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ND26.09.2008Kraftproben um die Arbeit am Hafen
Von Peter Nowak
Das Buch »Kraftproben« beleuchtet die Geschichte der Kämpfe gegen die Liberalisierung der Hafenarbeit. Darin werden Parallelen gezogen zu den Streiks in Hamburg vor mehr als 100 Jahren.
Europaweite Proteste der Hafenarbeiter in den Jahren 2004-2006 verhinderten, dass die von der EU forcierte Liberalisierung ihrer Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden konnte. In deutschen Medien wurde wenig über die Proteste gegen die Hafenrichtlinie berichtet. Jetzt haben zwei aktiv an den Auseinandersetzungen beteiligte Gewerkschafter ein Streiklesebuch mit historischer Einlage vorgelegt. Die Autoren Achten und Kamin-Seggwies schlagen einen Bogen zum längst vergessenen Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97. Dazu haben sie einen Bericht des damaligen Gewerkschafters und späteren führenden SPD-Politikers Carl Legien über Ursachen, Verlauf und Ende dieses seinerzeit landesweit beachteten Ausstandes neu veröffentlicht. Der Streik aktivierte erstmals auch Unterstützer aus dem Bildungsbürgertum. Das wurde von Arbeitgebern und der ihnen nahestehenden Presse als verräterische »Förderung sozialdemokratischer Bestrebungen« angekreidet. 111 Jahre später liest man solche Zeilen mit einem gewissen Schmunzeln.
Die von Legien als Fazit des verlorenen Streiks erkannte Notwendigkeit einer besseren Organisierung ist hingegen auch heute aktuell. Das macht Bernt Kamin-Seegewies, der Gesamtbetriebsratsvorsitzender des Hamburger Hafens ist, in seinem knappen Abriss der gewerkschaftlichen Aktionen gegen die Deregulierungsversuche aus Brüssel deutlich.
Eine Fehleranalyse wird dabei nicht ausgespart: Die Proteste begannen zu spät, auch mit der europaweiten Koordinierung haperte es teilweise. So kam die Ablehnung der Hafenprivatisierung durch alle europäischen Gewerkschaften nicht zustande. Manche Vorhaben scheiterten auch einfach an Sprachproblemen. Trotzdem haben die Gewerkschaften mit einer Mischung aus Lobbyarbeit und Arbeitsniederlegungen die neuen Richtlinien erst einmal gestoppt.
Schon laufen Versuche an, die Deregulierungspläne jetzt auf nationaler Ebene umzusetzen. Die Proteste dagegen sollen diesmal früher und besser koordiniert einsetzen. Das Lesebuch macht mit seiner Mischung aus aktuellen Berichten und historischen Rückblicken deutlich, dass die Folgen dieser Auseinandersetzung weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinausgehen. Diese Erkenntnis aus dem Jahr 1896 gilt es heute unter veränderten Bedingungen wiederzuentdecken.
Udo Achten, Bernt Kamin-Seggewies: »Kraftproben«, VSA-Verlag, Hamburg 2008, 22,80 Euro.