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TELEPOLIS27.04.2008"Die hiesige Tibet-Schwärmerei ist reine Projektion"
Peter Nowak

Colin Goldner über die Verklärungen Tibets und des Dalai Lama
Ist es ein Erfolg des internationalen Drucks ( Streicheleinheiten in
Peking (1)) oder eher eine Routineangelegenheit? Die chinesische
Regierung hat angekündigt (2), sich mit einem Vertrauten des Dalai
Lama (3) treffen zu wollen Allerdings wurde bisher in der
Berichterstattung über Tibet kaum zur Kenntnis genommen, dass es auch
in der Vergangenheit Verhandlungen mit Vertretern des Dalai Lama und
der chinesischen Regierung gegeben hat.
Das ist eine der Kritikpunkte, die der ehemalige
DDR-Auslandskorrespondent Zhiping Jia an der Tibet-Berichterstattung in
den deutschen Medien hat. Zhiping Jia gehörte zu den Mitorganisatoren
einer Demonstration in Berlin am 19. April, auf der in Deutschland
lebende chinesische Staatsbürger gegen die ihrer Meinung nach
einseitige Berichterstattung in deutschen Medien protestiert hatten.
Diese Aktion hat eine Debatte über die Objektivität der hiesigen
Tibetberichterstattung (4) angestoßen. Im Gegenzug müssen sich die
Organisatoren der Protestdemonstrationen auch mit dem Vorwurf
auseinandersetzen, von der Pekinger Regierung gelenkt zu sein So
betonte Zhiping Jia in einem Interview (5):
--Die Proteste wurden von Privatleuten und von Studentengruppen
organisiert. Die Botschaft hat uns nicht unterstützt, im Gegenteil. Ein
paar Studenten, die bei der chinesischen Botschaft Nationalfahnen
ausleihen wollten, wurde gesagt, sie sollten studieren und nicht
demonstrieren. Mobilisiert haben wir hauptsächlich über
Internetforen.--
Doch dem Vorwurf, dass jede Kritik am Dalai Lama und der vom ihm
vertretenen Politik die Machthaber in Peking unterstützt, musste sich
vor einigen Wochen auch die Bürgerschaftsabgeordnete der Linken in
Hamburg, Christiane Schneider, stellen. Weil sie in einer Rede in der
Bürgerschaft mit Verweis auf den iranischen Religionsführer Chomeini
daran erinnerte, dass man mit religiösen Persönlichkeiten in der
Politik nicht immer gute Erfahrungen gemacht habe, wurde gleich von
einem Eklat in der Bürgerschaft gesprochen (6).
Bemerkenswert ist, dass sich mit dem Dalai Lama der hessische
Ministerpräsident Roland Koch (7) genau so identifizieren kann, wie
nonkonformistische Musiker wie Björk, die bei Auftritten in China ihre
Sympathie mit Tibet ( Declare Independence (8)) ausgedrückt hat.
Der Dalai Lama ist alles andere als ein "Mann des Friedens
Auch der Wissenschaftsjournalist Colin Goldner und Autor des Buches
"Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs", das in den nächsten Tagen in
aktualisierte Neuauflage im Alibri-Verlag (9) erscheint, musste sich
wegen seiner prononcierten Kritik am Dalai Lama und der von ihm
vertretenen Politik schon häufig scharfe Angriffe gefallen lassen.
Peter Nowak sprach mit ihm über das Bild von Tibet und vom Dalai Lama.
Vor einigen Tagen protestierten in Deutschland lebende Chinesen gegen
eine verzerrte Medienberichterstattung über Tibet in deutschen
Zeitungen. Ist die Kritik berechtigt?
In den bürgerlichen West-Medien wurden die frei Haus gelieferten
Behauptungen der "Exilregierung" des Dalai Lama ohne die geringste
journalistische Distanz oder Gegenrecherche weiterverbreitet: von der
"unmenschlichen Brutalität der chinesischen Machthaber", den "grausamen
Menschenrechtsverletzungen", dem "Völkermord auf dem Dach der Welt".
Nirgendwo fand sich auch nur der leiseste Anflug von Kritik an der von
Tibetern verübten Gewalt. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
wurden die blindwütigen Horden - darunter viele Mönche aus den
örtlichen Großklöstern -, die da vandalierend, plündernd und Brände
legend durch die Straßen zogen und auf jeden einprügelten, der nicht
tibetisch genug aussah, als im Grunde friedliche Demonstranten
dargestellt, die von einer brutalen Militärdiktatur an der Ausübung
elementarster Rechte gehindert würden.
Wie wurde in den Medien Ihrer Meinung nach manipuliert?
Colin Goldner:
Verfügbares Bildmaterial wurde entweder gar nicht gezeigt oder
manipuliert, beziehungsweise mit falschen oder irreführenden
Kommentaren versehen. Der Nachrichtensender n-tv beispielsweise
strahlte ein Video aus, auf dem vermeintlich chinesisches Militär zu
sehen war, das in Lhasa auf friedliche Tibeter einprügelt. Nur: die
Bilder stammten gar nicht aus Lhasa, vielmehr zeigten sie nepalische
Polizei, die gegen Randalierer in Kathmandu vorging. Auch auf RTL
wurden die Szenen aus Kathmandu als Szenen aus Lhasa verkauft;
desgleichen in der Bild-Zeitung, in der unter der Überschrift "Hunderte
Tote bei schweren Unruhen in Tibet" ein Standphoto aus dem
Kathmandu-Video zu sehen war.
Gibt es nicht auch Beispiele für eine objektive Sicht in den Medien?
Colin Goldner:
Solche Berichte waren nur sehr vereinzelt zu lesen: die Washington
Post beispielsweise oder der britische Economist ließen westliche
Augenzeugen zu Wort kommen, die bestätigten, dass der Terror in den
Straßen von Lhasa eindeutig von tibetischer Seite vom Zaune gebrochen
worden war. Nachdem Videodokumente dies bestätigten, verlagerte das
Gros der westlichen Medien sich auf die Argumentationslinie, die
Ausschreitungen seien zwar zu verurteilen, letztlich aber vor dem
Hintergrund der jahrzehntelangen Unterdrückungspolitik Pekings
verständlich und als "Ausdruck der Verzweiflung" (NZZ) oder "Schrei
nach Freiheit" (Tagesspiegel) vielleicht sogar legitim.
Der Dalai Lama wird parteiübergreifend als Mann des Friedens
bezeichnet, der über jeder Kritik steht. Sie haben sich in ihrem Buch
"Fall eines Gottkönigs" nicht an dieses Kritikverbot gehalten. Was
werfen sie dem Dalai Lama vor?
Colin Goldner:
Schon bald nach dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in
Tibet nahmen die beiden älteren Brüder des Dalai Lama Kontakt zur CIA
auf. Mit finanzieller und personeller Hilfe des US-Geheimdienstes wurde
ab Ende der 1950er eine mehrere tausend Mann umfassende Untergrundarmee
aufgestellt, deren Aufgabe in gezielten Kommandoattacken lag.
Die Untergrundkämpfer, bekannt als Chusi Gangdruk, übten beispiellosen
Terror nicht nur gegen die chinesische Zivilbevölkerung aus, mit
guerillataktischen "Hit-and-run"-Aktionen brachten sie auch der VBA
erhebliche Verluste bei. Im Herbst 1958 griffen sie eine VBA-Garnison
nahe Lhasa an: Sie töteten mehr als 3.000 chinesische Soldaten und
gelangten in den Besitz großer Mengen an Waffen und sonstigem
Kriegsmaterial. In der Folge wuchs die Untergrundarmee innerhalb
weniger Wochen auf mehr als 12.000 Kämpfer an. Kopf der Guerilla war
Gyalo Thöndup, einer der Brüder des Dalai Lama. Bis Anfang der 1970er
wurde die Chusi Gangdruk mit jährlich 1,7 Millionen US-Dollar aus einem
eigens aufgelegten Sonderprogramm zur Finanzierung antichinesischer
Operationen gefördert.
Der Dalai Lama erhielt aus dem gleichen Fonds 186.000 US-Dollar pro
Jahr zu persönlicher Verfügung. Nachdem er den Erhalt dieser Gelder und
die Verbindung zur CIA jahrzehntelang abgestritten hatte, musste er
Ende der 1990er zugeben, gelogen zu haben. Auch wenn das Nobelkomitee
vielleicht nichts von seiner Unterstützung des Untergrundterrors in
Tibet gewusst haben mag, stellt sich doch die Frage, für welches
Verdienst ausgerechnet er mit dem Friedensnobelpreis 1989 ausgezeichnet
wurde. Der Dalai Lama ist alles andere als ein "Mann des Friedens", er
schließt den Einsatz von Gewalt keineswegs aus.
Sie gehen auch auf die Geschichte der Tibet-Begeisterung in Deutschland
ein. Was interessiert die Deutschen gerade an diesem Land?
Colin Goldner:
Die hiesige Tibet-Schwärmerei ist reine Projektion, basierend auf
grober Unkenntnis der historischen Zusammenhänge sowie Identifikation
mit einem System sozialer Ungerechtigkeit. Viele Menschen sind
begeistert von dem Bild, das der Dalai Lama von sich abgibt, aber wofür
er wirklich steht, wissen die wenigsten. Man versorgt sich mit gerade
soviel an oberflächlicher Kenntnis, dass ein Projektionsschirm für die
eigenen untergründigen Bedürfnisse und Sehnsüchte entsteht: der Wunsch
nach verlässlicher moralischer Integrität, die hiesige Politiker und
Würdenträger längst verspielt haben.
Konsequent wird alles ausgeblendet, was das Bild zum Platzen bringen
könnte. Um so frenetischer der Applaus, je platter die Phrasen "Seiner
Heiligkeit", je durchsichtiger seine Selbstdarstellung als
Friedensfürst, als heroischer Vorkämpfer für Menschenrechte und
demokratische Prinzipien. Selbst der größte Unfug, den er absondert,
bleibt unwidersprochen. Tibet als Projektionsschirm ist nur attraktiv,
weil und solange es den Dalai Lama hat.
Wie bewerten Sie die Boykottforderungen gegen die Olympiade in China?
Colin Goldner:
In Pro-Tibet-Kreisen wird nicht nur ein Boykott der Spiele gefordert,
vielmehr ist von der Erfordernis gezielter Sabotage die Rede. Im
Internet kursiert derzeit die Idee der Selbstverbrennung eines
tibetischen Mönchs im Olympiastadion von Peking. Mit Blick auf die
milliardenschweren Verflechtungen deutscher Unternehmen - Adidas,
Deutsche Bank, Siemens, Volkswagen usw. - mit China halten hiesige
Politiker nichts von einem Boykott, allenfalls will man der
Eröffnungsfeier fernbleiben.
Ich persönlich halte die Olympischen Spiele in Beijing für genauso
erübrigbar wie anderwärts. Ich kann derlei sportiv kaschierten
Massenaufmärschen mit ihrem nationalistischen Fahnen- und Hymnengedönse
nichts abgewinnen, ebensowenig dem im Leistungssport hochgehaltenen
"unbedingten Siegeswillen", wie er im "Schneller-Höher-Weiter" der
Olympischen Bewegung programmatischen Ausdruck.findet. Im Übrigen haben
Olympische Spiele noch nie einem anderen Interesse gedient als dem der
jeweiligen Veranstalter, politisches und wirtschaftliches Kapital
daraus zu schlagen.
Kritiker des Dalai Lamas geraten schnell in den Verdacht,
Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Regierung zu verteidigen.
Verstehen Sie diese Befürchtungen?
Colin Goldner:
Ich halte das für eine simple Strategie zur Abwehr berechtigter
Kritik. Wer gegen den Dalai Lama und das von ihm vertretenen
feudal-theokratische Herrschaftssystem des "alten Tibet" ist, muss
nicht notwendigerweise für die chinesische Militärdiktatur sein.
Allerdings: Was immer von den Chinesen nach 1959 an Falschem und
seinerseits Unterdrückendem in Tibet eingeführt wurde, sie schafften
Schuldverknechtung, Sklaverei und Leibeigenschaft ab, und damit die
menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen die große Masse der
Bevölkerung dahinvegetierte, ausgebeutet bis aufs Blut von einer alles
beherrschenden Clique aus Adel und hohem Klerus.

LINKS

(1)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27810/1.html
(2) http://news.xinhuanet.com/english/2008-04/25/content_8049766.htm
(3) http://www.dalailama.com/
(4) http://kommentare.zeit.de/node/131920/133860/
(5) http://www.jungewelt.de/2008/04-24/059.php
(6) http://www.hamburg1video.de/video/iLyROoafYJQd.html
(7)
http://www.roland-koch.de/Koch-Der-Dalai-Lama-steht-fuer-Verlaesslichkei
t-und-Mut/1120379520.html
(8)
http://www.youtube.com/watch?v=sdqh17B4Q9k
(9) http://alibri.denkladen.de/