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TELEPOLIS18.11.2008 Wettkampf der Opelretter Peter Nowak Im Vorwahlkampf werden sich alle Parteien zu Opel-Rettern stilisieren und dabei einen gegen die USA gerichteten Nationalkeynsianismus propagieren Am Montag war das Thema Opel Chefsache in Berlin. Im Bundeskanzleramt konferierte Merkel mit den Opelmanagern. Im zwei Kilometer entfernten Bundesaußenministerium traf sich der SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier mit den Gewerkschaftsvertretern von Opel und der Spitze der IG-Metall. Dass beide Treffen keine konkreten Ergebnisse brachten, war vorauszusehen. Merkel und Steinmeier haben deutlich gemacht, dass sie die Rettung der Arbeitsplätze von Opel zur Chefsache machen und sich eben nicht nur bei der Rettung der Banken als Macherinnen und Macher inszenieren wollen. Deshalb traten Merkel und Steinmeier, aber auch die Ministerpräsidenten der vier Bundesländer mit Opel-Niederlassungen, als Wahlkämpfer auf. Besonders deutlich wird das beim hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Weil der sich schon in zwei Monaten zur Wiederwahl stellen muss, belässt er es allerdings nicht bei Ankündigungen. Er brachte ein Gesetz (1) in den Landtag ein, das Bürgschaften bis zu 500 Millionen Euro ermöglicht. Die Eile scheint plausibel. Schließlich löst sich das Parlament demnächst auf und eine Sondersitzung mitten im Wahlkampf ist zeit- und geldaufwändig. Koch hat es dem "Gewissen" von vier SPD-Landtagsabgeordneten zu verdanken, dass er jetzt die Rolle des Machers spielen kann. Wäre Ypsilantis zur Ministerpräsidentin gewählt worden, würde sie die dankbare Rolle spielen. Denn Opposition gegen die Bürgschaft wird in Hessen nicht laut. Selbst die Linkspartei kritisiert (2) nur, dass über die Bürgschaft nicht die geschäftsführende Landesregierung, sondern der Haushaltsausschuss des Parlaments entscheiden müsse. Niemand will sich im Wahlkampf vorwerfen lassen, den Opel-Arbeitern in den Rücken gefallen zu sein. Zwischentöne sind Krampf im Wahlkampf Deswegen wird es auch bei den Grünen kaum Diskussionen darüber geben, ob eine Rettung für den Autobauer Opel für die Umwelt eine gute oder schlechte Nachricht ist und ob man nicht bei Opel auch andere Produkte produzieren könnte. Denn, um ein altes Wortspiel des Chansonniers Franz Josef Degenhardt zu benutzen, solche Zwischentöne sind Krampf im Wahlkampf. So wie die Grünen ihre ökologischen muss die FDP ihre wirtschaftsliberalen Grundsätze mal kurz vergessen, wenn es um die Rettung der Opel-Arbeitsplätze geht. Der FDP-Fraktionschef von Nordrhein-Westfalen Gerhard Papke (3) gestand im Interview mit dem Deutschlandfunk (4) das Dilemma ein, dass er als überzeugter Marktwirtschaftler nun im Opel-Standort NRW ausnahmsweise einmal einen Konzern stützen werde. So wie Papke hatte auch Angela Merkel erklärt, dass eventuelle Bürgschaften nicht zur Regel werden dürfen. Nun könnte man daran erinnern, dass die absolute Ausnahme schon lange Vergangenheit ist. Gerhard Schröder hat sich als Retter der Holzmann AG in Niedersachsen feiern lassen. Was aus der Firma geworden ist, will heute so genau niemand mehr wissen, merkt die FAZ kritisch in einem Kommentar (5) an, in dem sie die marktliberale Fahne hochhält und doch weiß, dass sie damit in Vorwahlkampfzeiten auf verlorenen Posten steht und sich die absoluten Ausnahmefälle häufen könnten. --Der Wettlauf um Staatshilfe ist eröffnet. Neben Opel möchten daran auch andere Autobauer teilnehmen, die Zulieferer ebenfalls, und vorsorglich melden weitere Branchen ihr Interesse an. Die deutsche Wirtschaft schrumpft, aus allen Branchen kommen schlechte Nachrichten: Stahl, Chemie, Logistik, Tourismus, Luftfahrt, Informationstechnik, Einzelhandel, Landwirtschaft und so fort. Wo soll die Grenze gezogen werden?-- Kommentar in der FAZ Keine deutschen Steuergelder in die USA Merkel und Papke sind sich auch in einer anderen Frage einig. Eine Bürgschaft könne es nur geben, wenn die Mittel in Deutschland verblieben, betonen sie. Papke wurde noch deutlicher. Deutsche Steuergelder dürften auf keinen Fall in einem schwarzen Loch in den USA versinken. Solche Töne kommen gerade an den Opel-Standorten, wo Menschen um ihre Arbeitsplätze fürchten, gut an. In einer Reportage der Tageszeitung aus Rüsselsheim, wo in den letzten 30 Jahren mehr als 15.000 Arbeitsplätze verloren gingen, heißt es über eine Begegnung mit Rentnern (6) in der taz: --"Ich bin froh, dass ich schon draußen bin, denn jetzt gehen ja vielleicht alle Lichter beim Adam aus", sagt ein Rentner in taubenblauem Blouson und Schildmütze zu einem anderen. Der meint, dass "der Ami" an allem schuld sei: "Wir hätten uns schon längst von denen abkoppeln müssen." Alle in der Gruppe nicken.-- Diese Volte gegen die "Amis", die den Krisenvirus nach Deutschland geschleppt hätten, dürfte nicht nur an den Opel-Standorten über Parteigrenzenhinweg Gehör finden. Hier könnte sich aus den unbegriffenen Prozessen der kapitalistischen Vergesellschaftung ein Nationalkeynsianismus mit antiamerikanischen Einschlag entwickeln. Gewerkschaften in der Klemme Eine solche Politik kommt auch bei vielen Gewerkschaftern gut an. So forderten die Betriebsräte der vier Opelstandorte in Deutschland ebenfalls, dass die Mittel aus deutschen Bürgschaften keineswegs in die USA transferiert werden dürften. Ansonsten warnte der Opel-Betriebsratschef Franz Klaus, der seine politische Sozialisation einst gemeinsam mit Josef Fischer bei den links-undogmatischen Spontis begonnen hat, vor dem Schlechtreden des deutschen Opel-Standorts. Opel habe keine Liquiditätsprobleme und die Bitten um eine Bürgschaft seien reine Vorsichtsnassnahmen, so Franz. Für ihn ist der in Duisburg-Essen lehrende Verkehrswissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer (7), der vor einem Zusammenbruch des Opel-Konzerns warnt (8), ein Krisenpopulist. Auch der gemeinhin zur Gewerkschaftslinken gezählte Bochumer Opel-Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel sieht im US-Mutterkonzern GM das Problem. Selbst über eine Trennung werde nachgedacht. Über Solidaritätsaktionen mit den von der Krise wesentlich härter gebeutelten GM-Kollegen liest man bisher wenig. Die Gewerkschaften wissen, dass in den Zeiten der Krise wieder Opfer gefordert werden, was schon der Tarifabschluss der IG-Metall deutlich machte. In einem Diskussionspapier (9) haben einige Gewerkschaftler des AK Weltwirtschaftskrise beim Landesverband ver.di von Baden-Württemberg eine ernüchternde Bilanz der gewerkschaftlichen Aktivitäten der letzten Zeit gegeben und vor der "Sackgasse Nationalkeynsianismus" gewarnt. Ob es ihnen gelingt, in den Gewerkschaften eine breitere Diskussion darüber zu initiieren, wird sich in der nächsten Zeit zeigen.
LINKS
(1) http://www.hessen.de/irj/hessen_Internet?rid=HStK_15/hessen_Internet/nav /5ef/5ef5072f-a961-6401-e76c-d1505eb31b65,3457bea5-ef7a-d112-6684-144e91 69fccd,,,11111111-2222-3333-4444-100000005004%26_ic_uCon_zentral=3457bea 5-ef7a-d112-6684-144e9169fccd.htm&uid=5ef50 (2) http://www.linksfraktion-hessen.de/cms/abgeordnete/die-abgeordneten/jani ne-wissler/pressemitteilungen/541-opel-arbeitsplaetze-muessen-erhalten-u nd-gesichert-werden.html (3) http://www.gerhard-papke.de/ (4) http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2008/11/17/dlf_20081117_2314_0 b8ca4ff.mp3 (5) http://www.faz.net/s/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C/Doc~E8857C09AE7 7F43019511555565BAC561~ATpl~Ecommon~Scontent.html (6) http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ress ort=sw&dig=2008%2F11%2F17%2Fa0081&cHash=8ca7df7b10&type=98 (7) http://www.fh-gelsenkirchen.de/fb11/homepages/dudenhoeffer/mf_vita.htm (8) http://www.rp-online.de/public/article/auto/verkehr/639354/Opel-Auch-ein e-Modell-Krise.html (9) http://www.linke-kk.net/images/stories/Beitrage/Analysen_Studien_%20Mein ungen/Gewerkschaften%20Krise.rtf?737a98a4d192334b6061247598e6eb4f=917cc0 4d9550eee90080829913033b79 |