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TELEPOLIS15.04.2008Mut zur Veränderung in Sachsen Peter Nowak Auch nach Milbradts Rücktritt bleiben die Probleme der sächsischen CDU. Rechte Gruppierungen könnten davon profitieren Lange war er erwartet worden und kam dann am Montag doch überraschend. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt hat das auf seiner Homepage (1) prangende Motto "Mut zur Veränderung" ganz persönlich genommen. "Ich habe mich entschlossen, 16 Monate vor der nächsten Landtagswahl in Sachsen die Amtsgeschäfte als Ministerpräsident des Freistaates Sachsen und Vorsitzender der sächsischen CDU an einen Nachfolger zu übergeben," verkündete er in einer kurzen Erklärung (2). Schon seit Wochen war aus CDU-Kreisen zu hören gewesen, dass sich der Ministerpräsident nicht mehr lange halten lassen wird. Ob es nun die Krise der sächsischen Landesbank oder private Bankgeschäfte waren, die Milbradt das Amt kostete, ist dabei nicht entscheidend. Schon zuvor machte der Landeschef bei der Bewältigung der sächsischen Geheimdienstkrise keine glückliche Figur. Aber entscheidender als all diese Probleme waren die Verhältnisse in der sächsischen CDU. Dort machte eine einflussreiche Strömung bei jeder Gelegenheit deutlich, dass sie Milbradt ablehnt. Teilweise handelt es sich um Anhänger seines Vorgängers Kurt Biedenkopf (3), der mit seinem Versuch gescheitert war, Milbradt als seinen Nachfolger zu verhindern. Beide verband eine herzliche Feindschaft. Doch neben den persönlichen Animositäten sind es politische Differenzen, die dafür sorgen werden, dass die CDU auch nach Milbradts Rücktritt nicht zur Ruhe kommt. Dafür hat der scheidende Ministerpräsident in seiner kurzen Rede selber gesorgt. Blockflöten gegen Bürgerrechtler ."Ich schlage dafür Stanislaw Tillich vor. Er ist ein kraftvoller und erfahrener Politiker, der bereits bewiesen hat, dass er den Freistaat weiter voranbringen kann", machte er seinen Anspruch deutlich, bei der Wahl seinen Nachfolgers mitzureden. Auffällig ist, dass der sächsische CDU-Fraktionsvorsitzende Fritz Hähle bei seiner kurzen Würdigung (4) des scheitenden Milbradt dessen Nachfolgevorschlag gar nicht erwähnt. Tillich gehörte bereits seit 1987 der DDR-CDU (5) an. Sie vereinigte sich nach der Wende mit der West-CDU. Doch in allen ostdeutschen Bundesländern gab es Grabenkämpfe zwischen dem bürgerrechtlichen Flügel, der erst nach der Wende in die Union eintrat, und den alten DDR-Christdemokraten, die als Blockflöten gescholten wurden. Gerade in Sachsen wird die Auseinandersetzung schon seit Jahren offen und verdeckt geführt. Der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (6), der über das Neue Forum (7) zur Union kam, ist eine wichtige Stimme dieser bürgerrechtlichen Strömung in Sachsen. Auch er wurde gelegentlich als Milbradt-Nachfolger gehandelt. Ein Kurt Biedenkopf hatte lange Zeit deshalb in Sachsen viel Erfolg, weil er als Westimport über diesen Streitigkeiten gestanden hat. Chance für neue rechte Gruppierung? Auch die Politiker aus der rechtskonservativen Deutsche Sozialen Union (8), die es heute noch als rechte Splitterpartei in Sachsen gibt und von einem übergetretenen NPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag vertreten (9) wird, können mit einem ehemaligen Politiker Funktionär der DDR-CDU wenig anfangen. Sie könnten aber aus ihrer politischen Isolation herauskommen, und zwar mit der Wählervereinigung Arbeit-Familie-Vaterland (10), die bei den sächsischen Kommunalwahlen im Juni 2008 antreten will. Der Name ist Programm. Daneben kommen in den 10 Programmpunkten rechte Evergreens, wie ein gesunder Nationalstolz" und ein "Europa der selbstständigen Vaterländer" wieder einmal zu ehren. Gründer und politische Kopf ist der parteilose Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche (11). Der ehemalige CDU-Politiker geriet wegen rechter Äußerungen (12) in seiner eigenen Partei unter Druck ( CDU-Provinz-Wahlkampf von Rechtsaußen (13)) und kam einen drohenden Ausschluss durch seinen Austritt zuvor. Nitzsche wird von dem wegen einer weithin als antisemitisch empfunden Rede ( Der Wortlaut der Rede von MdB Martin Hohmann zum Nationalfeiertag (14)) aus der CDU ausgeschlossenen langjährigen Fuldaer Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann (15) unterstützt. Hohmann wurde Ehrenvorsitzender der neuen Gruppierung und will auch aktiv im Wahlkampf auftreten. Dadurch werde seine Gruppierung "noch attraktiver für konservative CDU-Wähler", so Nitzsche. Er wird in der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" mit der Prognose (16) zitiert: "Die CDU muss sich warm anziehen." Allerdings ist es eher fraglich, ob es der neuen Gruppierung gelingt, sich als dritte Kraft zwischen der Union und den offen Rechtsextremen, die in Sachsen von der NPD repräsentiert werden, zu etablieren. Ähnliche Versuche waren in der Vergangenheit immer schnell gescheitert. Außerdem versucht sich in Westdeutschland schon die Pro-Bewegung (17), initiiert von dem rechtspopulistischen Wählerbündnis Pro-Köln (18), zwischen der CDU und der NPD zu etablieren (19). Allerdings könnte die Gruppe um Nitzsche von der Krise der CDU profitieren. Auch die sächsische NPD, die nach ihrem Wahlsieg bei den Landtagswahlen durch interne Querelen und Austritte von Abgeordneten viel Vertrauen ihrer eigenen Basis verspielt hat, dürfte die neue Vereinigung als unerwünschten Konkurrenten betrachten.
LINKS
(1) http://www.georg-milbradt.de/de/ (2) http://cdu-sachsen-fraktion.de/dokumente/073Statement_MP_14_4.PDF (3) http://www.biedenkopf-kurt.de/ (4) http://cdu-sachsen-fraktion.de/presse.asp?iid=11&change=T&dtl=T&lid=2117 (5) http://www.chronikderwende.de/_/lexikon/glossar/glossar_jsp/key=christli chdemokratischeunion%252ccduderddr.html (6) http://www.bundestag.de/mdb/bio/V/vaatzar0.html (7) http://www.neuesforum.de/ (8) http://www.dsu-deutschland.de/ (9) http://www.dsu-deutschland.de/html/presse_vom_20_10_2006.html (10) http://www.arbeit-familie-vaterland.de/ (11) http://www.henry-nitzsche.de/ (12) http://www.tagesspiegel.de/politik/div/;art771,2278969 (13) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20797/1.html (14) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15981/1.html (15) http://www.martinhohmann.de/ (16) http://www.arbeit-familie-vaterland.de/show_news.php?action=shownews&id= 20 (17) http://www.pro-nrw.org/ (18) http://www.pro-koeln-online.de/ (19) http://www.ksta.de/html/artikel/1193144155719.shtml |