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TELEPOLIS 20.12.2008Ost gegen West am Standort Deutschland Peter Nowak Die Appelle zur Verteidigung des Wirtschaftsstandortes Deutschland werden durch eine Neuauflage der Ost- West-Befindlichkeiten konterkariert Während die US-Zentralbank mit ihrer Null-Zins-Politik die internationale Finanzwelt überrascht, weltweit positive Reaktionen und Nachahmungseffekte (1) ausgelöst hat, verfängt sich die deutsche Politik bei der Debatte um ein zweites Konjunkturprogramm noch einmal in alten Ost-West-Befindlichkeiten. Eigentlich dachte man, dass diese Debatte 19 Jahre nach dem Mauerfall langsam der Vergangenheit angehören würde. Doch es brauchte nur eines Reizwortes, um die Diskussion wieder aufzuwärmen. Das hat Bundeskanzlerin Merkel geliefert, als sie in einem Interview erklärte, dass sich ein zweites Konjunkturprogramm stärker der Sanierung der Infrastruktur in Westdeutschland widmen sollte. Schnell kreierten die Medien daraus den Aufbau West - und schon waren wir mitten drin in dem Austausch deutsch-deutscher Befindlichkeiten. Der SPD-Haushaltspolitiker Carsten Schneider (2) warf Merkel vor, ihre ostdeutsche Herkunft zu verleugnen und titulierte (3) sie gar als Spalterin. Natürlich musste sich auch Wolfgang Tiefensee (4) zur Wort melden, der in der Bundesregierung schließlich auch neben dem Ressort Verkehr für den Aufbau-Ost zuständig ist. Bei der Ost-Förderung gehe es nicht um Bevorzugung, "sondern um die Erfüllung des Solidarpaktes» zur Behebung flächendeckender Strukturschwächen", betonte er. Das Medienecho (5) auf den Merkel-Vorstoß war uneinheitlich. Während einige Kommentatoren die Neuauflage der Ost-West-Debatte im 20ten Jahr des Mauerfalls für überflüssig hielten und vor einer Neiddebatte warnten, stiegen andere gleich in die Diskussion ein, die sich an parteipolitischen Präferenzen orientierte. So äußerten sich nicht nur Politiker der Linken (6), sondern auch der Union kritisch zu dem Vorschlag. Unterstützung erhielt Merkel dagegen vom SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi, der in einem Interview (7) mit dem Deutschlandfunk erklärte: --Was die Bundeskanzlerin gesagt hat und womit sie ja völlig Recht hat, ist, dass wir im Westen in den vergangenen 10, 15 Jahren einen erheblichen Teil der Infrastruktur-Modernisierung unterlassen haben - und zwar unterlassen, weil wir natürlich zunächst die Hauptaufgabe darin sehen mussten, die Infrastruktur im Osten aufzubauen.-- Klaus von Dohnanyi Mittlerweile versucht Merkel die Debatte wieder einzudämmen, indem sie nach dem Treffen der Länderministerpräsidenten betonte, dass das Konjunkturprogramm unabhängig von Ost und West dort eingesetzt werden soll, wo es gebraucht wird Verbale Drohgebärden der Länder Schließlich gibt es neben der Ost-West-Debatte noch weitere innerdeutsche Befindlichkeiten, die bei der Verabschiedung des neuen Konjunkturpakets beachtet werden müssen. So haben die Ministerpräsidenten parteienübergreifend eine stärke finanzielle Beteiligung des Bundes angemahnt. "Das nächste Paket bezahlt der Bund", forderte der CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers. Auch die CSU hat sich wieder in Gestalt ihres Landesgruppenchefs Peter Raumsauer (8) zu Wort gemeldet und klargestellt, dass sie dieses Mal auf Steuersenkungen bestehen wird. Allerdings dürften die starken Worte vor allem im Vorfeld des Paketes dazu dienen, die eigenen Positionen stark zu machen. Denn beim Treffen der Ministerpräsidenten war auch klar, dass man sich aller Drohgebärden zum Trotz an einem neuen Programm beteiligen werde. Den Wählern wäre wohl auch schwer zu vermitteln, wenn einerseits rhetorisch immer wieder betont wird, dass man in Zeiten der Krise den Wirtschaftsstandort Deutschland verteidigen müsse, und man andererseits mit parteipolitischen Streit die Maßnahmen konterkariert. Die Appelle zum Zusammenhalt finden bis weit in Gewerkschaftskreise Gehör. Den Krisengipfel im Kanzleramt vor einigen Tagen ließe sich fast als Neuauflage der Konzertierten Aktion (9) interpretieren, als in den 1970er Jahren Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik gemeinsame Verabredungen zur Wirtschaftspolitik getroffen hatten. Die neue Ost-West-Debatte zeigt aber auch, wie viel Ideologie in den offiziellen Standortappellen enthalten ist. Allerdings gibt es bisher wenig öffentlich hörbare Gegenstimmen.
LINKS
(1) http://www.heise.de/tp/blogs/8/120741 (2) http://www.carsten-schneider.de (3) http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/341637 (4) http://www.spd.de/menu/1684196/ (5) http://www.ftd.de/meinung/kommentare/:Pressestimmen-zum-Konjunkturpaket- II-Aufbau-Ost-darf-nicht-Abbau-West-hei%DFen/453710.html (6) http://www.welt.de/politik/article2894432/Linke-wirft-Merkel-vor-den-Ost en-aufzugeben.html (7) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/893966/ (8) http://www.peter-ramsauer.de/ (9) http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=XNBIHF |