[Index] [Nowak] [2006] [2007] [2008]

ND19.06.2008Nestlé bespitzelte Attac-Schweiz
Konzern sammelte Informationen über unliebsames Buchprojekt
Von Peter Nowak
Nach Recherchen von Schweizer Fernsehredakteuren beauftragte der multinationale Konzern Nestlé eine Sicherheitsfirma damit, eine Arbeitsgruppe von Attac-Waadt (Schweiz) über ein Jahr lang auszuspionieren, während diese an einem Buch über die Machenschaften Nestlés arbeitete.
Die junge Frau, die im Jahr 2003 zu den Treffen der globalisierungskritischen Gruppe im Schweizerischen Waadt stieß und sich als Sara Meylan vorstellte, fiel nicht weiter auf. Schließlich fand Attac kurz nach den Protesten gegen den G8-Gipfel von Evian viel Zuspruch. Dass sie nach einiger Zeit wieder aus der Gruppe ausstieg, war auch nicht ungewöhnlich. Doch in diesen Tagen steht die Frau wieder im Mittelpunkt des Interesses. Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, war sie unter falschem Namen und für Geld bei Attac aktiv geworden.
Der Westschweizer Fernsehsenden TSR berichtete kürzlich in einer Sendung, dass der weltweit agierende Lebensmittelkonzern Nestlé die Sicherheitsfirma Securitas mit der Ausspionierung von Attac Waadt beauftragt hatte. Die Gruppe hatte zu dieser Zeit gerade mit der Recherche zu dem Buch »Nestlé. Anatomie eines Weltkonzerns« begonnen. In dem Buch befassen sich verschiedene Autoren kritisch mit Nestlés Einstellung zu genmanipulierten Organismen, zur Privatisierung von Trinkwasser sowie zum Umgang mit Streiks und kämpferischen Gewerkschaften. »Die Agentin hat die Diskussionen um Formulierungen und um heikle Passagen mitbekommen. Sie kam auch zu unseren Treffen der Autorengruppe, die in privaten Wohnungen stattfanden«, erinnert sich Beatrice Schmid. Die Agentin schickte regelmäßig Protokolle über die Treffen an Securitas, die sie an ihren Auftraggeber Nestlé weiterreichte. Attac-Schweiz moniert, dass die Waadtländische Polizei von dem Agenteneinsatz informiert war, die betroffenen Personen bis heute aber nicht informiert hat. Die Autoren haben mittlerweile wegen der Bespitzelung Strafanzeige gestellt.
Schmid wies die Erklärung eines Nestlé-Sprechers zurück, der Konzern habe Informationen über Pläne von militanten Globalisierungskritikern im Zusammenhang mit den Protesten gegen den G8-Gipfel in Evian sammeln wollen. Die Arbeiten zu dem Buch hätten erst nach dem Gipfel begonnen und die Agentin sei auch erst nach den Protesten bei der Attac-Gruppe aufgetaucht. Ihr Interesse habe nicht militanten Aktionen, sondern der kritischen Auseinandersetzung mit den Konzernpraktiken gegolten.
Jutta Sudermann von Attac Deutschland bezeichnete Nestlé als »schwarzes Schaf der Lebensmittelbranche«. Der Konzern stehe schon seit Jahren in der Kritik. Der neue Spitzelskandal reihe sich in andere kürzlich bekannt gewordene Überwachungsfälle bei der Telekom und Lidl ein, betonte Sundermann.
Dass multinationale Konzerne ihre Kritiker ausspionieren lassen, ist keine Erfindung von Nestlé. So wurde vor einigen Jahren die im linken Spektrum Deutschlands und der Schweiz agierende »gruppe 2« als Geheimdienstprojekt enttarnt. Der für diese Gruppe auftretende Klaus S. hatte im Auftrag einer Londoner Sicherheitsfirma in Deutschland auch Greenpeace- und Menschenrechtsgruppen ausspioniert, die sich kritisch mit dem Ölkonzern Shell auseinandersetzten.
Der BUND dokumentiert weitere Fälle unter www.bund-freiburg.de.