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telepos vom 9.2.08Brandursache in Ludwigshafen weiter ungeklärt
Peter Nowak
Nach dem Wohnhausbrand wird viel über die Reaktionen der türkischen
Medien lamentiert, Indizien weisen auf einen möglichen rechtsextremen
Hintergrund
Eigentlich sollte der türkische Premierminister Erdogan auf der
Nato-Sicherheitskonferenz am Wochenende in München demonstrieren, dass
sein Land zur westlichen Wertegemeinschaft gehört. Davor sollte er noch
einige Anstandsbesuche absolvieren, bei denen die Frage der
EU-Mitgliedschaft in der Türkei eine Rolle spielen sollte. Deshalb
wollte er sich auch demonstrativ mit dem Ex-Bundeskanzler Schröder
treffen, der für einen schnellen Eintritt der Türkei in die EU
plädierte. Doch dann kam alles ganz anders. Dafür sorgte der Brand in
einem von Türken bewohnten Haus in Ludwigshafen. 9 Menschen sind dort
gestorben, noch mehr liegen mit schweren Verletzungen im Krankenhaus.
Während deutsche Stellen betonen, dass es bisher keine Beweise für
Brandstiftung und einen rechten Hintergrund gab, waren führende
türkische Medien weniger zurückhaltend. Die Zeitung Milliyet wollte in
Ludwigshafen Spuren von Neonazis (1) ausgemacht haben. Die führende
türkische Zeitung Hürriyet (2) sprach von einer aktiven Neonaziszene
in Ludwigshafen.
Die Berichterstattung in den türkischen Medien wurde von deutschen
Politikern wie dem Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (3) kritisiert
und als verantwortungslos bezeichnet (4). Aber auch Alevitische
Gemeinde distanzierte (5) sich von den harschen Tönen in der
türkischen Presse: "Der tragische Tod von Menschen eignet sich nicht
für hetzerische Spekulationen durch die türkische Medien. Die
türkischen Medien sind gut beraten, die Ergebnisse der polizeilichen
Untersuchungen abzuwarten und von einer Spaltung der Gesellschaft in
Täter- und Opfergemeinschaften abzusehen." Die Mehrheit der Opfer von
Ludwigshafen gehörten der alevitischen Glaubensrichtung an, die von der
türkischen Regierung und Gesellschaft noch immer diskriminiert wird (
Wem keine Ehre gebührt (6)).
Allerdings wäre es ratsam, mit der Berichterstattung in führenden
türkischen Medien genau so differenziert umzugehen, wie das umgekehrt
gefordert wurde. Die reißerische Berichterstattung bei einigen
Boulevardmedien ist sicherlich auch eine Retourkutsche für die deutsche
Berichterstattung um den Fall Marco. Der 17jährige deutsche Tourist war
in Untersuchungshaft genommen worden, weil er von einem britischen
Teenager der Vergewaltigung bezichtigt worden war. Obwohl bei diesem
Fall nach europäischen Standards vorgegangen worden war und die Rechte
des betroffenen Mädchens im Mittelpunkt standen, wurde im deutschen
Boulevard der Eindruck erzeugt, ein Unschuldiger sei völlig ohne
jegliche gesetzliche Grundlage in türkischem Gewahrsam. An der dieser
Stimmungsmache hatten sich auch konservative deutsche Politiker
beteiligt, die sogar die EU-Tauglichkeit der Türkei wegen der U-Haft
infrage stellten. Die Pressereaktionen und die Einmischung der Politik
waren in der Türkei sehr negativ aufgenommen worden.
Natürlich hat auch die vom hessischen Ministerpräsident und dem
Boulevard losgetretene Kampagne gegen kriminelle ausländische
Jugendliche in der Türkei ein Echo gefunden. Der Schriftsteller und
Publizist Zafer Senocak warnte im Deutschlandradio vor einer
zunehmenden Entfremdung zwischen Deutschen und den in Deutschland
lebenden Türken: "Für dieses ganze Verhältnis gibt es nur ein Wort:
Misstrauen." Das sei eine gefährliche Entwicklung. Die halte man nicht
durch ein vorschnelles Dementieren eines möglichen Brandanschlages auf,
wie dies der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck getan habe.
Nicht nur Panikmache
Aber auch echte Besorgnis über den Vorfall in Ludwigshafen ist ein
Grund für die Reaktion. Ein möglicher rassistischer Hintergrund ist
zwar nicht bewiesen, aber es gibt Indizien, die eine gründliche Prüfung
erforderlich machen. Dazu gehören die Aussagen von zwei Mädchen, die
in dem Haus wohnten, die sagten, sie hätten einen Mann gesehen, der
Feuer legte. Außerdem berichteten (7) Bewohner von Drohungen vor dem
Brand "Jetzt seid Ihr an der Reihe, wir werden Euch verbrennen", habe
ein deutschsprechender Mann am Telefon gesagt. Daraufhin haben die
Bewohner Sicherungsmaßnahmen veranlasst. Unklar ist aber, ob sich dies
wirkich bestätigen lässt. Außerdem wurden neonazistische Schmierereien
an der Brandruine entdeckt (8), die kurze Zeit vor Ausbruch des
Brandes angebracht werden sein sollen.
Auch die Neonaziaktivitäten in der Region in Ludwigshafen sind
keineswegs eine Erfindung einer unfairen türkischen Presse. "Im Raum
Rhein-Neckar sind Neonazis sehr aktiv, viele Fäden laufen in
Ludwigshafen zusammen", fasst die Frankfurter Rundschau (9) ihre
Recherchen zusammen. Im Untergeschoss des abgebrannten Hauses hatte
sich bis vor einigen Jahren ein Treffpunkt der regionaler Treffpunkt
der rechten Szene (10) befunden. Dazu gehörten mit den Freien Kameraden
Rheinland-Pfalz auch gewaltbereite Rechtsextremisten. Außerdem gab es
bereits 2006 einen bis heute unaufgeklärten Brandanschlag auf das Haus
(11). Damals konnte das Feuer schnell gelöscht werden. Es gab keine
Opfer.

LINKS

(1) http://www.milliyet.com.tr/2008/02/07/indexmil.html
(2) http://www.hurriyet.com.tr/
(3)
http://www.welt.de/politik/article1646983/Bosbach_CDU_greift_tuerkische_
Presse_scharf_an.html
(4)
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/233/156818/
(5) http://www.alevi.com/pressemeldung+M55153225dca.html
(6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26943/1.html
(7) http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/74/156659/
(8)
http://www.welt.de/politik/article1638986/Nazi-Symbole_an_ausgebranntem_
Haus_entdeckt.html?nr=1&pbpnr=0
(9)
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1284723&
(10)
http://www.taz.de/nc/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2008%2F02%
2F08%2Fa0106&src=GI&cHash=c33416b912
(11)
http://www.europolitan.de/Panorama/Vermischtes/Todesbrand-von-Ludwigshaf
en-War-es-ein-Anschlag/278,12748,0,0.html