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TELEPOLIS14.04.2008Vom Internet- zum Justizputsch Peter Nowak Während die kemalistische Elite in der Türkei ihre Pfründe retten wollte, setzt der islamische Premier auf die EU Schon häufiger haben Politiker der EU die Türkei besucht. Doch die aktuelle Visite von EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und Erweiterungskommissar Olli Rehn in dem Land am Bosporus hat einen besonderen Grund. Die beiden hochrangigen EU-Politiker wollen dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und seiner islamisch-konservativen Partei AKP (1) demonstrativ den Rücken stärken. Denn Teile des weiterhin kemalistisch-nationalistischen Staatsapparates haben sich noch immer nicht mit damit abgefunden, dass sie nicht mehr an den Pfründen der Macht sitzen. Obwohl die AKP bei der Parlamentswahl im Juli vergangenen Jahres mit 46.5 Prozent der Stimmen die Wahl gewonnen hat und damit Drohungen der kemalistischen Militärs getrotzt hat, die unverhohlenen per Internet die Entfernung der AKP von der Macht forderten (siehe Das letzte Gefecht der laizistischen Republik? (2)), geht der Machtkampf in der Türkei unvermindert weiter. Der jüngste Coup der alten kemalistischen Garde kommt von dem mit ihren Gefolgsleuten besetzten Verfassungsgericht. Generalstaatsanwalt Abdurrahman Yalcinkaya hat das Verbot der Regierungspartei AKP und ein fünfjähriges Politikverbot für 71 führende AKP-Politiker, darunter Premierminister Erdogan und Staatspräsident Gül, gefordert. Beobachter sprechen nach dem versuchten Online-Putsch der Militärs vom letzten Jahr von einem versuchten Justizputsch, dessen Ausgang durchaus noch offen ist. Schließlich hat das Verfassungsgericht mit der islamistischen Wohlfahrtspartei unter Erbakan 1998 schon einmal eine islamisch geprägte Regierungspartei verboten und deren führenden Politiker verhaftet oder mit Politikverboten belegt. Allerdings hatten die Militärs zuvor diese Partei schon mit der Drohung eines Putsches von der Macht verdrängt. Der erneute Versuch der Kemalisten, mit Hilfe der Justiz ihren Konkurrenten von der Macht zu putschen, zeigt, dass sie weiterhin im Staatsapparat, in der Polizei und im Militär verankert sind. Allerdings machen Wahlergebnisse deutlich, dass sie in der Bevölkerung Sympathien verloren haben. So kann der Justizcoup auch als Verzweiflungstat der Kemalisten interpretiert werden. Schließlich haben sie einiges zu verlieren, wie sich in den letzten Wochen zeigte. Der "tiefe Staat" hat ausgedient So hatten Sondereinheiten der türkischen Polizei, die sich sonst linken Oppositionellen oder kurdischen Bürgerrechtlern widmen, am 22. Januar den Ex-General Veli Kücük verhaftet. Der hochrangige Militär war seit Jahrzehnten mit dem "tiefen Staat", jenem Netzwerk aus Geheimdiensten, paramilitärischen Todesschwadronen und organisierten Verbrechen, in Verbindung gebracht worden, die für die Morde an kritischen Intellektuellen, Gewerkschaftern und Linken verantwortlich sind. Das Synonym für diese Zusammenarbeit wurde die Kleinstadt Susurluk (3), wo am 3.November 1996 der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Auftragskiller Abdullah Catli gemeinsam mit einem hohen Polizeichef, einer Schönheitskönigin und einem kurdischen Politiker verunglückten. Für die Vertuschung der Angelegenheit war Veli Kücük verantwortlich. Jahrzehntelang durfte über den tiefen Staat nicht offiziell geredet und geschrieben werden. Das hat sich geändert. Veli Kücük war nicht der einzige, der plötzlich nicht mehr über dem Gesetz stand. 38 weitere Verdächtigte wurden mittlerweile verhaftet, darunter der prominente kemalistische Anwalt Kemal Kerinczic, der kritische Intellektuelle wie Orhan Pamuk oder den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink mit Anzeigen überzogen hatte. Auch das Oberhaupt des türkisch-orthodoxen Patriarchats Pasa Ümit Erenol sowie die Kolumnistin der ultrarechten Zeitung Aksam (4), Güler Kömürcü, gehören dazu. Die Polizeiaktion wurde als schwerer Schlag gegen das Terrornetzwerk Ergenekon (5) interpretiert. Ergenekon ist für türkische Nationalisten der mythische Ort, an dem das Türkentum entstanden sein soll. Das realexistierende Netzwerk wird für den Terror gegen Intellektuelle und Andersdenkende verantwortlich gemacht. Auch Ministerpräsident Erdogan soll auf ihrer Todesliste gestanden haben. Die Justizaktion hat die Nationalisten im Staatsapparat alarmiert. Der Vorstoß des Verfassungsgerichts wird als Gegenmaßnahme interpretiert. Dabei ist die angebliche Furcht vor einer zunehmenden Islamisierung der türkischen Gesellschaft nur ein Vorwand. Denn die kemalistischen Hardliner sind keine Gegner des Islam. Zwar wurde die Türkei von Kemal Atatürk (siehe Mustapha Kemal Atatürk und die Geburt einer Republik (6)) zum säkularen Staat erklärt, aber der Islam wird auch in ihrer Vorstellung gegenüber anderen Religionen eindeutig bevorzugt. So ist die Benachteiligung und Diskriminierung von Christen oder der Aleviten, die eine andere Lesart des Islams haben, keine Erfindung der AKP, sondern ein Erbe des Kemalismus. In der Zeit der Militärherrschaft nach 1980 wurde sogar eine Islamisierung des Bildungswesens eingeleitet. Allerdings versuchen die Kemalisten mit ihren Rekurs auf den säkularen Staat ihr Vorgehen gegen die Erdogan-Regierung als Widerstand gegen eine Islamisierung zu verkaufen. Damit wollen sie vor allem bei Teilen des städtischen Bürgertums und der städtischen Jugend Einfluss gewinnen. Rettungsanker EU Erdogan und die Eliten der AKP haben auf die Verbotsdrohung mit einer Erneuerung ihres Pro-EU-Kurses reagiert. Lange Zeit von Brüssel angemahnte und immer wieder aufgeschobene Reformvorschläge werden wieder ausgegraben. Dazu zählt die Reformierung des gefürchteten Paragraphen 301, der angebliche Beleidigung des Türkentums unter Strafe stellt und zur gefürchteten Allzweckwaffe gegen kritisches Gedankengut geworden ist. Auch die Befugnisse des Verfassungsgerichts, das sich zu einer Art kemalistisch-nationalistischen Wächterrat entwickelt hat, sollen eingeschränkt werden. Erdogans Hinwendung zur EU ist nicht ohne Risiko. Denn auch in Teilen seiner Wählerbasis, vor allem aus ländlichen Gegenden, ist der Pro-EU-Kurs durchaus umstritten. Andererseits könnte es ihm dadurch gelingen, Teile des städtischen Bürgertums, die zur Hochburg der Kemalisten gehören, für sich zu gewinnen. Ein Ziel hat die türkische Regierung schon erreicht. Die EU hat die Verbotsbestrebungen eindeutig verurteilt: "Ein Verbot der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) zieht negative Folgen für die Verhandlungen über den EU-Beitritt der Türkei nach sich", erklärte (7) der EU-Außenbeauftragte Javier Solana.
LINKS
(1) http://www.akparti.org.tr/AKPARTi%20Kurumsal.pdf (2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25181/1.html (3) http://www.uni-duisburg.de/AL/susurluk.html (4) http://www.aksam.com.tr (5) http://www.nethaber.com/Haber/58285/Bakan-Gunay-Ak-Partiyi-kapatmak (6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20902/1.html (7) http://de.rian.ru/world/20080409/104170793.html |