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ND26.09.2008Faktenreich und differenziert
Eine Broschüre untersucht den Einfluss des Islam auf Jugendkulturen
Von Peter Nowak
Entwickelt sich unter den Kindern und Jugendlichen von arabischen Migrantenfamilien eine neue Generation von Islamisten? Diese Warnungen kommen nicht nur aus rechten Kreisen. So sieht die Rechtsanwältin Seyran Ates die multikulturelle Gesellschaft als gescheitert und fordert ein Kopftuchverbot. Differenziert dagegen ist das Bild, das eine Broschüre der Initiative »Schule ohne Rassismus« zeichnet.
In der 58-seitigen reich bebilderten Schrift nimmt das Kopftuch gerade mal eine dreiviertel Seite ein. In dem Text wird darauf verwiesen, dass es Fälle gibt, wo Frauen zum Tragen des Kopftuches genötigt werden. Doch vor allem ältere Frauen tragen das Kopftuch oft aus Tradition, während es bei jungen Frauen mittlerweile ein modisches Accessoire sei, das oft sogar gegen den Willen der Eltern getragen werde. Dabei sei Kopftuch nicht gleich Kopftuch. Es komme darauf an, wie es gefaltet wird.
Überwiegend aber werden Themen behandelt, die in der aktuellen Diskussion um Islamisierungstendenzen der migrantischen Jugend oft unter dem Tisch fallen. So gibt es mittlerweile gerade im Bereich der Musik und der Internetpredigten für die unterschiedlichen Zielgruppen spezielle Angebote. So liefert der ägyptische Prediger Amir Khaled auf seiner Webseite Vorträge für junge Muslime mit einem guten Bildungshintergrund. Sie werden von seinen Appellen zum Drogenverzicht und seinen Aufrufen zu verstärkter Eigeninitiative angesprochen. Khaled steht für einen selbstbewussten Islam, der sich in die westliche Gesellschaften integrieren will, aber auch auf Respekt besteht. Der Rapper Sami Yusuf, der mittlerweile in der Gemeinde des Islam-Pop Starkult erlangt hat, findet seine Anhänger vor allem unter Jugendlichen, die in Toleranz und Pazifismus kein Widerspruch zu ihrem islamischen Glauben sehen. Auch einige Rapperinnen werden vorgestellt, die sich oft kritisch mit dem Machogehabe von islamischen Jungmännern auseinandersetzen. Dazu gehören Lady Scar, die sich als stolze Muslima bezeichnet und die Palästinenserin Sahira, die betont, dass sie bei ihren Auftritten ein Kopftuch trägt, weil sie es selber will.
Wenig bekannt dürfte hierzulande das lebensmitteltechnische Institut Halal Control sein, das Getränke und Speisen auf ihre muslimische Korrektheit untersucht. Erlaubtes wird als »halal«, Verbotenes, z.B. Schweinefleisch aber auch Gelatine, als »haram« bezeichnet. Diese Ver- und Gebotsregeln beziehen sich nicht nur auf die Ernährung, sondern auch die Körperpflege und Haushaltsführung. Auf der Liste der Kooperationspartner von Halal Control stehen unter anderen Bayer, Nestle und BASF. Schließlich sind Muslime auch eine umworbene Kundengruppe.
Natürlich werden auch die kulturellen und medialen Angebote, der moslemischen Jugendlichen vorgestellt, die sich nicht in die westliche Gesellschaft integrieren wollen oder können. Dazu zählen obskure Gruppen wie die Global Islamic Front (GIMF), die den Dschihad im Internet verbreiten wollen, aber auch der libanesische Hizbollah-Sender Al-Manar, der mit antisemitischen und verschwörungstheoretischen Inhalten noch immer zur wichtigen Informationsquelle vieler arabischer Migranten gehört.
Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus. Lifestyle, Medien und Musik«, 3 Euro (10 Ex.à 2,50 Euro). Bezugsadresse: SOR-SMC, Ahornstraße 5, 10787 Berlin, E-Mail: schule@aktioncourage.org Tel.: (030) 214 58 60