|
TELEPOLIS19.04.2008Schwarzgrün: Ein Bündnis mit Zukunft? Peter Nowak Die schwarz-grüne Koalition in Hamburg soll keinen Modellcharakter haben, wird aber schon als Antwort auf den Klimawandel gepriesen Für große Teile der Bevölkerung ist die Abendgarderobe von Bundeskanzlerin Merkel ein größeres Gesprächsthema als die Einigung auf eine Regierungskoalition, die vor wenigen Jahren nur von wenigen für möglich gehalten wurde. Der Vertrag (1) über eine Zusammenarbeit zwischen der Union (2) und den Hamburger Grünen (3) ist nach geräuschlosen Verhandlungen (4) am Donnerstag präsentiert worden und muss noch von beiden Parteien abgesegnet werden. Doch niemand erwartet dabei mehr ernsthafte Schwierigkeiten. Es wird sicher noch einige Austritte geben. Doch da auch in Hamburg diejenigen, die das Profil der Grünalternativen Liste (5) in den Anfangsjahren geprägt haben, wozu Rainer Trampert und Thomas Ebermann gehörten, die Partei schon vor fast 20 Jahren verlassen haben (6) und ein großes Teil der übrig gebliebenen Parteilinken dann aus Protest gegen den von der Bundespartei unterstützten Krieg gegen Jugoslawien das Regenbogenbündnis gegründet hatten, wird sich die Zahl derer, die jetzt noch gehen, in Grenzen halten. Selbst in der grünen Jugend wurde das Hamburger Bündnis von einigen durchaus begrüßt. Wenn der Berliner grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele (7) in einem Interview (8) seine Partei warnt, das linke Lager zu verlassen, muss er sich fragen lassen, ob er sich an das Gründungsmotto der frühen Grünen nicht mehr erinnert: Das lautete bekanntlich: "Wir sind nicht links, wir sind nicht rechts, wir sind vorn." Heute könnte man das Wort vorn durch neu ersetzen. Das Wort kommt in der Präambel zum Hamburger Koalitionsvereinbarung häufig vor: --CDU und GAL sind durch unterschiedliche politische Erfahrungen und Ideen geprägt. Wenn sie dennoch zusammenarbeiten, wollen und müssen sie sich auf etwas Neues einlassen. Unterschiede müssen nicht zu Widersprüchen zugespitzt werden, sie können auch zu Ergänzungen verbunden werden, die neue Lösungen ermöglichen.-- Nachgelagerte Studiengebühren Wie das konkret aussieht, wird in dem 60seitigen Vertrag an verschiedenen Stellen vorexerziert. Da werden die in der Hansestadt heftig umstrittenen Studiengebühren nicht etwa abgeschafft, sondern nachgelagert. Sie sollen künftig unabhängig vom Erreichen eines Hochschulabschlusses nach dem Ende des Studiums gezahlt werden und 375 Euro pro Semester betragen. Ausnahmetatbestände, mit denen sich eine Rückzahlung umgehen ließe, sollen ausdrücklich "radikal reduziert" werden. Die Enttäuschung bei den Studierenden, die in Hamburg in den letzten Semestern gegen das Bezahlstudium auf die Straße gegangen sind, ist groß. Der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Studiengebühren (9), Andre Schnepper, sieht in dem jetzt in Hamburg beschlossenen Modell eine Mogelpackung (10), die sich in Australien als sozial unverträglich erwiesen habe. Doch überrascht müssen Studierende über die grüne Positionierung nicht sein. So gehört der für das Ressort Billdung zuständige Journalist der grünennahen Tageszeitung (11) schon seit Jahren zu den vehementesten Befürwortern des Bezahlstudiums (12) mit vorgeblich klassenkämpferischer Begründung. Ein kostenfreier Hochschulzugang würde eine Subventionierung der akademischen Bürgerkinder durch die Steuergelder der arbeitenden Bevölkerung darstellen, so seine Argumentation. Mehr als die Bildung dürfte sich aber die berühmte grüne Seele auch in Hamburg mit den umweltpolitischen Beschlüssen des schwarz-grünen Vertrags quälen. Die zähneknirschende Zustimmung der Ökopartei zur Elbvertiefung, gegen den sich die Grünen seit Jahren vehement gewehrt haben, könnte sogar zu dazu beitragen, dass an der grünen Basis doch noch über den Vertrag debattiert wird. Dort wird der Dissens in der Frage der Elbvertiefung festgestellt und dann vereinbart, dass das laufende Verfahren fortgeführt wird. Die Aktionsgemeinschaft gegen die Elbvertiefung (13) und der BUND (14) haben schon juristische Schritte gegen die Baumaßnahmen angekündigt und bewegen sich damit genau in der im Koalitionsvertrag vereinbarten Logik: der Verlagerung politsicher Entscheidungen von der politischen auf die juristische Ebene. So kommt die Justiz als scheinbar über den Parteien stehende Instanz ins Spiel und ihre Entscheidung hilft der unterlegenen Seite, ohne Gesichtsverlust weiter an der Regierung zu bleiben. Das ist die konkrete politische Umsetzung, der in der Präambel etwa floskelhaft formulierten Anspruchs, Widerstände nicht mehr zuzuspitzen. Auch über die Zukunft des von den Grünen heftig bekämpften Kohlekraftwerks Moorburg werden letztlich Gerichte entscheiden. "Die zuständige Behörde entscheidet rechtlich über die Genehmigungs- und Erlaubnisanträge zum Bau eines Kohlekraftwerks in Moorburg", heißt es in dem Vertrag. Der Energiekonzern Vattenfall beruft sich auf schon gemachte rechtsverbindliche Zusagen und hat Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe angekündigt, wenn das Kohlekraftwerk nicht gebaut werden sollte. Den Kritikern der Vereinbarung wird entgegengehalten, dass sich auch die CDU bewegt habe. So soll es künftig in Hamburg eine Stadtbahn geben. Selbst der Fraktionsvorsitzende der Hamburger SPD, Michael Neumann, kann da nur zustimmen. Er moniert in einem Interview (15) mit dem Deutschlandfunk vor allem, dass in den neuen Koalitionsvereinbarungen der Elternwille bei Schulwahl ihrer Kinder zu wenig berücksichtigt werde. Bündnis im Zeichen des Klimawandels? Ein Modellcharakter soll das schwarz-grüne Bündnis nicht haben, wird unisono von den Sprechern beider beteiligter Parteien beteuert. Es wäre nun auch aus der Sicht der Politiker unprofessionell, einem Bündnis, dass noch nicht mal die letzten Hürden überstanden hat, die Weihen eines historischen Projekts zu verleihen. Schließlich kam das schon beim angeblich historischen Projekt rot-grün nicht so gut an. Ein Politikwissenschaftler wie Claus Leggewie (16), kann da deutlicher werden. Der lange Zeit als vehementer Befürworter von Bündnissen zwischen SPD und Grünen geltende Leggewie empfahl (17) in der Frankfurter Rundschau auch den hessischen Grünen ein Bündnis mit der Union und kritisierte deren ersten Parlamentsbeschlüsse mit der SPD und der Linkspartei.. --Die Grünen haben gegenwärtig nicht den Kopf frei für die, ich will nicht übertreiben, historische Situation. Der erste gemeinsame Schritt mit Frau Ypsilanti war ausgerechnet die Abschaffung von Studiengebühren. Das ist eine populistische Position und völlig sekundär im Verhältnis zu dem, was das Gebot der Stunde ist. Wir leben in einer Phase zugespitzten Klimawandels, da müssten die Grünen endlich zu ihrem Kerngeschäft zurückkehren. Der Klimawandel ist eine soziale und kulturelle Revolution. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und ökologische Tragfähigkeit dürfen besonders im Zeitalter des Klimawandels nicht länger als Widerspruch behandelt werden.-- In diesem letzten Satz ist schon die Argumentation enthalten, die in Zukunft häufiger zu hören sein wird, wenn es um die Werbung für schwarz-grüne Bündnisse geht. Im Zeitalter des Klimawandels soll Schluss sein mit sozialen Wohltaten. Wenn es gilt, die Erde zu retten, müssen alle Opfer bringen und den Gürtel enger schnallen. Die Kooperation zwischen den alten Konservativen der Union und den gutverdienenden "Bioladenkunden und Postmaterialisten", wie der Parteienforscher Franz Walter (18) die grüne Basis beschreibt, könnte diese Politik glaubwürdiger als andere Konstellationen auf den Weg bringen. Wo nötig würde die FDP noch mit ins Boot geholt. Mit der Agenda 2020 (19) hat Bundespräsident Köhler schon ein Label kreiert, unter dem diese neuen Anstrengungen für den Standort Deutschland präsentiert werden können. Draußen blieben die als Kräfte der Beharrung geschmähte Linkspartei und eine SPD, die sich nicht ganz und gar von dieser distanziert. So ist es auch Leggewies größte Sorge, dass die Linke gestärkt würde, wenn die Grünen in Hessen zu schnell in eine Jamaika-Koalition eintreten würden: "Diese Periode der Akklimatisierung muss man ihnen wohl gönnen. Sonst würde die Linke, was man sich nun wirklich nicht wünschen kann, durch Abwanderung bei linksgerichteten Grünen weiter gestärkt."
LINKS
(1) http://www.hamburg.gruene.de/cms/default/dokbin/229/229457.koalitionsver trag.pdf (2) http://www.cduhamburg.de/ (3) http://www.hamburg.gruene.de/ (4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27701/1.html (5) http://www.hamburg.gruene.de/ (6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27455/1.html (7) http://www.stroebele-online.de/ (8) http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/10/169516/ (9) http://www.abs-bund.de/ (10) http://www.abs-bund.de/presse/3313.html (11) http://www.taz.de (12) http://www.abs-bund.de/aktuelles/0379 (13) http://elbe.neuhaus-an-der-oste.de/links.html (14) http://www.bund.net/ - (15) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/772290/ (16) http://www.leggewie.de/home/index.html (17) http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/?em_cnt= 1317795&sid=24861842792adbd124647ea001fe9a68 (18) http://www.politikwissenschaft.uni-goettingen.de/professuren/fwalter/fwa lter.html (19) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,547654,00.html |