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Telepolis07.01.2008Soziale Sicherheit oder Law and Order? Peter Nowak Die Union setzt auf innere Sicherheit und Ressentiments gegen Ausländer und Zuwanderung, nach einer Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen von dem Wahlkampfthema nicht überzeugt Das erste Januarwochenende ist für die politischen Parteien immer die Zeit der Neujustierung für die kommenden Monate. Doch in diesem Jahr steht über den alljährlichen Zusammenkünften die Festlegung der Wahlkampfstrategien. Vordergründig geht es dabei um die nächsten Landtagswahlen, doch in Wirklichkeit werden hier schon die Weichen für die kommenden Bundestagswahlen gemischt. Die Union hat hier schon seit Wochen Duftmarken gesetzt. Auf ihre Klausurtagung in Wiesbaden stellte sich die Partei hinter ihren Wahlkämpfer Roland Koch und forderte in ihrer Wiesbadener Erklärung (1) höhere Strafen für jungendliche Straftäter. Die neuen Stichworte heißen "Warnschussarrest", die konsequente Anwendung des Erwachsenenstrafrechts als Regelfall und eine Absenkung des Strafmaßes von drei auf ein Jahr Gefängnis, um ausländische Straftäter abschieben zu können. Die unionsinternen Kritiker, die vor der Klausurtagung noch die konsequente Anwendung der bisherigen Gesetzeslage statt ständig neuer Härteforderungen angemahnt haben, sind in Wiesbaden zunächst verstummt. Schließlich wolle man vor den Wahlen keine neue innerparteiliche Debatte anstoßen. Zudem hat sich auch die zunächst wie üblich abwartende Kanzlerin Angela Merkel dem Trend angeschlossen und tritt nun für Warnschussarrests und Strafcamps ein. Man brauche in Deutschland wieder das "Gefühl erlebter Sicherheit" sagte (2) die Kanzlerin der BamS. Bild übernimmt Die Boulevardmedien, vor allem die Bildzeitung (3), sind erwartungsgemäß dankbar in das Thema eingestiegen. Dabei wird auch deutlich, wie hier Emotionen geschürt werden. Während die Mutter eines der mutmaßlichen Schläger von München im Bild-Interview (4) nicht nur um Entschuldigung bittet, sondern auch von der schweren sozialen und familiären Situation spricht, in der sie und ihre Kinder aufwuchsen, daran erinnert, dass ihr Sohn keine Sozialhilfe annehmen wollte und immer noch auf einen Job hoffte, lässt sich der überfallene Rentner N. mit Jesus-Bild fotofgrafieren (5) abbilden, lehnt jede Annahme einer Entschuldigung von "Totschlägern" als Zeitverschwendung ab. "Es war ein Hass gegen unser Land und einen Bürger dieses Landes", gab sich der pensionierte Lehrer national. Sind junge Ausländer gewalttätiger als junge Deutsche? (6) titelt Bild scheinbar distanziert mit einem Fragezeichen. Doch der Haupttext und die Bilder erwecken den Eindruck, dass das Fragezeichen nur Rhetorik war. Im letzten Absatz wird dann erwähnt, dass man die Frage auch ganz anders beantworten kann. Laut einer Polizeistatistik hat die Zahl der mutmaßlichen Straftäter ohne deutschen Pass den niedrigsten Stand seit 1993 erreicht und auch die Zahl der straffällig gewordenen Deutschen mit Migrationshintergrund ist rückläufig. Dass solche Meldungen in den letzten Abschnitt versteckt werden, hat einen Grund. Sie taugen nicht für Emotionen. Dafür wird eine "Richterin Gnädig" an den Pranger gestellt (7), weil sie mit ihrem Strafmaß nicht den Geschmack der Hardliner gefunden hatte. Dem wird der "mutigste Oberstaatsanwalt Deutschlands" Roman Reusch gegenübergestellt (8), der "Klartext" spreche. Für das Blatt mit den großen Titeln sind das vier Worte: "Dauer-kriminelle Ausländer ausweisen." Bild zitierte dann einige Passagen aus Reuschs Rede, die er vor der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung gehalten hat. Natürlich thematisiert das Blatt nicht, dass sich hier ein Mann als Oberstaatsanwalt vor einen parteipolitischen Karren spannen lässt. Sie fragt auch nicht, wie der Tenor seiner Rede, dass die Kriminalität ausländischer Jugendlicher immer schlimmer werde, mit der Polizeistatistik übereinstimmt, die ja einen Rückgang der Straftaten feststellte. Aber das wäre kritischer Journalismus und der ist beim Boulevard ein Fremdwort. Während das Thema Ausländer und Kriminalität jetzt bei Springer so gut bearbeitet werden, dass die Rechtsaußenblätter Junge Freiheit und Deutsche Nationalzeitung nur abschreiben können, widmen sich die wahlkämpfenden Politiker der Union weiteren Themen. Kochs Anstandskatalog So legte Roland Koch mit einem Sechs-Punkte-Papier (9) nach, das nun gar nichts mehr mit Jugendkriminalität zu tun hatte. Vielmehr solle Moral und Disziplin in Deutschland wieder mehr Geltung verschafft werden. So sollen Jugendliche älteren Menschen in Bussen und Bahnen ihren Sitzplatz anbieten, die Tür aufhalten und grüßen. Nun wird ein solches Verhalten schon öfter gefordert, kann aber kaum Gegenstand staatlicher Maßnahmen sein. Dann kommt Koch, auch in einem Interveiw (10) des Tagesspiegels, auf sein Lieblingsthema: klare Spielregeln für Ausländer. So sollen das Schlachten in der Küche und ungewohnte Formen der Müllentsorgung nicht zur deutschen Hausordnung gehören. Allerdings ist trotz der Schützenhilfe des Boulevards noch nicht ausgemacht, ob Kochs Kalkül aufgeht und er mit seiner Kampagne erfolgreich ist. Im Blog (11) der Frankfurter Rundschau zweifeln selbst Menschen, die dem Anliegen des hessischen Ministerpräsidenten aufgeschlossen gegenüberstehen, ob Koch die richtige Person für starke Worte in Sachen Moral ist. Sie erinnern daran, dass ihm in seiner politischen Laufbahn öfter ein, gelinde gesagt, freier Umgang mit der Wahrheit nachgesagt wurde, und fragen, ob deshalb Ehrlichkeit in dem Anstandskatalog fehlt. Selbst die unionsnahe Welt aus dem Hause Springer vermeldete, dass Kochs Lieblingsthema den Wählern nicht schmeckt (12). Demnach habe eine Befragung des Emnid-Instituts ergeben, dass zwei Drittel der Befragten dagegen sind, das Thema Jugendkriminalität zum Wahlkampfthema zu machen. Selbst unter Unionswählern gäbe es eine Mehrheit gegen diese Zuspitzung. Das wird sich spätestens in drei Wochen zeigen, wenn die Landtagswahlen in Hessen stattfinden. Die SPD zumindest stellte auf ihrer Klausurtagung in Hannover (13) die soziale Sicherheit und die Forderung nach "guter Arbeit" in den Mittelpunkt und konkurriert in dieser Frage mit der Linkspartei (14). Die FDP wiederum gerierte sich auf ihrem traditionellen Dreikönigstreffen (15) als knallharte Interessenvertreterin der Gutverdienenden. Der innerparteilich in die Kritik geratene Parteichef Westerwelle beklagte einen Linksruck aller anderen Parteien und monierte, dass das Thema soziale Gerechtigkeit beliebter als das Thema Freiheit sei. Sowohl SPD wie auch FDP haben sich gegen neue Gesetze im Bereich der Jugendkriminalität mit der Begründung gewandt, dass der bestehende Gesetzesrahmen erst ausgeschöpft werden solle. Doch in beiden Parteien vermeidet man auch erkennbar, der Union und dem Boulevard wirklich Paroli zu bieten. Dass SPD-Politiker Koch des brutalstmöglichen Populismus anklagen, kann unter Wahlkampfgeklingel abgeheftet werden. Besonders bemerkenswert ist, dass die FDP die Mindestlöhne und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit nicht aber Kochs Tugendkatalog und die Forderung nach Abschaffung des Jugendstrafrechts als größte Bedrohung ihrer Vorstellung von Freiheit sieht. Beide Parteien warten bis Ende Januar ab. Scheitert Koch bei den Landtagswahlen und verliert er womöglich gar die Macht, wird man auch innerparteilich deutlichere Worte finden. Doch wenn Kochs Kalkül aufgeht und er die Wahl gewinnt, werden sich auch SPD und FDP am Wettbewerb nach Strafverschärfungen und Benimmkatalogen beteiligen,. So entscheiden die Wahlergebnisse in Hessen und Niedersachsen auch darüber, ob soziale Sicherheit und Mindestlohn oder Kriminalität und Benimmkataloge die Debatte bestimmen.
LINKS
(1) http://www.cdu.de/home/index_21825.htm (2) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/politik/2008/01/06/merkel-angela/i nterview-2,geo=3415774.html (3) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/politik/2007/12/30/pass-probe/rech tsprofessor-vorschlag,geo=3373580.html (4) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/vermischtes/2008/01/05/u-bahn-schl aeger/mutter-spricht,geo=3409752.html (5) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/vermischtes/2008/01/05/u-bahn-schl aeger/hgs-u-bahn-schlaeger/hg-opfer-nimmt-entschuldigung-nicht-an,geo=34 11466.html (6) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/politik/2007/12/30/pass-probe/hg-j ugend-gefaehrlich-1/hg-jugend-gefaehrlich,geo=3373878.html (7) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/vermischtes/2007/12/29/schlaeger-m uenchen-0/skandal-bewaehrung,geo=3367774.html (8) http://www.bild.t-online.de/BILD/news/vermischtes/2008/01/04/kriminelle- auslaender/ausweisung,geo=3399890.html (9) http://www.roland-koch.de/Koch-Lieber-drei-Tage-Gefaengnis-als-lebenslae nglich-kriminell/1199361908.html (10) http://www.tagesspiegel.de/politik/div/Roland-Koch-Jugendgewalt;art771,2 450840 (11) http://www.frblog.de/serkan/ (12) http://www.welt.de/politik/article1523039/Kochs_Lieblingsthema_schmeckt_ Waehlern_nicht.html (13) http://www.spd.de/menu/1735905/ (14) http://www.pds-nds.de/ (15) http://www.fdp-dreikoenig.de/ |