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ND05.07.2008Angst vor falschem Applaus
Westlinke diskutierten über ihren schwierigen Umgang mit dem Prager Frühling
Von Peter Nowak
Die Erinnerung an das ereignisreiche Jahr 1968 ist noch immer geteilt. Während die Westlinke vor allem an den Pariser Mai denkt, blickt die Ostlinke auf den Prager Frühling. Eine vom Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen im Berliner Haus der Demokratie organisierte Veranstaltung wollte dem abhelfen. Und doch war der einzige oppositionelle ostdeutsche Linke auf dem Podium der Moderator Bernd Gehrke. Der Mitherausgeber des Sammelbandes »1968 und die Arbeiter« sprach von einem Schlüsseljahr für die DDR-Opposition: Unterstützung für den Prager Frühling und Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in der Hauptstadt der CSSR vor 40 Jahren habe die Gesellschaft gespalten.
Für die Diskussionspartner aus der Westlinken hatte der Prager Frühling hingegen keine solch existenzielle Bedeutung. Dennoch, so konstatierte Peter Grohmann, führten die Prager Ereignisse auch zu einem Riss in der westdeutschen Linken. Während die illegale KPD und die in Entstehung begriffene DKP den Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten verteidigten, wurde dieser von anderen Linken verurteilt. So von Grohmann, Mitbegründer des »Clubs Voltaire« und langjähriger Aktivist im Sozialistischen Büro (SB), dem Sammelbecken der undogmatischen westdeutschen Linken. Auch Rolf Euler, der 1968 in der Evangelischen Jugend politisiert worden ist, anschließend 25 Jahre als Bergmann gearbeitet hatte, konnte die Invasion nicht gutheißen: Allerdings wollte man damals nicht im Lager der Entspannungsgegner landen, die Krokodilstränen über das Ende des sozialistischen Reformkurses in Prag vergossen, in Wirklichkeit jedoch ein »Roll-back« des Sozialismus anstrebten. Grohmann betonte, dass er und sein politisches Umfeld trotz aller Kritik an der Politik der nominal-sozialistischen Staaten den Kampf für die Anerkennung der DDR und die Entspannungspolitik nicht in Frage stellten. Diese Position verteidigten beide Aktivisten auch im Rückblick. Allerdings, so räumte Euler ein, hätte man die Verhältnisse in den osteuropäischen Ländern aus Angst vor falschem Beifall zu zaghaft kritisiert.
Auch in der französischen Linken blieb die Haltung zum Prager Frühling zwiespältig, ergänzte der Gewerkschaftsaktivist Willi Hajek, der Kontakt zur französischen Linken außerhalb der KP hatte. Einerseits unterstützte jene den Aufbruch der Tschechoslowakei zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, andererseits kritisierte man führende Ökonomen des Prager Frühlings wie etwa Ota Sik; er galt in weiten Teilen der Westlinken als Technokrat, der die Volkswirtschaft der CSSR durch Marktelemente dem kapitalistisch dominierten Weltmarkt habe unterwerfen wollen.
Die spannende Frage, ob der Prager Frühling ohne die Intervention des Warschauer Vertrages tatsächlich eine Entwicklung genommen hätte, wie sie 20 Jahre später in der Sowjetunion unter Gorbatschow einsetzte oder eine gänzlich andere, sorgte auch auf dieser Veranstaltung für eine lebhafte Debatte. Beantwortet werden konnte sie letztlich nicht. Hajek bekräftigte aber, dass sich die westliche Linke über den vermeintlichen richtigen Weg zum Sozialismus zerstritten und dabei die Dynamik unterschätzt habe, die die Massenbewegung in Prag ausgelöst hatte. Den Apo-Aktivisten Rudi Dutschke nahm Hajek von seiner Kritik jedoch ausdrücklich aus. Der SDS-Führer hatte im Frühjahr 1968, kurz vor dem Anschlag auf sein Leben, in Prag eine Rede gehalten, in der er unterstrich, dass eine Demokratie als bewusste Aktion der Massen sowohl gegen die verkrusteten Parteiapparate im Osten als auch gegen die Allmacht des Kapitalismus im Westen durchgesetzt werden müsse. Diese Einschätzung blieb auch unter den Teilnehmern der anregenden Diskussionsrunde unumstritten.