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TELEPOLIS06.09.2008Polemik oder Schmähkritik?
Peter Nowak

Die juristische Auseinandersetzung zwischen Henryk M. Broder und Evelyn
Hecht-Galinski endet vorerst unentschieden und wird weitergehen
Der Publizist Henryk M. Broder (1) ist bekannt für seine scharfe
Polemik bekannt und je nach politischem Gusto geachtet, gefürchtet oder
auch gehasst. Besonders mit den Kritikern Israels geht Broder, der sich
in den letzten 25 Jahren vom moderaten Antizionisten zum
bedingungslosen Freund Israels gewandelt hat, besonders hart ins
Gericht.
Verwunderlich ist nicht, dass amit gelegentlich auch langwierige
juristische Auseinandersetzungen verbunden sind. Dass die jüngste
Kontroverse besonders viel Wirbel auslöst, lag an der Person von
Broders Kontrahentin. Evelyn Hecht-Galinski, die Tochter des
langjährigen Vorsitzenden des Zentralrat der Juden Heinz Galinski,
tritt immer wieder als Kritikerin (2) der israelischen Politik und
auch des Zentralrats der Juden in den Medien auf.
Darüber wiederum war Broder gar nicht erfreut. So kommentierte (3)
er eine Einladung des WDR an Hecht-Galinski in einer Email an die
Intendantin so. "Jeder, der zwei Promille im Blut würde sogar an
Weiberfastnacht erkennen, dass Frau EHG (Evelyn Hecht-Galinski) eine
hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau ist, die für niemanden spricht
außer für sich selbst und dabei auch nur Unsinn von sich gibt. Ihre
Spezialität sind antisemitisch-antizionistische Gedankenlosigkeiten."
Hecht-Galinski konterte mit einer Einstweiligen Verfügung gegen den
Antisemitismus-Vorwurf. Am vergangenen Mittwoch sprach die 28.
Zivilkammer des Kölner Landgerichts (4) ein Urteil, das beide Seiten
als relativen Erfolg werten. Es entschied, dass Broder im vorliegenden
Fall den Antisemitismus-Vorwurf nicht weiter aufrecht erhalten darf, so
lange er nicht begründet worden sei. Generell dürfe eine kritische
Auseinandersetzung mit Galinskis Positionen nicht unterbunden werden.
Es müsse aber eine argumentative Auseinandersetzung ihrer Position
erkennbar sein. Sonst überschreite die Äußerung die Grenze zur
Schmähkritik. Ein generelles Verbot von Broders Äußerung sprach
das Gericht nicht aus. Dennoch zeigte sich Hecht-Galinski zufrieden:
"Ich begrüße diese Entscheidung sehr. Auch deshalb, weil Broder und
seine Helfer in den letzten Tagen vergeblich versucht haben, einen
extrem starken Mediendruck auf das Gericht und mich mittels weiterer
Verunglimpfungen auszuüben."
Broder reagierte gewohnt polemisch: "63 Jahre nach dem Ende des
Nazireichs ist es anscheinend weiterhin eine offene Frage, was
Judenhass ist." Da aber von der ursprünglichen einstweiligen Verfügung
nur Fragmente übrig geblieben sind, war auch er zufrieden. Er werde
weiterhin seiner publizistischen Tätigkeit so nachgehen, wie er es "für
geboten und angemessen" erachte, kündigte Broder an.
Was ist Antisemitismus?
Doch zwischen Hecht-Galinski und Broder wird das juristische Tauziehen
weitergehen. Broder will im Hauptsacheverfahren die von der Zivilkammer
geforderten Beweise für seinen Antisemitismusvorwurf gegen seine
Kontrahentin vorbringen. Hier könnte noch eine spannende
Auseinandersetzung bevorstehen. Denn tatsächlich ist eine
wissenschaftliche und politische Streitfrage, wo eine legitime
Israelkritik endet und der Antisemitismus beginnt, den Broder in seinen
Statements merkwürdigerweise auf Judenhass verkürzt. Das ist angesichts
der umfangreichen Antisemitismusforschung der letzten Jahre
erstaunlich, die gerade darauf aufmerksam gemacht hat, dass sich
Antisemitismus eben so wenig nur am Hass auf Juden festmachen lässt,
wie Rassismus im populären Schlagwort des Ausländerhasses.
Der Medienprofi Broder muss sich auch fragen lassen, ob er wirklich
gut beraten war, gegen einen Medienauftritt seiner Kontrahentin
vorzugehen. Fehlen einem Mann wie ihm die Mittel, um Hecht-Galinski -
auch mit viel Polemik - inhaltlich zu kontern? Fällt es Broder, der
sich mit Recht gegen einen Maulkorb wehrt (5), gar nicht auf, dass er
mit seiner Intervention gerade Hecht-Galinski einen solchen umhängen
wollte? So nötig wir Männer und Frauen vom Format eines Broder mit
seiner polemische Sprache brauchen, so peinlich werden sie, wenn sie
das Feld der Polemik verlassen und selber in die Schar derer einreihen,
die Auftrittsverbote fordern . Eine Polemik ist eben etwas anderes als
Mobbing oder Anschwärzen.
Dieses Verhalten sowie seine Charakterisierung von Hecht-Galinski als
geltungssüchtige Hausfrau hat Broder viel Kritik eingebracht. So
schreibt der in Berlin und Toronto lehrende Soziologe Michal Bodemann
(6):
--Vor allem im Internetmilieu, das sich um Broder herum gruppiert,
gehen die Verunglimpfungen noch weit über den Antisemitismus-Vorwurf
hinaus. Da wird nicht nur unter jedem Stein nach Antisemiten gesucht
wie einst in den USA der Fünfzigerjahre unter McCarthy nach
Kommunisten. Da werden, wie in jeder Hexenjagd üblich, die
Einschüchterungsversuche und die Beleidigungen persönlich, wenn Henryk
M. Broder etwa Frau Hecht-Galinski als "hysterische, geltungsbedürftige
Hausfrau" (Alice Schwarzer, wo bleiben Sie?) abtut. Hier möchte man
Broder an die Worte des Rechtsanwalts Joseph Welch erinnern, die dieser
McCarthy während seiner berüchtigten Anhörungen zurief: "Es reicht.
Haben Sie denn überhaupt kein Anstandsgefühl, mein Herr? Haben Sie kein
Anstandsgefühl mehr?--
Streit unter Juden?
In den Medien wird der aktuelle Streit oft mit der juristischen
Auseinandersetzung (7) zwischen Broder und dem Verleger Abraham Melzer
hingewiesen. Ihn hat Broder polemisch nicht nur in die Nähe des
Antisemitismus, sondern des Rechtsextremismus gerückt (8). Einerseits
bietet sich der Vergleich an, weil es in beiden Fällen um Broders
Auseinandersetzung mit tatsächlichem oder vermeintlichem Antisemitismus
geht.
Der Hinweis, dass sich hier zwei in Deutschland lebende Juden vor
Gericht streiten, mutet doch etwas seltsam an. Was soll daran
eigentlich so bemerkenswert sein? Schließlich streiten sich in weit
überwiegenden Maße Christen vor deutschen Zivilgerichten, ohne dass
hier die Religion besonders vermerkt wird. Dass Menschen jüdischen
Glaubens zur israelischen Politik und zum Zentralrat der Juden
unterschiedliche Positionen haben, sollte auch in Deutschland einfach
mal als Tatsache zur Kenntnis genommen werden. Allerdings auch von
Broder, der in seinen Polemiken durchblicken lässt, dass ihn besonders
ärgert, wenn Jüdinnen und Juden zu Israel eine Position vertreten,
die Broder noch vor 25 Jahren selber eingenommen hat.

LINKS

(1)
http://henryk-broder.com/
(2) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/602717
(3)
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/tolle_tage_mit_jued
ischen_experten
(4)
http://www.lg-koeln.nrw.de/aufgaben/gvp/zivilk1.htm
(5) http://www.ksta.de/html/artikel/1218352608063.shtml
(6)
http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ress
ort=me&dig=2008%2F09%2F02%2Fa0118&cHash=284ba049f5&type=98
(7)
http://www.arendt-art.de/deutsch/Henryk_m_broder/henryk_m_broder_prozess
_melzer_broder.htm
(8)
http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~E5FD69AB95A
E54C788A846B7F12FA731A~ATpl~Ecommon~Scontent.html