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TELEPOLIS18.09.2008 Drang zur Mitte Peter Nowak Alle können mit allen, nur mit der Linken will noch niemand spielen Wer in der gegenwärtigen Haushaltsdebatte im Bundestag (1) lautes Wahlkampfgetöse erwartet hatte, wird kaum auf seine Kosten gekommen sein. Doch die Debatte zeigt viel über die Aufstellung der Parteien im Wahlkampf. Die große Koalition übte sich in Schulterschluss. Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinmeier übertrafen sich beim Lob der Regierungsarbeit und wehrten gemeinsam die mit Hohn und Spott gespickte Kritik der Opposition ab. Die Opposition wurde allerdings differenziert behandelt . Am Nachsichtigsten ging Merkel mit dem FDP-Vorsitzungen Westerwelle um, dem die marktwirtschaftlichen Elemente in der Regierungspolitik fehlten. Ihn erinnerte die Bundeskanzlerin milde daran, dass in den Zeiten, als die FDP Teil der Regierung war, auch nicht alles rosig gewesen sei. Schließlich will man den Wunsch-Regierungspartner nicht zu sehr angreifen. Etwas heftiger war schon die Kritik an den Grünen. Ihnen warf Merkel vor, dass sie zu ihre Regierungszeit eine ungleich höhere Schuldenlast angehäuft hätten. Nur hat man den Eindruck, dass hier eigentlich eine versteckte Kritik an der SPD enthalten war. Schließlich war die ja unter Schröder für die Wirtschafts- und Finanzpolitik verantwortlich. Auch die Grünen könnten ja zur Not als Regierungspartner von der Union noch interessant werden. Daher ging man trotz aller Polemik recht fair miteinander um. Ganz anders war die Reaktion auf die Kritik der Linkspartei. Führende SPD-Politiker sahen sich bemüßigt, ihren ehemaligen Parteivorsitzenden Lafontaine als "weltbekannten Wirtschaftspolitiker" zu verhöhnen und vorzurechnen, dass die Vorschläge der Linken Deutschland in den Bankrott treiben würden. Bei so viel Linken-Bashing stellte schließlich Westerwelle die Frage, wieso die SPD mit dieser Partei in einigen Bundesländern kooperieren will. Dafür bekam er von der SPD den Vorwurf des vorgezogenen Wahlkampfes. Dabei war die Bundestagsdebatte eigentlich insgesamt ein gutes Spiegelbild für den künftigen Wahlkampf. Die Parteien der großen Koalition werden dort jeweils betonen, wie erfolgreich die Regierungspolitik war, FDP und Grüne werden als Partner einer künftigen Regierungskoalition von beiden großen Parteien umworben. Nur mit der Linken will vorerst niemand spielen. Zumindest für das Jahr 2009 wird das auch so bleiben. Farbenspiele der SPD Gerade die SPD hat ein großes Interesse daran, dass sich auch in der veröffentlichten Meinung der Eindruck durchsetzt, dass die sie in der Frage nicht wackelt. Kurt Beck musste wohl auch deshalb gehen, weil er genau diesen Eindruck nicht vermitteln konnte. Dabei war Beck alles andere als ein Linker. Doch Becks ungeschicktes Agieren vor der Hessenwahl hat dazu beigetragen, dass ihn kaum jemand abnahm, er werde im Bund auf keinen Fall mit der Linken kooperieren. Das hat sich beim neuen Führungsduo geändert. Deswegen versäumt die konservative Opposition nicht, auf die beiden Punkte hinzuweisen, die sicher auch vielen Sozialdemokraten Kopfschmerzen bereiten. Da nimmt die hessische SPD-Vorsitzende Ypsilantis unbeirrt von der großen Politik Kurs auf eine Kooperation mit der Linken in Hssen. Außerdem ist da die ledige Frage der Bundespräsidentenwahl. Obwohl die SPD mit Gesine Schwan eine Kandidatin aufgestellt hat, die am rechten Flügel der Sozialdemokraten angesiedelt ist, wird ihre Kandidatur von FDP und Union als Signal einer Zusammenarbeit zwischen SPD und Linken hingestellt. FDP-Chef Westerwelle hat sogar schon als Vorbedingung einer möglichen Zusammenarbeit mit der SPD den Rückzug von Schwan genannt. Damit will die FDP vor allem Dingen den Preis für eine mögliche Liaison in die Höhe schrauben. Ihre erste Option ist immer noch eine Koalition mit der CDU. Allerdings will man sich auch nicht so fest an die Konservativen binden, wie bei der letzten Wahl. Große Teile der FDP-Basis wollen ihre Partei wieder in der Regierung sehen. Wenn es zu einer bürgerlichen Mehrheit nicht reicht, soll ein Bündnis mit der SPD nicht mehr ausgeschlossen werden. Auch eine Ampelkoalition wird zumindest nicht mehr so kategorisch abgelehnt, wie noch vor vier Jahren. Umgekehrt hält sich auch die Union ein Bündnis mit den Grünen offen. Merkel hat schon erklärt, dass man die Differenzen bei der Frage der Atomkraft genau so gut überbrücken könne wie gegenwärtig in der großen Koalition, in der sich Siegmar Gabriel zum Unwillen der Union als Wächter des kontrollierten Ausstiegs aus der Kernenergie aufspielt. Nach den nächsten Wahlen sind also all die Kombinationen möglich, die vor 4 Jahren als Ampel- oder Jamaika-Koalition theoretisch diskutiert wurden. Doch zu einer Politikänderung wird es dabei kaum kommen. So könnte den Sozialdemokraten ein Bündnis mit der FDP Zugeständnisse vor allem auf sozialpolitischem Gebiet abverlangt werden, die sie mit einer Union, die immerhin noch einen Arbeitnehmerflügel besitzt, nicht machen musste. Eine Beteiligung der Grünen an einer Regierungskoalition würde eine Kontinuität in der Umweltpolitik bewirken, auf sozialpolitischem Gebiet hingegen wäre es eher eine Unterstützung der FDP. Die SPD zumindest versucht nach dem "Schuss vom Schwielowsee" alles, um als Partei der Mitte wahrgenommen zu werden. Die SPD-Linke gibt sich handzahm und bekräftigt, das neue Führungsduo unterstützen zu wollen. Einige Kritiker, wie der Sozialpolitiker Ottmar Schreiner..www.ottmarschreiner.de (2) werden mit Nichtbeachtung bestraft. Dabei hat er mit seinem kürzlich vorgestellten Buch Die Gerechtigkeitslücke (3) noch einmal akribisch aufgelistet, welche sozialen Verwerfungen die Politik von Hartz IV in Teilen der Gesellschaft ausgelöst hat. Doch das wollen führende Sozialdemokraten nicht mehr hören. Auch auf kommunaler Ebene geht man mittlerweile gegen Hartz IV-Kritiker..www.wiesbadener-kurier.de/region/objekt.php3?artikel_id=343 7093 (4) vor. Schließlich soll die offizielle Wahlkampfstrategie lauten, dass es die SPD war, die mit dieser Politik den Aufschwung geschaffen hat. Von Ex-Kanzler Gerhard Schröder kam denn auch schon großes Lob (5) für das neue Duo in der Parteizeitschrift Vorwärts. Selbst Schröders Vorgänger Helmut Schmidt nutzt die Mitte-Drift der SPD, um eine alte Rechnung zu begleichen. Der junge SPD-Politiker Lafontaine bezeichnete auf dem Höhepunkt des Streits um neue Mittelstreckenraketen bestimmte von Schmidt verfochtene Sekundärtugenden als veraltet und setzte polemisch hinzu, dass man damit in der NS-Zeit auch KZ-Wächter sein konnte. Jetzt verglich Schmidt Lafontaine mit Hitler und dem französischen Nationalistenchef Le Pen (6). In der SPD mögen den Vergleich sicher viele für übertrieben halten. Der große Aufschrei blieb allerdings aus. So geht die Linke in den künftigen Wahlkampf in der komfortablen Situation, als Partei des sozialen Gewissens, mit der niemand koalieren will, einen Protestwahlkampf führen zu können. Da ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Union und SPD nicht zu erwarten ist, dürfte sie Wähler gewinnen, die sonst das "kleinere Übel" SPD ankreuzen würden. Das sind alles Faktoren, die ein gutes Wahlergebnis der Linken erwarten lassen. So einfach dürfte sie es bei künftigen Wahlen nicht mehr haben. Mehrere Kommentatoren haben schon darauf hingewiesen, dass eine rechte SPD-Mehrheit am einfachsten Bündnisse mit der Linken schließen kann. Bei ihnen wird niemand ideologische Motive, sondern schlicht die Erweiterung der Machtoptionen vermuten. Wahlkampfthema Bankenkrise Bei allen Prognosen über den kommenden Wahlkampf bleiben als große Unbekannte irgendwelche weltpolitische Ereignisse, die auch auf die bundesdeutsche Innenpolitik und das Wahlverhalten Einfluss nehmen. Der gegenwärtige Börsenkrach könnte sich dazu entwickeln. Die Erklärungen führender bundesdeutscher Politiker, an erste Stelle von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, hatten schon etwas Beschwörendes. Seine Attacke auf Untergangspropheten und Apokalyptiker hörten sich als eine Art Vorwärtsverteidigung an. Dass in einer globalisierten Welt die Bankenkrise Deutschland verschont, glaubte kaum jemand. Spätestens mit der Entdeckung, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau der insolventen US-Bank Lehmann Brothers noch am Montag 300 Millionen Euro überwies (7), zeigt wie engmaschig das Netz der Finanzmärkte ist. Die Boulevardpresse fragt da viel unverblümter, ob die Ersparnisse noch sicher sind. Mit der Bankenkrise werden die Politiker gestärkt, die die Allmacht des Staates infrage stellen und mehr staatliche Regelungen für die Banken- und Finanzwelt fordern. Allerdings sitzen die bekennenden Marktradikalen zur Zeit nur in der FDP und die lassen sich auch durch eine Bankenkrise nicht vom Gegenteil überzeugen.
LINKS
(1) http://www.bundestag.de/ (2) http://Ottmar Schreiner..www.ottmarschreiner.de (3) http://85.214.80.52/uploads/media/2008-10-01_Einladung_Ottmar_Schreiner- Gerechtigkeitsluecke.pdf (4) http://gegen Hartz IV-Kritiker..www.wiesbadener-kurier.de/region/objekt.php3?artikel_id=343 7093 (5) http://www.vorwaerts.de/magazin/artikel.php?artikel=7809&type=2&menuid=3 59&topmenu=359 (6) http://www00.heise.de/tp/blogs/8/115924 (7) http://www.heise.de/tp/blogs/8/116140 |