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telepolis vom 30.1.08Das Phantom von Oberschledorn
Peter Nowak

Die Ungereimtheiten über die Terrorverdächtigten bleiben auch nach
Beantwortung einer Anfrage der Linksfraktion bestehen
Anfang September 2007 wurden mit großen medialen Echo im
saueråländischen Oberschledorn drei Männer festgenommenen (1), die
angeblich als Mitglieder einer islamistischen Zelle Anschläge
vorbereitet haben sollen (2). Dabei handelte sich um die beiden
deutschen Staatsangehörigen Fritz Martin G und Daniel Martin S. sowie
um den in der Türkei geborenen Adem Y.
Angeblich sollen durch den Zugriff terroristische Anschläge auf
US-Einrichtungen in Deutschland verhindert (3) worden sein, deren
Folgen die Anschläge von Madrid im März 2005 und in London im Juli
2005 noch übertroffen hätten. Allerdings verschwand das Thema relativ
schnell aus den Schlagzeilen der Medien. Dafür häuften sich bald
kritische Nachfragen zur offiziellen Version ( Terrorgruppe oder
Geheimdienst-erfindung (4)).
Die Unklarheiten beginnen schon bei der Islamischen Dschihad Union
(IJU), der die Beschuldigten angehört haben sollen. Selbst die
Sicherheitsbehörden sind sich über die Einschätzung dieser Organisation
nicht einig.Benno Köpfer vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg (5)
hält die IJU für eine Interneterfindung. "Es mag sein, dass es
Personen in Asien gab, die die drei zu ihren Planungen inspiriert
haben. Es gab Aufenthalte der drei in Pakistan und regen
E-Mail-Verkehr. Ich bezweifle aber, dass die drei im Auftrag einer
festen Organisation namens Islamische Jihad-Union tätig waren",
erklärte (6) Köpfer in einem Interview mit der taz.
Über die Frage, ob die IJU eine Erfindung westlicher Geheimdienste ist,
mochte Köpfer nicht spekulieren. Die Informationen, dass die IJU
hinter dem Trio von Oberschledorf steckte, sollen von US-Geheimdiensten
stammen. In den USA wurde die IJU offiziell als Terrorgruppe
eingestuft (7) Nach Angaben (8) von US-Stellen ist die IJU eine
Splittergruppe der militanten "islamischen Bewegung von Usbekistan" und
soll mit al-Qaida kooperieren.
Mit dem Zweifel an der Echtheit der IJU hat sich jetzt auch der
deutsche Bundestag beschäftigt. Die innenpolitische Sprecherin der
Linkspartei Ulla Jelpke wollte von der Bundesregierung in einer
Kleinen Anfrage (9) wissen, welche Beweise ihr für die tatsächliche
Existenz der IJU vorliegen und ob sie Erkenntnisse über eine
Zusammenarbeit mit al-Qaida habe Jetzt erhielt Jelpke die Antwort der
Bundesregierung, die keinen Hinweis für die Nichtexistenz der IJU haben
will. Dabei verwies sie auf die türkische islamistische Internetseite
www.sehadetvakti.com (10), auf der sich auch die IJU zu verschiedenen
Anschlägen bekannt habe. Allerdings gäbe es keine Angaben über die Zahl
der Unterstützer der IJU im europäischen Ausland.
In einer Pressemitteilung (11) kritisierte Jelpke, die Bundesregierung
ignoriere in ihrer Antwort alle Stimmen die Zweifel an der Existenz der
Gruppe äußerten.
Viele offene Fragen
"Mit der Angst vor dem "bösen Islamisten" sollen offenbar weitere
Eingriffe in die Grundrechte wie die Onlinedurchsuchungen durchgesetzt
werden. Doch solange die Bundesregierung keine handfesten Erkenntnisse
vorlegt, bleibt die Islamische Dschihad Union ein Phantom", so Jelpkes
Fazit. Allerdings stellt sich natürlich unabhängig von der Echtheit der
IJU die Frage, was die drei Beschuldigten geplant hatten?
Waren es harmlose Spinner, die sich mit möglichen Anschlagsdrohungen
wichtig machen wollten? Waren es Nachwuchsislamisten, die auf der Suche
nach einer Organisation, der sie sich anschließen konnten, von der
Existenz der IJU überzeugt waren, auch wenn es sie gar nicht gibt?
Welche Rolle spielten Geheimdienste bei ihren Aktivitäten? Erst nach
Beantwortung dieser Fragen könnte man ein endgültiges Fazit ziehen.
Diese Fragen drängen sich angesichts des konkreten Verhaltens der drei
Männer vor ihrer Festnahme geradezu auf. Denn ihr Verhalten war alles
andere als konspirativ. So gab nur wenige Woche vor dem Zugriff der
Polizei einer der Verdächtigten dem Stern ein Telefoninterview (12),
in dem er mit vollem Namen Toleranz für Islamisten forderte.
Selbst die Bildzeitung sprach von Merkwürdigen im Fall der deutschen
Terrorbomber (13): "Fritz G., Adem Y., Daniel S. und ihre Helfer müssen
seit Monaten gewusst haben, dass sie unter Beobachtung standen: (...)
Warum machten die drei trotzdem weiter?"
Auch im Freitag hieß (14) es schon wenige Wochen nach der Festnahme:
--Die angeblichen Superterroristen von Oberschledorn legten quer durch
die Republik eine Fährte so breit wie eine Elefantenspur. Völlig unklar
bleibt, warum angeblich mehrere hundert Beamte über sechs Monate mit
ihrer Überwachung beschäftigt waren. Das Islamisten-Trio verhielt sich
dermaßen exhibitionistisch, dass einige Streifenwagen mit
Dorfpolizisten vollauf genügt hätten.--

LINKS

(1)
http://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?newsid=285
(2) http://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?newsid=285
(3)
http://www.zeit.de/online/2007/36/festnahmen-terrorverdaechtige-deutschl
and
(4)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26370/1.html
(5) http://www.verfassungsschutz-bw.de/
(6)
http://www.taz.de/index.php?id=deutschland&art=5603&id=deutschland-artik
el&src=SZ&cHash=1c7f65d3ba
(7)
http://www.state.gov/r/pa/prs/ps/2005/46838.htm
(8) http://cns.miis.edu/research/wtc01/imu.htm
(9) http://www.ulla-jelpke.de/uploads/ka_1607722_vorab_iju.pdf
(10) http://www.sehadetvakti.com
(11) http://www.ulla-jelpke.de/news_detail.php?newsid=760
(12)
http://www.stern.de/politik/deutschland/:Unter-Terrorverdacht-Fritz-G.-T
oleranz-Deutschland/597483.html
(13)
http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2007/09/10/terror-bomber/merkwuerdi
gkeiten-fall,geo=2464636.html
(14)
http://www.freitag.de/2007/37/07370402.php