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TELEPOLIS 22.08.2008Nur gutes über Aisha?
Peter Nowak

Nachdem Random House ein Buch über Mohammeds Ehefrau Aisha
zurückgezogen hat, ist wieder einmal ein Kampf der Kulturen ausgebrochen
Soll ein Buch über die Ehefrau von Mohammed nicht erscheinen, weil es
auf einer wissenschaftlich fragwürdigen Basis steht oder hat der
renommierte Verlag Random House (1) vor Islamisten kapituliert, ohne
dass die sich überhaupt zu Wort gemeldet haben.. Darüber wird in den
USA und zunehmend auch in Europa heftig diskutiert.
Der Gegenstand des Streits auf den ersten Blick recht unspektakulär.
Die US-Journalistin Sherry Jones (2) hat ein Buch über das Leben
einer Frau geschrieben, die vor mehr als 1.200 Jahren in einem Gebiet
lebte, der in Europa und den USA heute als Naher Osten bezeichnet wird.
Weil es sich bei der Frau um die Gattin von Mohammed handelt, wurde das
Buch "Jewel of Medina" zum Politikum. Denn der Streit über den Islam
betrifft auch die Frau des Religionsgründers.
Islamkritiker verweisen gerne darauf, dass Aisha erst 6 Jahre alt
gewesen sein soll, als sie Mohammeds Frau wurde. Wie weit es sich dabei
um eine historische Tatsache handelt, vor allem aber, was eine
Verheiratung in jungen Jahren in der damaligen Gesellschaft bedeutet
hat, wäre sicherlich das Thema von Forschungen. Im Zeitalter des
Kulturkampfes lassen es sich allerdings die Streiter gegen den Islam
nicht nehmen, Mohammed in die Nähe der Pädophilie zu rücken. Sowohl bei
Islamkritikern (3) als auch bei Islamhassern (4) wird dieses Motiv
verwendet.
Ein Buch über das Leben von Mohammeds Frau hätte vielleicht in die
aufgeregte Debatte Faktenwissen bringen können. Ob Sherry Jones, die
aus einer feministischen Perspektive schreiben wollte, dieser Aufgabe
gerecht geworden ist, wissen wir nicht. Denn das Buch wird vorerst
nicht bei Random House erscheinen (5). Genau das hat nun den Kampf der
Kulturen noch weiter angeheizt.
Die texanische Professorin für Islamische Geschichte Denise Spellberg
(6), die ein Vorwort zum Buch schreiben sollte, kam nach der Lektüre zu
dem Schluss, dass es sich bei Jones Werk um ein historisch falsches
und dummes Buch handelt.
Berechtige Kritik?
Nun ist es ja eigentlich ein Pluspunkt für den Verlag, wenn eine um ein
Vorwort gebetene Expertin ein Buch gründlich liest und auch vor einem
vernichtenden Urteil nicht zurückschreckt. Manches völlig faktenfreie
Sachbuch wird durch unverbindliche Vorworte unverdientermaßen in die
Nähe der Wissenschaftlichkeit gerückt. Spellberg scheint für eine
Beurteilung auch deshalb besonders geeignet, weil sie selber ein Buch
über Mohammeds Frau geschrieben hat.
Doch die Professorin hat es nicht bei einer wissenschaftlichen Kritik
belassen. Wenn sie moniert, dass Jones die Heilige Geschichte in einen
Soft-Porno verwandelt hat, wird schon deutlich, dass hinter der Kritik
keine rein wissenschaftlichen Aspekte stehen werden. Denn dann wäre es
ja gerade das Ziel, die heilige Geschichte zu vergessen und sie auf
überprüfbare Fakten zurück zu führen. Dass Spellberg den Verlag dann
auch noch mit Warnungen vor einer Gefahr für das Gebäude und die
Belegschaft von der Herausgabe des Buches abzubringen versuchte, zeugt
auch nicht von rein wissenschaftlichen Motiven der Intervention.
Das erinnert an das Vorgehen der Intendantin der Deutschen Oper, die
vor zwei Jahren die Aufführung der Mozart-Oper Idomeneo absagte, weil
dort neben den Köpfen anderer Religionsgründer auch der Kopf von
Mohammed gebracht wurde. Obwohl es keinerlei islamistische Drohungen
gab, wurde in vorauseilenden Gehorsam das Stück abgesetzt
(
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/983/89894/), um dann
medienwirksam doch noch gespielt zu werden (7). Auch das Buch von
Jones war in islamischen und islamistischen Kreisen noch völlig
unbekannt, als Spellberg die Warnungen verbreitete. Sie sorgte
zumindest indirekt dafür, dass das noch nicht erschienene Buch in
islamischen Kreisen doch noch zum Diskussionsthema wurde.
Ein Kollege, der Gastprofessor Shahed Amanullah, setzte die
Auseinandersetzung auf seine Webseite (8). Dort werden tatsächliche
oder vermeintliche Diskriminierungen in aller Welt dokumentiert.
Mittlerweile wird dort auch zur Solidarität für die wegen ihrer
Intervention im Zusammenhang mit dem Buch über Mohammeds Frau in die
Kritik geratene Denise Spellberg (9) aufgerufen.
Manche sprechen von den Satanischen Versehen II
Damit wurde aber der Streit um das nicht erschienene Buch endgültig zum
Politikum. Auf verschiedenen Internetseiten meldeten (10) sich
Menschen zu Wort, die den Rückzug des Verlages als Kuschen vor dem
Islamismus interpretierten, obwohl sich in der Auseinandersetzung
bisher vor allem Wissenschaftler zu Wort gemeldet haben. Schon wird
das Buch als Satanische Verse II gehandelt. Damit wird Bezug auf den
britischen Autoren Salman Rushdie genommen, der nach dem Verfassen der
Satanischen Verse vom iranischen Regime mit einer Fatwah belegt wurde
und jahrelang mit Todesdrohungen leben musste. Er setzt sich nun für
das rasche Erscheinen (11) des inkriminierten Buches ein.
Auch die Erinnerung an die moslemkritischen Karikaturen einer dänischen
Zeitung wurde abgerufen, die zum Furore von Moslems in aller Welt
führte. Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, der damals auch
bedroht wurde, kritisierte (12) den Rückzug des Verlags heftig und
warnte vor einem Nachgeben gegenüber Islamisten.
Der Wirbel um das Buch dürfte aber dazu führen, dass es bald gedruckt
und in viele Sprachen übersetzt wird. Das ist nur zu begrüßen. Denn nur
so kann eine Verschärfung des Kulturkampfes auf beiden Seiten
verhindert werden. Wenn das Buch erscheint, wird man auch beurteilen
können, ob es sich bei der Kritik der Professorin um berechtigte
wissenschaftliche Einwände handelt oder ob eine Islamversteherin im
wissenschaftlichen Gewand sich ihre heilige Geschichte erhalten wollte.
Dass die viel zitierten islamischen Massen in diesen Konflikt noch in
Stellung gebracht werden, ist natürlich nicht auszuschleißen. Dabei
handelt es sich allerdings nicht um die spontane Wut von Gläubigen.
Auch der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen hat deutlich gemacht,
dass der Furore auf den Straßen vieler islamsicher Länder von
religiösen Würdenträgern inszeniert wurde, um die Wut über die oft
schlechten Lebensverhältnisse der Menschen auf fremde, ihnen unbekannte
Dinge zu lenken, die angeblich ihre Religion beschädigen.

LINKS

(1)
http://www.randomhouse.de/
(2)
http://www.washingtonpost.com/ac2/related/topic/Sherry+Jones?tid=informl
ine
(3)
http://www.islam-deutschland.info/forum/viewtopic.php?p=18742
(4)
http://newsgroups.derkeiler.com/pdf/Archive/De/de.soc.recht.strafrecht/2
008-01/msg00241.pdf
(5)
http://www.randomhouse.com/rhpg/medinaletter.html
(6)
http://www.utexas.edu/cola/depts/history/faculty/profiles/spellberg/deni
se/
(7)
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/983/89894/
(8) http://www.altmuslim.com
(9) http://eaazi.blogspot.com/2008/08/support-denise-spellberg.html
(10)
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/08/20/AR200808
2003956.html
(11)
http://www.mediabistro.com/galleycat/authors/rushdie_random_gave_in_to_c
ensorship_by_fear_91648.asp
(12)
http://www.zoomer.de/news/news-zoom/culture/islam-kritik/proteste-gegen-
stopp-von-mohammed-roman