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TAZ30.09.2008Afro Hesse von Abschiebung bedroht
Der in Hiphop-Kreisen bekannte Rapper Afro Hesse sitzt im Abschiebegefängnis. Der Algerier lebt seit Jahren illegal im Land, macht sein Leben als Papierloser zum Thema seiner Lieder. Ein Solikreis mobilisiert für seine Freilassung
Für Fans von Hiphop ist der Name Afro Hesse schon seit Jahren ein Begriff. Jetzt dürfte er auch AntirassistInnen bekannt werden. Wie ein aus KünstlerInnen und persönlichen Bekannten bestehender Solidaritätskreis für Afro Hesse kürzlich mitteilte, sitzt der Hiphopper schon seit dem 2. August in Berlin im Gefängnis. Wegen illegalen Aufenthalts in Deutschland droht ihm die Abschiebung.
Der 28-jährige Rapper war in der Hiphop-Szene bekannt geworden, weil er als Flüchtling ohne Papiere zwei Alben veröffentlicht hat, in denen er sein Leben ohne Papiere zum Thema machte. Das erste Album trug den programmatischen Titel "Der verschollene Immigrant". Im Februar 2008 war "Mehr als nur Musik" erschienen. Aus diesem Anlass gab der Künstler eines seiner seltenen Interviews und machte sein Leben als Rapper ohne Papiere dort zum Thema. "Ich verdiene kaum Geld und bin auch noch illegal hier. Ich habe zwar eine Wohnung, aber die ist ohne Strom. Zurzeit wohne ich bei einem Kumpel, weil es bei mir zu kalt ist. Ich werde aber bald versuchen ein bisschen zu renovieren. Aber es ist auf keinen Fall ein Ort, wo man sich wohl fühlt."
Zu dieser Zeit hat Afro Hesse schon die gesamte Odyssee eines erst geduldeten und dann illegalisierten Migranten hinter sich. 1989 war er im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus seiner algerischen Heimat, in der damals ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Islamisten und Militär tobt, nach Deutschland geflohen. 1997 war zumindest für die zuständige Ausländerbehörde der Konflikt in seiner Heimat erledigt und die Familie sollte nach Algerien zurückkehren. Mit Unterstützung von AntirassistInnen entzog sie sich jedoch dem Zugriff der Ämter, ging ins Kirchenasyl und lebte dann in der Nähe von Darmstadt bei einer Familie.
Für den damals schon in der örtlichen Hiphop-Szene verankerten Teenager stand das erzwungene Untertauchen bei Darmstadt auch für seinen Künstlernamen Pate. Allerdings verband sich damit auch ein politisches Statement. "Ich bin auf jeden Fall Algerier, aber ich bin auch durch diesen ganzen Scheiß, den ich durchgemacht habe, multikulturell geworden. Ich bin Hesse, Afrikaner, Araber, Deutscher und Algerier", erklärte Afro Hesse in dem Interview vom Februar.
Im Jahr 2003 konnte er sich der drohenden Abschiebung nur durch eine schnelle Flucht nach Frankreich entziehen. Mit den letzten 80 Euro kaufte er sich eine Zugfahrtkarte nach Paris. "Ich musste aus Deutschland weg und hatte nur fünf Tage Zeit. Danach hätten sie mich abgeschoben und ich wäre weg gewesen. Ich habe meine Taschen gepackt und bin abgehauen", berichtete er über diese Zeit. Mit dem Verkauf von CDs an TouristInnen verdiente er in Paris etwas Geld.
In Hiphop-Kreisen ist nun allerdings schon länger bekannt, dass Afro Hesse seit etwa vier Jahren wieder in Deutschland lebt. Trotzdem kam die Nachricht über seine Inhaftierung im Sommer für viele überraschend. Deshalb kam die Solidaritätsarbeit langsam auf Touren. Doch mittlerweile wird vor allem in Hiphop-Kreisen für seine Freilassung mobilisiert. Unter dem Motto "Free Afro Hesse" werden für den 29. Oktober im SO36 ab 18 Uhr unter anderem Deso Dogg, MC Bogy, Tarek & Massimo und Mike Fiction auf der Bühne stehen. Der Erlös des Abends fließt in vollem Umfang der Verteidigung von Afro Hesse zu. Die Kampagne will an seinem Fall auch den Umgang mit MigrantInnen in Deutschland insgesamt thematisieren. So heißt es auf einer Homepage: "Ohne festen Wohnsitz, Krankenversicherung, die Möglichkeit einer Anstellung und finanzielle Sicherheit teilte er das Schicksal von bis zu 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die von der Bürokratie als ,illegal' eingestuft werden." PETER NOWAK