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ND01.08.2008Ohne Chef und Stempeluhr
Filmrezension: »Lip oder die Macht der Phantasie«
Von Peter Nowak
Ein in Deutschland weitgehend unbekannter Film beleuchtet die kurze aber eindrucksvolle Geschichte der selbstverwalteten Uhrenfabrik Lip.
»Dein Chef braucht Dich – Du brauchst ihn nicht«: Diese Parole wurde zum Motto eines Kampfes, der für einige Jahre Linke aus ganz Westeuropa beflügelte. 1973 besetzten Arbeiter die Uhrenfabrik Lip in der französischen Stadt Besançon, weil sie die Entlassung von 480 Mitarbeitern verhindern wollten. Dabei wurden einige Manager für kurze Zeit als Geiseln genommen, was die Aufmerksamkeit sofort wesentlich erhöhte. Drei Jahre gelang es der Belegschaft, die Uhrenproduktion in Eigenregie weiterzuführen, dabei wurden sogar gute Gewinne gemacht. Das Projekt wurde zum Symbol einer anderen Art der Produktion ohne Chef und Stempeluhr. Tausende solidarisierten sich.
Die heute weitgehend vergessene Geschichte wird durch einen Film von Christian Rouaud wieder lebendig, der 35 Jahre später die Protagonisten von damals noch einmal vor die Kamera holt. In »Lip oder die Macht der Phantasie« (Original: »Les Lip, L'imagination au pouvoir«) erzählen sie, wie das Projekt der Selbstverwaltung mit großen Schwierigkeiten durchgesetzt werden musste. Zu den Bremsern habe auch die den französischen Kommunisten nahestehende Gewerkschaft CGT gehört, ist darin zu erfahren, deren Funktionäre den Ideen skeptisch gegenüberstanden.
Recht sparsam geht der Film leider mit Dokumenten aus der Zeit der Auseinandersetzungen um. Die Geschichte wird größtenteils aus Zeitzeugensicht rekapituliert. Interessant ist sie dennoch, auch weil die Widersprüche innerhalb der Belegschaft nicht ausgespart werden. So erwecken einige Aktivisten den Eindruck, als könnten sie sich noch immer schwer damit abfinden, dass ihre Kolleginnen selbst aktiv wurden und nicht auf die Erlaubnis der Männer warteten. Sehr anschaulich wird geschildert, wie ein Großteil der Belegschaft damit beschäftigt war, die in Selbstverwaltung produzierten Uhren vor der Polizei zu verstecken, die immer stärker Präsenz zeigte, nachdem deutlich geworden war, dass die Fabrik ökonomisch auch ohne Chef gut überleben konnte. Die konservative französische Regierung hatte längst beschlossen, das Experiment Lip zu beenden. Unter anderem wurden alle Staatsaufträge an die Uhrenfabrik zurückgezogen – zu groß war die Angst, dass es Schule machen könnte.
1976 war das Experiment dann schließlich beendet. Damit habe endgültig eine neue Phase des Kapitalismus begonnen, heißt es in einem Filmkommentar. Diese These ist sicher strittig – Fabriken in Selbstverwaltung hat es auch danach immer wieder gegeben. Jüngstes Beispiel ist das durch das Strike-Bike bekannt gewordene Fahrradwerk Bike Systems in Nordhausen. Der Film zeigt am Beispiel Lip zudem deutlich, dass auch eine selbstverwaltete Fabrik den Zwängen der Kapitalverwertung nicht entgehen kann.
Der in Deutschland noch wenig bekannte Film hätte gerade zum 35. Jubiläum der Lip-Besetzung mehr Aufmerksamkeit verdient. Am 6. August wird er zumindest in Berlin zu sehen sein.
Frankreich 2007, 118 Min. Fassung: DF; 6. August, 20 Uhr, Stadtteilladen Zielona Gora, Grünberger Straße 73, Berlin-Friedrichshain. Der Gewerkschaftsaktivist Willi Hajek gibt im Anschluss einen Überblick über den politischen Kontext der Lip-Besetzung. Eintritt frei.