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ND29.02.2008Freiheit als Ziel und Mittel
Geschichte der Anarchie mit blinden Flecken
Von Peter Nowak
Auf 512 Seiten entwirft Horst Stowasser seine ganz persönliche Geschichte des Anarchismus. Der 1951 geborene Autor ist Vertreter des Projekteanarchismus, die durch den Aufbau von Wohn- und Arbeitskollektiven den Anarchismus in der Gesellschaft vorleben wollen. »Anarchie! Idee – Geschichte – Perspektiven« ist illustriert mit ca. 200 Fotos, daneben enthält das Buch zahlreiche Dokumente über die anarchistische Geschichte.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Auf den ersten 170 Seiten widmet sich Stowasser (oberes Foto) den inhaltlichen Grundlagen seiner Gesellschaftstheorie und hält diese dem in der Öffentlichkeit immer noch verbreiteten Bild vom »anarchistischen Chaoten« oder gar »Bombenwerfer« entgegen. »Im Zentrum des anarchistischen Diskurses steht ein globaler Freiheitsbegriff. Freiheit soll Ziel sein und gleichzeitig Mittel zur Erreichung dieses Ziel«, betont Stowasser.
Im umfangreichen Mittelteil des Buches versucht der Autor, die Spuren des Kampfes um Freiheit durch die gesamte Geschichte der Menschheit bis in die Urgesellschaft zurückzuverfolgen. Dabei verliert er sich allerdings zum Teil in mythischem Geraune von der »Mama Anarchija, dem weiblichen Urgrund der Freiheit«. Informativer sind die Kapitel, in denen sich Stowasser mit weitgehend vergessenen Frühformen der Anarchie am Übergang zur Neuzeit auseinandersetzt. Breiten Raum nehmen auch die Abhandlungen über bekannte Anarchisten wie Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin ein. Im kurzen dritten Teil des Buches fragt Stowasser nach der Zukunftsfähigkeit des Anarchismus und kommt zu einem pessimistischen Ergebnis. »Wer das Ziel einer libertären Gesellschaft nicht aufgegeben hat, muss nach neuen Wegen suchen, solche Chancen herzustellen. Er muss endlich wieder über den Tellerrand hinausschauen und eine zeitgemäße Strategie entwickeln.«
Stowasser setzt sich durchaus kritisch mit der anarchistischen Geschichte auseinander, etwa mit Proudhons Hasstiraden gegen Juden. Der kritische Blick hat jedoch seine Grenzen: Dass auch Proudhons Wirtschaftstheorie, die im Zins und im Wucher das Übel sieht, strukturell antisemitische Züge trägt, erkennt er nicht. Dabei hätte er auf Texte von Anarchisten wie Horst Blume zurückgreifen können. Die kommunismuskritische Haltung ist bei einem Anarchisten selbstverständlich. Doch hier lässt Stowasser jegliche Differenzierung vermissen. Dass etwa in Spanien Anarchisten mit nichtstalinistischen Kommunisten zusammenarbeiteten, erwähnt er nicht. Dafür bietet er eine anarchistische Version der Totalitarismustheorie, wenn er die Weimarer Republik im Würgegriff von Stalinisten und Faschisten untergehen lässt. Daneben enthält das Buch einige sachliche Fehler. So wird aus dem Begründer der italienischen Kommunistischen Partei bei Stowasser ein Anarchist. Daher trifft die Etikettierung »großer Stowasser«, die das Buch gelegentlich erfährt, beim Umfang – aber nicht unbedingt beim Inhalt – zu.
Horst Stowasser: Anarchie! Idee – Geschichte – Perspektiven, Hamburg 2007, 512 S., 24,90 EUR.