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TELEPOLIS 26.08.2008Vorwärts, Genossen, wir rudern zurück Peter Nowak Die Debatte um die künftige Rolle Münteferings in der SPD ist ein Etappensieg der Schröderianer, die Krise der SPD löst sie nicht Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hat viele Probleme. Das allergrößte ist das anhaltende Stimmungstief seiner Partei und seine schlechten Umfragewerte. Als künftiger Kanzlerkandidat ist er selber in seiner eigenen Partei schon weitgehend abgeschrieben. Wenn sich Steinmeier die Prozedur antun will, wird er wohl der nächste Kanzlerkandidat werden. Damit er ein schlechtes Abschneiden nicht auf die eigene Kappe nehmen muss, kann Beck bis dahin noch Parteivorsitzender bleiben. Mit einem solchen Szenario haben sich viele Medien in der letzten Zeit vertraut gemacht. Da kommt plötzlich eine dritte Person ins Spiel, der ehemalige Parteivorsitzende und Vizekanzler Franz Müntefering (1). Könnte der etwa Kanzlerkandidat oder gar noch einmal Parteivorsitzender werden, wird in den Medien gerätselt (2). Doch wo blieben dann Beck und Steinmeier? Führende SPD-Politiker äußern sich erfreut darüber, dass Müntefering wieder eine größere Rolle in der Partei spielen will, und sehen darin sogar einen Beitrag aus der Krise der SPD. Diese Einschätzung muss gleich aus mehreren Gründen verwundern. Zunächst einmal ist der Eindruck falsch, dass Müntefering längere Zeit von der politischen Bühne verschwunden war. Er hatte sich nur in den letzten Monaten wegen der schweren Erkrankung seiner mittlerweile verstorbenen Frau aus der ersten Reihe der Politik zurückgezogen, sein Abgeordnetenmandat aber behalten. Zuvor aber war Müntefering einer der Politiker, die für die SPD in ihrer gegenwärtigen Krise federführend verantwortlich waren. In der Ara Schröder war er der wichtigste Mann in der Partei. Niemand konnte so sehr die Politik der Agenda 2010 und des Sozialabbaus, die nicht nur von Ottmar Schreiner als Entsozialdemokratisierung der SPD (3) bezeichnet wurde, in die Partei hinein kommunizieren. Müntefering war ein genau so ein entschiedener Verfechter der Agenda 2010 wie Wolfgang Clement und Gerhard Schröder. Anders als die traf er dabei besser den richtigen sozialdemokratischen Ton und konnte einen größeren Teil der SPD-Basis davon überzeugen, dass es die richtige Politik ist. So lieferte Müntefering mit seiner Heuschrecken-Metapher für einen bestimmten Teil des ausländischen Finanzkapitals die pseudo-antikapitalistische Begleitmusik zum Sozialabbau und galt in manchen Kreisen damit fast als Antikapitalist. Deswegen gab Gerhard Schröder im März 2004, in einer Zeit, als die parteiinterne Kritik an seiner Politik lauter wurde, den Parteivorsitz an Müntefering ab. Allerdings zeigte sich schnell, dass die integrativen Fähigkeiten von Müntefering doch begrenzt waren. Auch er konnte den Abgang eines relevanten Teiles des SPD-Mittelbaus, der dann über die WASG zur Linken gingen, nicht verhindern. Dass Müntefering nach der SPD-Niederlage bei den Landtagswahlen in NRW im Frühjahr 2005 als erster bekannt gab, dass man Neuwahlen anstrebe, zeigte einerseits die Bedeutung Münteferings in der damaligen SPD. Er hat aber auch mit Schröder die Wahlen verloren. Nachdem der schließlich einräumen musste, dass er nicht weiter Kanzler bleiben kann, wurde Müntefering der wichtigste SPD-Politiker in der großen Koalition. Doch schon am 31.10.2005 trat Müntefering mit einem Paukenschlag vom Amt als SPD-Vorsitzender zurück ( Verspäteter Wahlkater (4)). Der aktuelle Grund war die Wahl von Andrea Nahles zur künftigen Generalsekretärin der SPD. Der Müntefering-Vertraute Kajo Wasserhövel hatte verloren. Eigentlich hätte Müntefering damit innerparteilich erledigt sein müssen. Denn den abrupten Rücktritt aus allen Ämtern wird Oscar Lafontaine noch immer von der SPD-Basis angekreidet. Die Schröderianer schlagen zurück Doch Münteferings Schritt war der Beginn des Kampfes der Schröderianer um ihr politisches Erbe, bei dem die Agenda 2010 an erster Stelle steht. Die damalige Kritikerin des Sozialabbaus Andrea Nahles konnte das Amt als Generalsekretärin nicht antreten. Auf ihr lastete der Ruf, einen erfolgreichen Politiker wie Müntefering zum Rücktritt bewogen zu haben. Erst unter Beck konnte sie ihre Parteikarriere fortsetzen. Ihre früheren kritischen Positionen zu Agenda 2010 hat sie mittlerweile weitgehend aufgegeben. Trotzdem ist die Rückkehr Münteferings auch eine Kampfansage an sie und alle in der SPD, die die Agenda-Politik zumindest nicht mehr als Wahlkampfthema tauglich finden. Dazu gehörte auch Kurt Beck. Er sprach sich im letzten Herbst gegen den Widerstand von Müntefering für moderate Verbesserungen beispielsweise beim Arbeitslosengeld aus ( Kampf um Hartz IV (5)). Dabei hatte er an den Parteitagen eine große Mehrheit hinter sich. In der Öffentlichkeit wurde die Auseinandersetzung als Richtungskampf zwischen Müntefering und Beck interpretiert. Die damalige Auseinandersetzung gewann Beck. Doch es ging um mehr als um Personen. Mit Müntefering stemmten sich im Parteiapparat die Schröderianer vehement gegen jede grundsätzliche Abkehr von der Agenda 2010, und sie gaben natürlich so schnell nicht auf.. Die Debatte um den Parteiausschluss von Wolfgang Clement ( SPD: Probleme mit strahlenden Altlasten (6)) war denn auch mehr als die Frage, ob ein Sozialdemokrat mehr oder weniger direkt zur Nichtwahl seiner Partei aufrufen kann. Gerade aus den Reihen der Schröderianer wurde der Schritt als Angriff auf sie interpretiert. Die gesamte SPD-Führung gab diesem Druck nach und erklärte, dass ein Ausschluss nicht im Parteiinteresse liege. Mit der Rückkehr von Müntefering in die aktive Parteipolitik wäre der Sieg der Schröderianer perfekt. So ist eine Wahlkampftroika bestehend aus Beck und den Verwaltern des Schröderschen Erbes - Steinmeier und Müntefering - im Gespräch. Eine solche Konstellation birgt schon den Keim für neuen Konfliktstoff in sich. Wenn man sich anschaut, wie schnell die Troika Schröder, Lafontaine und Scharping zerfallen war, muss man sich fragen, warum sich die SPD auf das nicht gerade erfolgreiche Modell einlässt. Es ist ein Zeichen von Stillstand und Ratlosigkeit. Den linken Flügel haben die Parteistrategen weitgehend verloren gegeben. Es ist klar, dass auch einige kosmetische Zugeständnisse nicht dazu führen würden, dass die Linkspartei verschwindet. So will man wenigstens die Parteirechte nicht verprellen, so lautet das Kalkül. Gleichzeitig will man so den Vorwurf von Union und FDP begegnen, die SPD würde auch auf Bundesebene mit der Linken zusammenarbeiten. Dass können Müntefering und Steinmeier leichter widerlegen, als ein unterschiedliche Signale aussendender Kurt Beck. Störfaktor Ypsilanti Der Drang der SPD zur rechten Mitte wird allerdings durch die hessische Landespartei zur Zeit noch konterkariert. Die dortige Parteivorsitzende Ypsilanti lässt sich auch von der Bundespartei nicht den Versuch ausreden, eine von der Linken tolerierte Minderheitsregierung mit den Grünen zu bilden. Immerhin kann die Hessen-SPD darauf verweisen, dass sie real Stimmen dazu gewonnen hat, was gegenwärtig in der SPD äußerst selten ist. Bei Neuwahlen hingegen könnte die Partei eine erneute Niederlage erleiden und Koch triumphieren, was keine guten Vorzeichen für die Bundestagswahlen wären. Umgekehrt müsste eine machtbewusste SPD eigentlich ein großes Interesse daran haben, dass Koch in Hessen abgelöst wird. Schließlich würde damit seit Jahren die Union wieder die Macht in einem Bundesland verlieren, was auf die innerparteiliche Moral sicher positive Auswirkungen hätte. Auch die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat würden sich damit zugunsten der SPD ändern, was nicht unwichtig ist, falls es die SPD mit der Nominierung von Gesine Schwan zur Bundespräsidentenkandidatin Ernst meint. Statt dessen wurden solche Überlegungen eines Regierungswechsel in Hessen von der SPD-Führung eher torpediert und zerredet. Zwar kann Ypsilanti einstweilen weiterhin an Szenarien zur Ablösung von Koch basteln. Sollte auch die Linkspartei Forderungen für eine Tolerierung stellen, könnte das Experiment schon vor dem Praxistest beendet werden. Denn in der bisherigen Diskussion wurde davon ausgegangen das die Linkspartei sowieso alles abknickt, nur um Koch mit abzuwählen. Doch mittlerweile haben Linkspartei-Politiker deutlich gemacht, dass sie mehr als der Wurmfortsatz der SPD sein wollen. Derweil wird der linken Opposition schon mal gezeigt, welchen Preis eine Tolerierung haben kann. Weil sie die Gefangenenhilfsorganisation Rote Hilfe um ein Gutachten zum hessischen Polizei- und Sicherheitsgesetz (7) gebeten hat, wird sie jetzt von der Union und der FDP beschuldigt (8), Linksextremisten Einfluss auf die parlamentarische Gesetzgebung zu verschaffen. Die SPD hielt sich in der Auseinandersetzung zurück, betonte aber, dass eindeutig verfassungswidrige Organisationen nicht zu Anhörungen des Landtags und auch nicht zu schriftlichen Stellungnahmen eingeladen werden sollen. Es ist fraglich, ob sich die Linke als Preis für die Tolerierung künftig vorschreiben lässt, von welcher Organisation sie ein Gutachten einholt. Auch die rechten Sozialdemokraten sind sehr damit einverstanden, hier die Regierungsfähigkeit der Linken auf die Probe zu stellen. Selbst, wenn sie der SPD-Linken Ypsilanti ihre Regierungspläne übel nehmen, auf Dauer will man sich solche Optionen nicht verbauen. Dass auch rechte Sozialdemokraten gut mit der Linken regieren können, vorausgesetzt sie ist anpassungsfähig, zeigt sich seit Jahren in Berlin.
LINKS
(1) http://www.bundestag.de/mdb/bio/m/muentfr0.html (2) http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/676/183107/ (3) http://www.faz.net/s/RubBF7CD2794CEC4B87B47C719A68C59339/Doc~E906DCEAF49 884FFEBFD816C0FAEC8EC8~ATpl~Ecommon~Scontent.html (4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21251/1.html (5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26351/1.html (6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28453/1.html (7) http://www.rote-hilfe.de/news/gesinnungspruefung_bei_politischen_gutacht en (8) http://www.faz.net/s/Rub5785324EF29440359B02AF69CB1BB8CC/Doc~E586745D9FB 9F446EBAF3C8A581BAE803~ATpl~Ecommon~Scontent.html |