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TELEPOLIS 24.07.2008Zwischen Obamanie und Realpolitik
Peter Nowak

Während manche Obama als neuen Heilsbringer feiern, gibt es erste
Warnungen vor Ernüchterung
Die Berliner strömten in Massen, meldeten die Radio- und Fernsehender
seit dem späten Donnerstagnachmittag. Am Ende sollen es über 200000
Menschen gewesen sein. Der Obama-Auftritt sorgte dafür, dass das
Fanmeilen-Feeling der Fußballweltmeisterschaft noch einmal nach Berlin
zurückkehrte. Allerdings dürfte sich die Anzahl der überzeugten
Obama-Fans unter der Masse dieses Mal in Grenzen gehandelt haben. Der
Auftritt des Senators aus den USA war eben ein willkommenes
Sommerloch-Event.
Allerdings haben die Medien mit dem Begriff Obamanie schon mal ein
neues Wort kreiert. Gerade jüngeren Menschen hoffen in Barrack Obama
(1) endlich einen US-Politiker zu treffen, den sie wieder schätzen
können. Da werden gleich Erinnerungen an John F. Kennedy wach. Der
Kontrast zum amtierenden Präsidenten Bush könnte nicht größer sein.
Auch er bewegte Massen, wenn er Deutschland besuchte, allerdings
meistens zu Protestdemonstrationen.
Unter den Teilnehmern des Obama-Auftritts werden auch ehemalige
Demonstranten gegen Bush gewesen sein. Manche wollten sogar - wie die
Tageszeitung formulierte (2) - deutlich machen, dass ihr Protest gegen
Bush kein Antiamerikanismus ist.
Yes, we can
Obama enttäuschte seine Zuhörer nicht. Er betonte in seiner Rede (3),
dass er nicht als Kandidat, sondern als stolzer US- und Weltbürger in
Berlin redet. Gleich zu Beginn widmete er sich seiner familiären
Biographie. Er verwies auf seine Vorfahren, die aus einfachen
Verhältnissen kommen und ihrem Traum und ihre Sehnsucht nach Freiheit
treu geblieben seien. Obama erinnerte an die Zeit der Luftbrücke vor 60
Jahren, als US-Flugzeuge das von den Sowjets abgeschnürte Westberlin
mit Lebensmittel versorgten. Er lobte die Entschlossenheit der
Berliner, sich nicht der Tyrannei zu beugen.
Der Fall der Mauer sei der Sieg über die Tyrannei zu verstehen und habe
weltweit die Gefängnistore in vielen Ländern geöffnet. Dabei hat Obama
unter anderen das Ende der Apartheid in Südafrika erwähnt. Nur kam bei
ihm nicht vor, dass das Regime im Kalten Krieg von den westlichen
Staaten und die Anti-Apartheid-Kämpfer vom Ostblock unterstützt wurden.
Auch der gemeinsame Kampf der Anti-Hitler-Koalition gegen
Nazideutschland wurde von ihm nicht als Beispiel für einen gelungenen
Freiheitskampf erwähnt. Das wäre vielleicht in Berlin auch nicht so gut
angekommen. Obama versuchte vielmehr die gemeinsame Front gegen den
Ostblock im Kalten Krieg auf den aktuellen Kampf gegen den Terror zu
übertragen. So wie man damals die Kommunisten bekämpfte, müsse man
heute vereint gegen den Terrorismus stehen.
Andererseits rief benutzte er mit der Aufforderung, die Mauern
einzureißen, eine auslegungsfähige Metapher, die auch schon in der
US-Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre gebraucht wurde. Die Vision der
Zerstörung der Mauern zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen
und Hautfarben hat ebenso ein utopisches Potential wie der Aufruf für
eine Welt ohne Atomwaffen und sein Bekenntnis für mehr Respekt für
Einwanderer unabhängig von ihrer Hautfarbe und Religion.. Hier verwies
Obama auf den alten US-amerikanischen Traum von Freiheit und Glück des
Einzelnen.
Er beendete seine Rede mit dem Aufruf eines Wandels in der Welt, die
auch in der Parole nach eines "Change" und "Yes, wie can" ausgedrückt
hat. Damit triff er auch das Lebensgefühl vieler jünger Menschen, die
in einer postrevolutionären Welt eine evolutionäre Änderung
befürworten. Dabei ist man bescheiden geworden. So reichte es in der
Klimafrage schon, dass Obama für eine weltweite Verantwortung gegen den
Klimawandel eintrat, um Begeisterung auszulösen. Schließlich ist es
eine Abkehr von der Klimapolitik der Bush-Regierung.
Als heikler Punkt galt im Vorfeld Obamas Position zu Afghanistan.
Darauf will er als Präsident das Hauptaugenmerk im Kampf gegen den
Terror richten und erwartet dabei auch von den europäischen Ländern
mehr Unterstützung. Doch auch hier verstand es der
Präsidentschaftskandidat, sich so zu äußern, dass er nicht wirklich
aneckte. So beschwor er in seiner Rede ein gemeinsamen Handeln zwischen
den USA und Europa. An dieser Stelle war der Applaus verhaltener. Die
Zustimmung war hingegen größer, als er ein Ende der US-Präsenz im Irak
in Aussicht stellte. Dabei profitiert er allerdings von einer zumindest
relativen Stabilisierung in dem Land. Beitrug. Der durch Verträge
zementierte Ausverkauf der irakischen Ölindustrie an US-Konzerne fällt
dann nur Kritikern in den USA (4) auf.
Konkrete politische Inhalte spielten in Berlin kaum eine Rolle
Während die Massen vor der Siegessäule vor allem feiern und jubeln
wollten, kamen aus der Politik und von Kommentatoren schon
nachdenklichere Töne. Die Heilserwartungen können nur enttäuscht
werden, so der konservative Geschichtswissenschafter Michael Stürmer in
einem Interview mit dem Deutschlandradio (5).
Das erste Missverständnis könnte schon darin bestehen, die
Jubelveranstaltungen in Berlin mit der Stimmung in den USA zu
verwechseln. Dort sind sicher die europäischen Auftritte des
designierten Kandidaten nicht wahlentscheidend. Sein republikanischer
Konkurrent ist ihm in Umfragen immer noch auf den Fersen. Es kann noch
immer passieren, dass im nächsten Jahr in den USA mit McCain ein Mann
regiert, der keinen Wahlkampf in Berlin machte. So könnte eine neue
republikanische Regierung zu einer Steigerung der Abneigung führen, die
man in Deutschland der Bush-Regierung entgegen brachte.
Aber selbst bei einem Sieg von Obama sind Enttäuschungen fast
unausweichlich Konkrete politische Inhalte spielten in Berlin kaum
eine Rolle. Sie sind im Vorfeld schon an den Rednern herangetragen
worden. So sorgte Obamas Position zum Freihandel im Vorfeld seines
Besuchs für Kritik vor allem bei FDP-Politikern wie Otto Graf von
Lambsdorff (6).
Politiker der Linken warnten vor zu viel Euphorie beim Obama-Besuch
(7) und erkundigten sich in einem Brief (8) nach Obamas Haltung zu
den Verschleppungen von Terrorverdächtigen von Europa nach Guantanamo.
Vor allem wollten die Linken wissen, ob diese Praxis der
Verhaftungen auch unter seiner Administration fortgesetzt wird. Darauf
ging Obama in seiner Rede natürlich nicht ein.

LINKS

(1)
http://www.barackobama.com/
(2)
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2008%2F07%2F2
4%2Fa0219&cHash=d0916962d3
(3)
http://www.nytimes.com/2008/07/24/us/politics/24text-obama.html
(4)
http://www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=1370888&sid=065f7498497db3cdce1
9f876d871
(5)
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/821449/
(6) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/821192/
(7) http://www.linksfraktion.de/pressemitteilung.php?artikel=1207790596
(8) http://www.linksfraktion.de/wortlaut.php?artikel=1510806305