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ND27.05.2008Kunden als Streik-Unterstützer
Veranstaltung über mögliche Arbeitskämpfe prekär Beschäftigter
Von Peter Nowak
Auf einem Workshop am Wochenende in Berlin wurde die Frage diskutiert, warum es für prekär Beschäftigte so schwer ist, zu streiken, und wie dies vielleicht doch möglich ist.
Die Arbeitskämpfe der Lokführer, der Beschäftigten bei der Post und der Berliner Verkehrsgesellschaft sorgten in den letzten Monaten für Schlagzeilen. Von einem solchen Medienecho können die Beschäftigten im Einzelhandel nur träumen. »17 Monaten dauert der Arbeitskampf schon an, doch die Öffentlichkeit erfährt davon wenig«, beklagte Erika Ritter, Leiterin des Fachbereichs Handel im ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg, am Samstag auf einem Workshop in Berlin.
Organisiert wurde die Veranstaltung vom Berliner Maydaybündnis, das seit drei Jahren am 1. Mai Paraden gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse organisiert. In diesem Jahr nahmen daran mehr als 6000 Menschen teil. Beschäftigte aus verschiedenen Arbeitskämpfen stellten sich dort vor. »Wir wollten diese Kooperation über den 1. Mai hinaus ausbauen«, begründete Andreas Farian gegenüber ND den Zweck des Workshops.
Auch für die Beschäftigten im Einzelhandel ist Unterstützung von außen wichtig. »Das größte Problem bei einem langen Arbeitskampf ist die Schwierigkeit, noch an einen Erfolg zu glauben«, betonte ver.di-Verhandlungsführerin Erika Ritter. Der Einsatz von Leiharbeitskräften, die rund um die Uhr verfügbar sind, mache einen effektiven Streik oft besonders schwer. Deswegen wollen auch die Streikenden neue Wege gehen. »Wie wäre es, wenn sich die Kunden in die Auseinandersetzungen einmischten?«, überlegte eine Verkäuferin. Schließlich werde auch hierzulande die Frage diskutiert, unter welchen Arbeitsbedingungen Obst in Spanien und Tee in Indien geerntet wird.
Nach diesem Vorbild können in Zukunft kritische Konsumenten deutlich machen, dass ihnen nicht egal ist, wie viel die Kassiererin des Ladens um die Ecke verdient. Für sie gebe es schließlich Alternativen: Einzelne Einzelhandelsketten haben Vorschaltverträge mit der Gewerkschaft geschlossen, andere schalten weiter auf stur.
Eine ganz andere Zielgruppe hat die Kampagne »mir reicht's ... nicht!« angesprochen, die im Vorfeld der diesjährigen Berlinale die Arbeitsbedingungen im Film- und Kulturbereich unter die Lupe nahm. »Wir haben gezielt Beschäftigte nach ihren Arbeits- und Lebensbedingungen gefragt«, berichtet Carsten Becker von der Berliner Gruppe »Für eine linke Strömung« (fels), die diese Kampagne initiierte. Die Resonanz der Befragten und der Medien sei gut gewesen. Doch Praktikanten und Niedriglöhner im Kulturbereich hätten sich nicht dauerhaft organisiert, sagte Becker, weil viele hoffen, im nächsten Jahr einen besser bezahlten Job zu finden.
Erwerbslose könnten gar nicht im klassischen Sinne streiken, betonte Rainer Wahls von der AG-Soziales Berlin. Er plädierte dafür, den Streikbegriff auf die Verweigerung und das sich Wehren gegen bestimmte behördliche Maßnahmen auszuweiten. Dafür sei es wichtig, dass die Betroffenen aus der Vereinzelung herauskommen. Als aktuelle Beispiele nannte Wahls die Zahltag-Aktionen in Köln und Göttingen. Dort hätten Beschäftigte erreicht, dass verzögerte Anträge bearbeitet worden sind.
In der Erwerbslosenbewegung wird jetzt die Aktion »Vierte Woche« diskutiert. Hintergrund ist, dass am Ende des Monats oft das Geld nicht mehr reicht und die Betroffenen sich stark einschränken oder Schulden machen müssen. Geplant ist nun, in der vierten Woche beim Jobcenter einen Nachschlag zu verlangen. Diese Aktion soll demnächst dezentral in verschiedenen Städten anlaufen.