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ND29.08.2008Unternehmerische Universität
Tauziehen um Neubesetzung der Hochschulleitung in Siegen
Peter Nowak
Um die Neubesetzung des Rektorposten an der Universität Siegen in Nordrhein-Westfalen (NRW) ist heftiger Streit entbrannt. Hinter den Kulissen geht es aber weniger um Personalfragen, sondern eher darum, wie viel Einfluss die Wirtschaft auf die Hochschulen haben soll.
Die Universität Siegen wird auch zu Beginn des Wintersemesters keinen neuen Rektor haben. Statt dessen wird der bisherige Amtsinhaber vorerst weiter amtieren. Die Rektorenstelle wird neu ausgeschrieben. Das ist das Ergebnis eines wochenlangen Tauziehens zwischen dem Hochschulrat und dem Senat um den Posten. Während der Hochschulrat mehrheitlich den bisherigen Vizepräsidenten der Technischen Universität Berlin, Jörg Steinbach, auf den Rektorenposten sehen wollte, favorisierte der Senat den bisherigen Rektor Ralf Schnell. Beide Kandidaten stehen bei der nächsten Runde nicht mehr zur Wahl. Auch der Vorsitzende des Hochschulrates Axel E. Barten hat vor wenigen Tagen seinen Rücktritt eingereicht, nachdem er den von ihm favorisierten Kandidaten Steinbach nicht durchsetzen konnte. »Das Wahlverfahren, das sich nach Meinung des gesamten Hochschulrates streng an den Bestimmungen des neuen Hochschulfreiheitsgesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen orientiert hat, wurde von den Gremien der Universität jedoch als intransparent kritisiert und abgelehnt«, begründete Barte, dem wegen seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Steinbach Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde, seinen Entschluss.
Doch bei der Auseinandersetzung geht es nach Meinung vieler Kritiker um die Frage, welchen Einfluss Wirtschaftsinteressen auf die Hochschulen nehmen können. Das von der konservativ-liberalen NRW-Landesregierung beschlossene Hochschulfreiheitsgesetz gibt dem der zur Hälfte mit externen Personen bestückten Hochschulrat das letzte Entscheidungsrecht. Der von Angehörigen der Hochschule gebildete Senat wurde zurückgestuft.
In dieser Konstruktion sieht die SPD-Landtagsabgeordnete Helga Schwarz-Schumann den eigentlichen Grund für die Auseinandersetzung an der Siegener Universität. »Meines Erachtens war es falsch, dem neu eingerichteten Hochschulrat eine so mächtige Stellung einzuräumen und den Senat, in dem alle Gruppen der Universität vertreten sind, damit weitgehend zu entmachten«, erklärte die Politikerin. Der Siegener Kreisverband der Linkspartei meinte in einer Presseerklärung, dass das Hochschulfreiheitsgesetz die Universitäten »vom Staat befreit und der Wirtschaft ausgeliefert hätte«. Dem Senat sei es zu verdanken, dass diese an Siegener Universität vorerst behindert worden sei.
Auch der AStA der Universität Siegen begrüßt in einer Pressemeldung die Neuausschreibung des Rektorenpostens. Die Pressereferentin des AStA, Lena Clever, erinnerte daran, dass die Gefahren des Hochschulfreiheitsgesetzes bisher auch vom Senat und dem Rektorat nicht erkannt worden seien. Auch im Senat dominieren die Professorenmehrheit, während die Studierenden unterrepräsentiert seien. Dafür wollen sich die Studierenden mit Protesten zu Wort melden. Ein Protestbündnis mobilisiert für den heutigen Freitag zum NRW-Tag nach Wuppertal, um bei den Feierlichkeiten zum 62. Jahrestag der Landesgründung von NRW ihre Kritik an der Bildungspolitik zu artikulieren.