen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise. Das ist ein Alarmzeichen, das niemanden kalt lassen kann«, erklärte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bernhard Kempen vor einigen Wochen bei der Vorstellung der Ergebnisse einer Befragung zur Studiensituation in Deutschland. Damit fasste Kempen nur zusammen, was viele Nachwuchsakademiker noch deutlicher kritisieren. Sie beklagen u.a. eine Verschulung des Studiums.
Im italienischen Bologna hatten sich 1999 die EU-Bildungspolitiker auf die Schaffung eines europäischen Bildungsraums bis 2010 verständigt. Knapp ein Jahr vor dem anvisierten Datum ist man vom Erreichen des Ziels meilenweit entfernt. Durch die Spezialisierung der Studiengänge ist schon ein innerdeutscher Studienplatzwechsel mit großen Problemen verbunden und von dem in Bologna angestrebten europäischen Hochschulraum kann schon gar keine Rede sein. Die straffe Organisation des Bachelor-Studiums hat zu einem Anwachsen der Studienabbrecher vor allem in den naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern geführt. Auch die Anerkennung von Leistungsnachweisen ist erschwert statt erleichtert worden.
Aus studentischer Sicht bestätigte Florian Keller vom Vorstand des studentischen Dachverbandes fzs die Kritik des Hochschulverbandes. »Viele Studierende der neuen Studiengänge haben einen wöchentlichen Arbeitsaufwand von 49 und mehr Stunden und erhalten dafür noch immer nicht die Leistungspunkte, die für ein Semester vorgesehen sind.« Der fzs will das Thema auf dem Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Merkel Ende Oktober auf die Tagesordnung setzen. Eigentlich müsste dieser Gipfel ein zentrales Ziel studentischer Proteste sein. Schließlich haben linke Studierendengruppen seit einem Jahrzehnt vor einer Bildungskatstrophe im Namen des Bologna-Prozesses gewarnt, dessen Folgen jetzt alle zu beklagen scheinen.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.