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telepolis vom 15.1.08Merkel stellt sich hinter Koch Peter Nowak 15.01.2008 Auf der Bundespressekonferenz ging es um die Wirtschaft, die Handlungsfähigkeit der Koalition und natürlich die Gewaltdebatte sowie den Ausbau der Video-Überwachung Wenn man die telefonische Hörerbefragung des Senders NTV (1) zum Maßstab nimmt, war die Bundespressekonferenz (2) von Bundeskanzlerin Merkel ein Erfolg. Waren zu Beginn noch mehr als zwei Drittel der Meinung, dass die große Koalition abgewirtschaftet hat, sank die Zahl derer, die in dem Bündnis Union/SPD keine Zukunft sehen, auf knapp über 50 %. Damit scheint die überraschend einberufene Pressekonferenz eine wichtige Aufgabe erfüllt zu haben. Merkel machte deutlich (3), dass die große Koalition jenseits des Wahlkampfgetöses noch handlungsfähig ist. Daran waren in den letzten Tagen Zweifel aufgetaucht, weil sich zeigte, dass vor allem der Wahlkampfstil des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch auch die Bundesebene von SPD und Union tangierte (4). Taktisch geschickt stand denn auch nicht die Kontroverse um das Jugendstrafrecht, sondern die wirtschaftliche Lage am Beginn der Konferenz. Ein ausgeglichener Haushalt und ein höheres Wachstum wurden denn auch als zentrales Ziel ihrer weiteren Regierungsarbeit genannt. Obwohl sie die guten wirtschaftlichen Daten betonte, war aus Merkels Worten auch die Warnung herauszuhören, dass die höheren Energiepreise und Verschlechterung der weltwirtschaftlichen Situation Auswirkungen auf Deutschland haben werden. Doch das zentrale Thema der Pressekonferenz war die Debatte um die Jugendkriminalität und die Folgen für das Klima der großen Koalition ( Wahlkämpfer Koch strauchelt über die von ihm angezettelte Kampagne (5)). Unterstützung für Koch Merkel bekräftigte die Wiesbadener Beschlüsse (6), mit denen sich die Union. zu Jahresbeginn hinter Koch gestellt hatten ( Soziale Sicherheit oder Law and Order? (7)). Besonders an einigen Nebenbemerkungen von Merkel wurde deutlich, dass es dabei um mehr als nur um Lippenbekenntnisse ging. Als die Korrespondentin einer türkischen Zeitung die Übersetzung der Integrationsprogramme in ausländische Sprachen anmahnte, konnte sich Merkel nicht die Bemerkung verkneifen, dass die Amtssprache Deutsch sei und sie das Lernen dieser Sprache für eine gute Investition halte, wenn Menschen hier leben wollen. Nur Merkels Bekenntnis, dass es zur Bekämpfung der Jugendkriminalität nicht nur einen einzigen Weg gibt, wurde als Hinweis gewertet, dass sie auch andere Akzente als Koch setzt. Mit dem Verweis auf die jahrelange Diskussion um die Videoüberwachung öffentlicher Plätze machte Merkel noch einmal deutlich, welchen Stellenwert in der Union die Türöffnerfunktion der gegenwärtigen Debatte hat. Sie geht davon aus, dass in einigen Jahren den Warnschussarrest genau so allgemein akzeptiert sein wird wie heute die Videoüberwachung, die schließlich einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung des Überfalls in der Münchner U-Bahn geleistet habe, der der Auslöser der gegenwärtigen Debatte war. Merkel vergisst dabei dass es durchaus noch Widerstand gegen die Dauerpräsenz von Videokameras gibt. Sie ignoriert damit auch die zunehmende Kritik von Fachverbänden an der Debatte um die Jugendkriminalität. Kritik von Fachverbänden So heißt es in einem Schreiben von Rechtsanwälten und Richtern und Verbänden (8): --Das deutsche Jugendstrafrechtssystem leidet nicht unter mangelnder Härte, sondern am Fehlen politischer und sozialer Alternativen für deviante und gefährdete Jugendliche. Erhebliche Stellendefizite, stete Kürzungen im Vollzug und Einsparungen bei der Betreuung von Jugendlichen kennzeichneten die Kriminalpolitik der vergangenen Jahre. Wer straffällige Jugendliche nur wegschließt oder abschiebt, löst keine Probleme und sondern erzeugt die Illusion von Sicherheit. Tatsächlich werden Verschärfungen im Jugendstrafrecht absehbar zu einer weiteren Verschlechterung im Jugendstrafvollzug führen, der bereits jetzt überlastet und um ein vielfaches überbelegt ist.-- Statt auf Wegsperren müsse eine "nachhaltige Jugendpolitik" auf Prävention und Integration setzen", heißt es in dem Schreiben. Den gleichen Tenor hat eine mittlerweile von ca. 1000 Hochschullehrern und Praktikern der Jugendrechtspflege unterzeichnete Resolution (9), die sich gegen die Verschärfung des Jugendstrafrechts wendet. Die Unterzeichner bekräftigen, dass es keine empirischen Belege dafür gebe, dass eine Verschärfung des Strafrechts die Jugendkriminalität reduziere. Allerdings sind solch differenzierte Töne nicht der Stoff für Wahlkampfreden. Wie selektiv mit dem Thema Jugendgewalt umgegangen wird, zeigt ein brutaler Überfall (10) auf einen Frührentner am U-Bahnhof Hamburg-Niendorf in der Sylvesternacht. Obwohl der Geschlagene mehrere Tage im Koma lag, bekam der Fall nie die Publizität wie der Münchner Überfall. Ob es daran lag, dass es sich bei den Tätern um Jugendliche ohne Migrationshintergrund und bei dem Opfer nicht um einen pensionierten Studienrat, sondern um einen Mann handelt, der sich als Frührentner mit dem Sammeln von Flaschen seinen Lebensunterhalt aufbesserte?
LINKS
(1) http://www.n-tv.de/ (2) http://www.bundespressekonferenz.de/ (3) http://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/AudioVideo/2008/Audio/2008-01-1 5-merkel-bpk/2008-01-15-merkel-aktuelles-innenpolitik-aussenpolitik.html (4) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/723401/ (5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27059/1.html (6) http://www.cdu.de/home/index_21825.htm (7) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27002/1.html (8) http://www.lawblog.de/index.php?s=strafverteidiger (9) http://dvjj.de/artikel.php?artikel=989 (10) http://www1.ndr.de/nachrichten/hamburg/jugendgewalt20.html |