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ND29.08.2008Litauens Justiz macht Jagd auf Partisanen
Vorgehen löst Zweifel an Eignung von Vilnius als EU-Kulturhauptstadt aus
Von Peter Nowak
Soll die litauische Hauptstadt Vilnius 2009 wirklich europäische Kulturhauptstadt werden? Diese Frage ist eigentlich längst entschieden. Doch die Initiatoren eines offenen Briefes, der Anfang September dem Europaparlament zugeschickt wird, wollen, dass diese Entscheidung noch einmal überdacht wird.
Hintergrund dieser Forderungen sind Ermittlungen der litauischen Staatsanwaltschaft gegen mehrere Partisanen. Vorgeworfen wird den hochbetagten ehemaligen Kämpfern gegen die Faschisten und ihre regionalen Unterstützer, Verbrechen begangen haben. Dabei geht es um die Ereignisse in dem polnisch-litauischen Dorf Koniuchy. Partisanen hatten am 29. Januar 1944 die dortige deutsche Garnison angegriffen. Bei den Kämpfen sind auch 38 Dorfbewohner getötet worden. Für Litauens Justiz war der Angriff daher Terrorismus.
In den litauischen Medien stehen dabei besonders jüdische Partisanen im Visier. So soll Rachel Margolis zu der Aktion in Koniuchy befragt werden, obwohl sie gar nicht daran beteiligt war, sondern nur in ihren Memoiren darüber berichtet hatte. Auch Yitzhak Arad wird von den litauischen Medien beschuldigt, für den sowjetischen Geheimdienst NKWD gearbeitet zu haben. Der ehemalige Direktor der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem lebt wie Margolis in Israel. Zwischen Juni 1941 und Oktober 1941 massakrierten die deutschen Faschisten und ihre litauischen Helfer 50 Prozent der 80 000 litauischen Juden, die andere Hälfte wurde in Ghettos gesperrt. Dort bildeten sich auch die Widerstandsgruppen.
Europaweit wird das Vorgehen der litauischen Justiz kritisiert. Mit der besonderen Herausstellung von jüdischen Partisanen in der litauischen Öffentlichkeit wird Antisemitismus geschürt, warnen Verfolgtenverbände. Sie sehen in dem Vorgehen den Versuch, die Kollaboration mit dem NS-System zu rehabilitieren und den Widerstand dagegen zu kriminalisieren. Erst vor wenigen Monaten beschloss das litauische Parlament, das Tragen von Hakenkreuz und Hammer und Sichel gleichermaßen unter Strafe zu stellen.
Kritik an dem Vorgehen der Justiz gibt es auch in Litauen. Emmanuelis Zingeris, der einer internationalen Kommission vorsteht, die die Verbrechen der Nazis und während der Stalin-Zeit in Litauen untersuchen soll, sieht in den Vorstoß den Versuch nationalistischer Kreise, die Arbeit der Kommission zu sabotieren. Der europäische Protest könnte die Debatte in Litauen über das Vorgehen der Justiz verstärken. Bis Anfang September kann der offene Brief unter Offener-Brief.Litauen@gmx.de unterstützt werden.