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ND15.02.2008Den eigenen Job als Kampffeld begreifen
Mag Wompel über betriebliche Kämpfe, Klassenkampf von oben, Antikapitalismus und radikale Linke
Die Industriesoziologin Mag Wompel ist Onlineredakteurin bei Labournet, einem Internetprojekt, das sich die Vernetzung von »Ungehorsamen mit und ohne Job« zum Ziel gesetzt hat. Kürzlich referierte sie bei einem von linken Gruppen organisierten Workshop in Berlin. Peter Nowak sprach mit ihr.
ND: Beim Workshop letztes Wochenende, der nach Perspektiven antikapitalistischer Intervention in betrieblichen Kämpfen fragte, haben Sie vor vor zu großem Optimismus gewarnt. Warum?
Wompel: Ich bin gerne optimistisch und bin es auch, wenn ich sehe, dass es zur Zeit
in den Betrieben eine große Desillusionierung über die Möglichkeiten des
Kapitalismus gibt. Es ist ein großer Fortschritt, wenn linke Gruppen sich
mit Betriebskämpfen beschäftigen.
Ich warne aber davor, wenn dort von einem neuen Zyklus von Klassenkämpfen
von unten gesprochen wird. Bisher kann ich vor allem einen Klassenkampf »von oben« feststellen. Bei den Beschäftigten findet die Wut und Empörung noch immer zu stark auf der Grundlage von verletzter Gerechtigkeit statt. Man ist empört darüber, dass man für jahrelang geübten Verzicht nicht belohnt wird.
ND: Aber zeigt nicht zum Beispiel der monatelange Streik am Düsseldorfer
Standort der Catering-Firma »Gate Gourmet«, wie sich aus einem verletzten
Gerechtigkeitsgefühl auch Kampfbereitschaft entwickeln kann?
Wompel: Der Streik bei Gate Gourmet hatte gegenüber reinen gewerkschaftlichen Abwehrkämpfen positive Aspekte. Deshalb haben wir ihn bei Labournet Germany sehr unterstützt. Doch auch dieser Streik ist kein Kampf gegen Lohnabhängigkeit gewesen. Schließlich ist er zudem verloren worden und hat zu keiner Änderung der Arbeitsverhältnisse geführt.
ND: Die zentrale Frage des Workshops lautete, wie Linke reagieren sollen, wenn sich die betrieblichen Auseinandersetzungen auf Standortverteidigung und die Verzichtslogik konzentrieren.
Wompel: Ich bin gegen eine linke Intervention, die sich in guten Ratschlägen von oben herab erschöpft. Stattdessen muss sich die moralische Empörung in einem Konflikt zu einer antikapitalistischen Haltung darin verallgemeinern. Daher begrüße ich zum Beispiel den Vorschlag, in den Kämpfen bei Nokia mit der Parole »Nokia ist überall« aufzutreten.
Bei dem Workshop in Berlin war eine Nürnberger Gruppe, die »Organisierte
Autonomie«. Auch ihr Vorgehen in den Kämpfen bei AEG vor einigen Jahren geht in diese Richtung. Ihre Beteiligung am Boykott von AEG-Produkten haben sie mit einer antikapitalistischen Stoßrichtung verbunden.
Die Intervention linker Gruppen in Betriebskämpfe sollte immer deutlich
machen, dass Betriebsschließungen und andere Zumutungen nicht das Gebaren
eines »bösen Unternehmers« sind, sondern Folgen kapitalistischer Verwertung.
ND: Macht die gute Beteiligung an dem Workshop nicht deutlich, dass für Teile der außerparlamentarischen Linken Betriebskämpfe zunehmend ein wichtiges Politikfeld sind?
WompeL: Diese seit einigen Jahren zu beobachtende Hinwendung von Teilen der
radikalen Linken zu sozialen und Betriebskämpfen begrüße ich. Das bestätigt
auch die Arbeit, die wir bei Labournet seit Jahren machen.
Allerdings sollte die radikale Linke ihre eigenen Lohnarbeitsverhältnisse
als ein Kampffeld betrachten und offen dafür werden, wann und wie sie im
Alltag die Arbeit anderer konsumiert.
Interview: Peter Nowak