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telepolis vom 21.1.08Der "Geist von Heiligendamm" und die Globalisierungskritiker
Peter Nowak
Die globalisierungskritische Bewegung hat sich von den Strapazen der
Gipfelproteste erholt und plant neue Projekte
Ein Hallo hier, eine Umarmung dort. Bei soviel Begrüßungsgesten konnte
man den Eindruck gewinnen, dass sich hier alte Bekannte treffen, die
sich für einige Monate aus den Augen verloren hatten. Das traf auf den
Großteil der ca. 500 Teilnehmer zu, die sich vom 17.-20. Januar in
Berlin zu den Perspektiventagen (1) versammelten hatten. Viele von
ihnen hatten in den letzten zwei Jahren die Proteste gegen den
G8-Gipfel in Heiligendamm organisiert. Vor knapp einem Jahr waren die
meisten dabei, als die heiße Phase der Proteste eingeläutet worden.
Danach sahen sie sich immer öfter. Während der Aktionstagswoche wohnten
die meisten in Camps rund um Heiligendamm zusammen.
Als der Medienpulk weitergezogen war, genehmigten sich auch viele der
Bewegungsaktivisten eine Auszeit nach dem Gipfelende. Die einen machten
verlängerten Sommerurlaub, die anderen kümmerten sich um die durch ihre
Gipfelvorbereitungen vernachlässigten beruflichen oder studentischen
Verpflichtungen.
Wo ist der Geist von Rostock?
Derweil begannen im kleinen Kreis die ersten Diskussionen über die
Einschätzung der Gipfelproteste (2). Die Resultate waren denkbar
unterschiedlich. Die einen sahen in den gelungenen Blockaden rund um
Heiligendamm einen großen Erfolg. "So sehen Sieger aus", lobhudelte das
Bündnis Interventionistische Linke (3). Der Geist von Rostock wurde
ausgerufen und viel verlacht. Basisaktivisten aus dem Bereich der
unterschiedlichen Teilbereichskämpfe unkten schon, ob es wohl ein böser
Geist ist. Zumindest war nach dem Gipfelende kaum noch jemand für
lokale Proteste zu mobilisieren.
Als schon manche schon glaubten, dass die eine öffentliche
Gipfelaufarbeitung ausfällt, gab es dann doch noch die
unterschiedlichen Veranstaltungen. Anfang Dezember lud das
kapitalismuskritische Ums-Ganze-Bündnis (4) zum Kongress (5) an die
Frankfurter Universität. Dort suchte man den theoretischen Ausweg aus
dem Kapitalismus. Dabei waren die Ereignisse von Heiligendamm zwar
gelegentlicher Bezugspunkt, aber die dem Aktionismus distanziert
gegenüberstehenden Veranstalter machten von Anfang an deutlich, dass
sie dem Datum auf der Protestagenda keine überragende Bedeutung
zumessen.
Bei den Perspektiventagen war man schon mehr bemüht, den Geist von
Rostock zu finden. Eine große Fotogalerie zeigte das Leben in den
unterschiedlichen Camps. Wenn es mal Streit in den Arbeitsgruppen gab,
wurde auch daran erinnert, dass man sich am solidarischen Umgang
während der Protesttage ein Beispiel nehmen solle. Allerdings konnte
nach über einem halben Jahr die Auswertung nicht mehr die Hauptrolle
spielen. Am ersten Tag war man sich weitgehend einig, dass die Proteste
schon irgendwie ein Erfolg waren. Worin der aber wirklich lag, blieb
dann doch offen. Über die Frage, wer im Anschluss an die
Großdemonstration am 2.6. in Rostock den ersten Stein geworfen hat,
wollte man nicht mehr streiten. Schließlich ist nach 6 Monaten die
Härte aus der Auseinandersetzung verschwunden, die es Anfang Juni
beispielsweise zwischen Peter Wahl von Attac (6) und Gruppen der
undogmatischen Linken (7) in dieser Frage gegeben hat.
Am Ende blieb nur das Flaschenpfand
Stattdessen wurden die nächsten Projekte geplant. Besonders hoch im
Kurs steht die Organisierung eines Klimacamps (8) im Sommer diesen
Jahres. Bis zur Realisierung dürfte es allerdings noch einige
Diskussionen darüber geben, wie sich in Berlin schon abzeichnete. Denn
es mangelte nicht an kritischen Einwänden. Hängt sich die Bewegung hier
an ein Thema, das in der öffentlichen Meinung längst von Angela Merkel
und Al Gore sowie einigen Nichtregierungsorganisationen gehandelt
wird? Müssten die Aktivisten nicht eher kritisch auf einen Diskurs
eingehen, der unter dem Motto der Klimarettung einen Verzicht
beispielsweise auf Billigflüge propagiert, fragen die einen. Andere
entgegnen, dass ein Verzicht auf bestimmte Konsumgüter durchaus
wünschenswert sei. Wenige schwärmten gar von den ökologischen
Fußspuren, die man lege, wenn man wieder den rauen Charme des
Plumpsklos entdeckt. Hier wird sicher in den nächsten Monaten sicher
heftig gestritten werden.
Andere Aktivisten wollen in der nächsten Zeit das Engagement gegen
Atomwaffen grenzübergreifend verstärken. Dabei wird eine Aktion (9) am
22. März vor dem Natohauptquartier in Belgien im Mittelpunkt stehen,
zu der auch Antimilitaristen aus Deutschland mobilisieren.
Fast zeitgleich mit den Perspektiventagen kam auch eine künstlerische
Nachbereitung der Gipfelproteste auf dem Markt. Der Filmemacher Martin
Kessler beendete damit seine Filmtrilogie (10), für die er in den
letzten vier Jahren unterschiedliche Protestszenen mit der Kamera
begleitete. Den Anfang machte er mit "Die neue Wut", ein Film über die
Erwerbslosenproteste gegen Hartz IV. Dann folgte mit "Kick it, Streiken
wie in Frankreich" ein Streifen über die Studierendenproteste vor allem
in Hessen. Einige der dortigen Protagonisten hat er im am 15. Januar
angelaufenen Film Das war der Gipfel (11) rund um Heiligendamm wieder
getroffen.
Kessler bewahrt bei aller Sympathie mit den Trägern der Proteste seinen
kritischen Blick. Das wird vor allem in der letzten Szene des G8-Films
deutlich. Als alles vorbei war und Zaun und Zelte abgebrochen wurden,
sammelt ein Erwerbsloser die leeren Flaschen zusammen, die verstreut im
Gelände liegen. Er müsse sich einen Nebenverdienst zu seinem kärglichen
ALGII verdienen, meint er. Vor einigen Jahren sei er entlassen worden,
Hoffnung auf einen neuen Job macht er sich nicht. Aber auch zum
Protestieren fehlt ihm die Kraft. Ihm, der so nahe am Ort des
Geschehens wohnt, haben die Proteste nur das Pfandgeld gebracht. Hier
müsste eigentlich das Überlegen ansetzen, wenn es um die Frage geht, ob
die Bewegung gegen den G8 ein Erfolg war.
WEF-Proteste verhindert
Merkwürdigerweise waren die zeitgleich stattfindenden Proteste gegen
das World Economic Forum (12) im schweizerischen Davos auf den
Perspektiventagen kein großes Thema.
Dabei wurde am 19.Janaur die lange geplante Demonstration (13) eines
Bündnisses der WEF-Gegner in Bern durch ein großes Polizeiaufgebot
verhindert. Es kam zu ca. 200 Festnahmen. Darunter war der Demoanmelder
und ein Korrespondent der linksliberalen Wochenzeitung (14). Die
Behörden hatte die Demonstration mit der Begründung verboten, die
Organisatoren würden nicht die Gewähr dafür bieten, den Aufzug
gewaltfrei durchzuführen.
Schon seit Wochen wurde in den Schweizer Medien über die Schwäche der
Anti-WEF-Bewegung geschrieben (15). Als Gründe nannte man neben dem
zunehmend repressiven Umgang mit den Protesten auch das Fehlen neuer
zündender Themen. Der Geist von Heiligendamm hat also die Schweiz nicht
erreicht. Oder versteckt er sich noch? Am 26.Januar wollen die
Schweizer Grünen einen erneuten Demonstrationsversuch direkt in Davos
wagen.

LINKS

(1) http://perspektiventage.camping-07.de/Willkommen.html
(2) http://gipfelsoli.org/
(3) http://www.g8-2007.de/download/G8_Xtra_04.pdf
(4) http://umsganze.blogsport.de/ums-ganze/
(5) http://ugkongress.blogsport.de/
(6) http://www.attac.de/
(7) http://dissentnetzwerk.org/
(8) http://www.klimacamp.org/
(9) http://www.bombspotting.org/
(10) http://www.neuewut.de/04.php
(11) http://www.neuewut.de/gipfel/index.html
(12) http://www.weforum.org/en/index.htm
(13) http://ch.indymedia.org/de/2008/01/56124.shtml
(14) http://www.woz.ch
(15) http://www.nachrichten.ch/detail/297792.htm