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ND28.05.2008Nach der Sanierung bis zu 50 Prozent mehr Miete
Bewohner der Oranienstraße fürchten Vertreibung
Von Peter Nowak
»Der Stadtumstrukturierung und Mieterhöhung treten wir entschlossen entgegen«, lautete die Parole in deutscher und türkischer Sprache, die auf einem großen Transparent über die Oranienstraße in Kreuzberg gespannt war. Damit haben Mieter von etwa 30 Wohnungen der Häuser Oranienstraße 180 und 182 auf ihren Konflikt mit der Hausverwaltung aufmerksam gemacht.
»Unser Ärger begann zu Jahresbeginn mit dem Wechsel der Hausverwaltung«, berichtet Mieterin Kerstin Schlosser. Zwei Wochen nachdem die in Kleinmachnow ansässige Firma Retus die Verwaltung der im Besitz der Gesellschaft für Stadtsanierung (Gesa) befindlichen Häuser übernommen hatte, erhielten die Mieter eine Modernisierungsankündigung. Damit fing der Ärger an, so Schlosser.
Denn nach der Sanierung sollen die Bewohner plötzlich bis zu 50 Prozent mehr Miete zahlen. »Bisher zahlte ich für meine 47 Quadratmeter große Wohnung monatlich 250 Euro Miete. Nach der Modernisierung soll sie 380 Euro kosten«, rechnet Schlosser vor. Dazu kommen noch 60 Euro Gas im Monat. Bisher brauchte die Mieterin eine halbe Tonne Kohle, um die gesamte Wohnung zu beheizen.
Für viele Bewohner war die Ankündigung ein Schock, berichtet Schlosser. Ein türkisches Rentnerpaar, das seit Jahrzehnten in dem Haus wohnt, sieht sich außerstande, die neue Miete zu zahlen und will deshalb in die Türkei zurückgehen. Einer jungen Familie, die Leistungen nach Hartz IV bezieht, hat das Arbeitsamt schon mitgeteilt, dass die höhere Miete über dem für ALG II-Empfänger vorgesehenen Satz liegt und nicht vollständig übernommen wird.
Für Joachim Oellerich von der Berliner Mietergemeinschaft sind Mieterhöhungen von bis zu 50 Prozent nach einer Sanierung durchaus nicht selten, obwohl nur 11 Prozent der Neuerungen auf die Mieter abgewälzt werden können. Wenn die Miete bisher niedrig war und die Zentralheizung sehr teuer ist, könne daraus schnell eine Verdoppelung der monatlichen Kosten entstehen. Auch wenn die Ersetzung von Kohleöfen durch eine Zentralheizung von den Gerichten in der Regel als zu duldende Modernisierungsmaßnahme gewertet wird, rät Oellerich dazu, die Zustimmung zunächst auf jeden Fall zu verweigern. Dadurch gewinnen die Mieter Zeit und die Pläne der Besitzer geraten durcheinander, was diese oft kooperativer mache, so der Experte für Mietkonflikte gegenüber ND.
Mehrere Mieter der Oranienstraße 180 und 182 wurden mittlerweile auf Duldung der Modernisierung verklagt. Anfang Juni will die Hausverwaltung mit den Bauarbeiten beginnen. Die Mieter wollen sich bis dahin weiterhin mit Transparentaktionen, Infocafes und einer stadtteilweiten Vollversammlung wehren.