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TELEPOLIS08.07.2008Atomkraft und Getreidereserven Peter Nowak Der G8-Gipfel in Japan dockt mit seiner Symbolpolitik an aktuelle Themen an Für den globalisierungskritischen Attac (1)-Aktivisten Alexis Passadakis stand das Urteil schon vor Beginn des G8-Gipfels (2) fest, der seit Montag im nordjapanischen Lake Toya über die Bühne geht. Dort gehe es um alte Rezepte, und es sei das alte Desaster. Passadakis war einer der wenigen europäischen Gipfelkritiker, der nach Japan gekommen ist. Das ist kein Wunder, schließlich gibt es zwischen Deutschland und Japan keine Billigflüge. Wenn man nicht eine finanzkräftige Nichtregierungsorganisation im Rücken hat, kann man sich einen Protesttrip nach Japan kaum leisten. Sicherlich ist Passadakis Einschätzung des ewigen Gipfelallerleis nicht falsch. Schon längst haben auch die Globalisierungskritiker mit bekommen, dass auf den Gipfeln nicht die entscheidenden Politikweichenstellungen vollzogen werden. Es geht vielmehr um eine großangelegte Symbolpolitik. Doch welche Symbole gehen vom japanischen Gipfel aus? In dieser Hinsicht ergeben sich tatsächlich einige Neuerungen. Denn auch Symbolveranstaltungen würden ihren Wert verlieren, wenn sie sich von realen Ereignissen abschotten. So steht der aktuelle Gipfel unter zwei Stichworten: der Krise der Energie, wie sie sich der sich in steigenden Spritpreisen ausdrückt, und der Ernährungskrise, die vor allem in den Ländern des globalen Südens zu für viele unerschwinglichen Lebensmittelpreisen und zu Hungerrevolten geführt hat. Energie- und Hungerkrise sind im globalisierten Kapitalismus auf Engste verbunden. Die aktuelle Diskussion um den Biosprit zeigt das ganz deutlich. Führende Ernährungswissenschafter machen den Boom von profitablen Biopflanzen für die Ernährungskrise wesentlich mitverantwortlich. Das EU-Umweltprogramm sieht immer noch eine großzügige Förderung dieser nun in die Kritik geratenen Pflanzen vor. Es ist aber noch nicht lange her, dass führende Umweltorganisationen im Sprit, das auf den Feldern wächst, einen Meilenstein in Sachen Ökologie entdecken wollten. Der Biosprit-Diskurs zeigt, dass auch im Gipfel-Einerlei Akzentverschiebungen möglich sind Die Parole "Stoppt den Biosprit-Wahn" spielte auf der zentralen Großdemonstration der Gipfelgegner in Sapporo eine zentrale Rolle. Hoffnung auf Entglobalisierung Die kombinierte Energie- und Ernährungskrise hat auch in anderer Hinsicht bei Teilen der breit gefächerten Globalisierungskritiker neue Fragen aufgeworfen. Wird eine Entglobalisierung nicht bald zum Gebot der Stunde, fragen sie. Tatsächlich belasten die hohen Spritpreise zunehmend jene Branchen, die in der globalisierten Ökonomie auf lange Transportwege angewiesen sind. Jetzt könnten die von den Globalisierungskritikern immer wieder beschworenen Nachteile der Globalisierung zum Tragen kommen. Bislang argumentierten die Anhänger einer globalisierten Ökonomie, dass viele Konsumgüter so billig geworden sind, weil eben viele Bestandteile von komplizierten Elektrogeräten, aber auch Joghurtbecher in Billiglohnländern produziert wurden. Nun könnte der Transport teurer als die Herstellung werden und so kommt wieder die Frage auf, ob dieser weltweite Produktionsmarkt bald an natürliche Grenzen stößt. Anhänger der Vorstellung von regionalen Nahrungsproduktionsketten fühlen sich bestätigt. Doch solche Fragen werden auf den Gipfel zumindest öffentlich keine Rolle spielen. Dort bleibt man den Vorstellungen, dass die richtige Technik schon die Lösung aus der Krise weist, treu. So kommt es, dass die Frage der Nutzung der Atomkraft in Japan wichtige Rolle spielt (3). Der Gipfel werde sogar ein Tribunal über den von der rot-grünen Regierung beschlossenen langsamen Ausstieg aus der Atomkraft, meldeten die Agenturen. Dass Bundeskanzlerin Merkel und ihre Partei zu den entschiedenen Gegnern des Beschlusses gehört, dass die Union erst kürzlich angekündigt hat, mit der Forderung nach dem Weiterbetrieb von AKWs in den nächsten Wahlkampf zu ziehen, ist natürlich kein Zufall. Symbolpolitik lebt von der minutiös geplanten Vorbereitung. Die Atomlobbyisten der G8-Staaten, einschließlich Deutschlands (4) sind gut vernetzt und haben keine finanziellen Probleme. Das zeigte sich mit Blick auf die FAZ von Montag. Gleich auf der Titelseite zeichnete Kommentator Reinhard Müller unter dem Titel Blödes Deutschland (5) das Bild einer Regierungschefin, die durch den Beschluss der Vorgängerregierung und der Uneinsichtigkeit ihres Koalitionspartners in der AKW-Frage weltweit isoliert ist. Unter der Rubrik "Fremde Federn" darf in derselben FAZ-Ausgabe der russische Generaldirektor der staatlichen Gesellschaft für Atomenergie Sergei Kiriyenko (6) seinen Beitrag (7) zum Atomkraftlobbying betreiben. "Kernenergie ist zwar nicht die einzige Antwort zur Überwindung dieser Krise (der steigenden Ölpreise P.N.), aber sie ist ohne Zweifel eines der wichtigsten Instrumente, um die drei genannten Probleme des G8-Gipfels zu lösen", schreibt der oberste Atomkraftfunktionär aus dem Land, das die Folgen des Gaus von Tschernobyl noch immer nicht aufgearbeitet hat. Mit den drei Problemen, die Kiriyenko durch mehr Kernkraftnutzung lösen will, gehört neben der Nahrungs- und der Energiekrise auch die globale Erwärmung. Ganz im Duktus der modernisierten Pro-AKW-Propaganda erkennt auch Kiriyenko an, dass neben der Kernkraft auch erneuerbare Energien gefördert werden müssen. Aber deren bisheriger Ertrag sei hinter den Erwartungen zurück geblieben. Dass mit dem SPD-Veteran Erhard Eppler (8) ausgerechnet ein Politiker, der sehr früh die Ökologiefrage thematisiert hat, längere AKW-Laufzeiten unter bestimmten Bedingungen nicht mehr ausschließt (9), zeigt die Defensive der Kernkraftgegner in Deutschland und auch auf weltweiter Ebene. Ein Teil der Symbolpolitik des japanischen Gipfels soll das zum Ausdruck bringen. Getreidereserven vergrößern Eine weitere Maßnahme der führenden Industriestaaten ist die Einrichtung eines gemeinsamen Systems von Nahrungsmittelreserven. Damit sollen starke Preisschwankungen auf dem Markt verhindert werden. Vorbild ist eine Ölreserve unter der Obhut der Internationalen Energieagentur als Schutz vor plötzlichen Energiekrisen. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass man die Ursachen dieser Energiekrisen vor allem in unvorhergesehenen politischen Ereignissen in führenden ölproduzierenden Ländern sieht, z.B. die Eskalation des Konflikts mit dem Iran. Die Nahrungsmittelkrise aber ist nicht die Folge solcher politischen Ereignisse, sondern gehorcht durchaus Marktmechanismen. Eine Vergrößerung der Getreidevorräte könnte aber nach Marktgesichtspunkten sogar noch zu einem Anstieg der Preise führen. Doch solche rationalen Erwägungen werden die Politiker nicht davon abhalten, solche für das eigentliche Problem ineffektive Maßnahmen zu beschließen. Schließlich geht es um die symbolische Aktion, etwas zu machen und sich handlungsfähig zu zeigen. Die Auswirkungen aber werden erst spürbar, wenn der Gipfel schon längst vorbei ist. Dass die Probleme dann vermutlich nicht verschwunden sind, sondern sich partiell sogar verschlimmert haben, fällt dann in den Bereich des nächsten Gipfels, der dann mit neuen ebenso zweifelhaften Maßnahmen Handlungsbereitschaft demonstrieren kann. Das zeigt ein kleiner Rückblick auf die G8-Gipfel 2005 in Schottland ( Armut wird nicht der Geschichte angehören (10)) und 2007 in Heiligendamm ( Der "Riesenerfolg" von Merkel (11)). Auf ihnen verstanden es die einladenden Staatschefs erfolgreich, sich als Macher darzustellen, die auch die Bedenken und Anliegen der Gipfelkritiker aufnimmt. In Schottland war es das Thema Hunger in der Welt, das wirksam verstärkt von umtriebigen Showstars wie Bono vom Gastgeber Toni Blair als Auftrag verstanden wurde, den Hunger zur Geschichte zu machen. Zwei Jahre später in Heiligendamm versuchte ein sichtlich frustrierter Bono, der Gastgeberin Merkel noch einmal deutlich zu machen, dass die Politik gefragt ist. Diese Botschaft hatten ihr aber ihre Spindoctors zuvor schon mitgegeben. Hier war es die globale Erwärmung, die Merkel als zentrales Problem erkannt hat. Die durchaus nicht nur ironisch gemeinte Titulierung als Klimaqueen macht auch in einigen NGO-Kreisen die Runde und verschafften der deutschen Bundeskanzlerin weltweit Anerkennung. Dass Merkel, wenn es um die Interessen der deutschen Autoindustrie geht, gemeinsam mit ihren französischen Amtskollegen eine Minimierung der CO2-Werte verhinderte (12), wurde zwar von Umweltorganisationen betont (13), hat aber an Merkels Umwelt-Image nur unwesentlich gekratzt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich weder in der Umwelt- noch in der Welthungerpolitik wesentliches verändert hat. Im Gegenteil: Die G8-Staaten haben ihre Versprechen im Kampf gegen Hunger und Armut nicht nur nicht erfüllt. Während die Welternährungskrise das Hungerproblem in vielen Staaten des globalen Südens verschärft hat, bestand sogar die Möglichkeit (14), dass die großen Industrienationen in Japan hinter ihre frühere Zusagen zurückzufallen. Von den 2005 in Schottland zugesagten 50 Milliarden Dollar zur Armutsbekämpfung fehlen nach 3 Jahren noch immer 40 Milliarden Dollar, meldete ein UN-Gremium, das die Einhaltung der Zusagen überwacht. Dabei werden auch manche liebgewonnenen Feindbilder deutscher Globalisierungskritiker auf die Probe gestellt. Denn die gerne gescholtenen USA haben ihre finanziellen Zusagen weitgehend eingehalten. Bush betonte, dass der Kampf gegen die Armut in Japan gegen den Umweltschutz nicht auf Platz zwei verbannt werden darf. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass sich um den afrikanischen Markt China und Indien streiten, während die USA dort weitgehend zurückgedrängt wurde. Schlechte Zensuren (15) von der NGO Oxfam erhielten, was die Einhaltung der Zusagen zur Armutsbekämpfung betrifft, neben Japan und Frankreich auch Deutschland. Von der Zielmarke, 0,5 Prozent des Bruttosozialprodukts in Mittel der Armutsbekämpfung zu leiten, ist Deutschland weit entfernt. An dieser Bilanz kann auch die kurz vor dem Gipfel medienwirksam und nach massiver Lobbyarbeit zahlreicher NGOs (16) beschlossene Erhöhung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit nichts ändern. Nicht nur die Auseinandersetzungen um die Gelder für Afrika zeigen, dass es letztlich ökonomische Gründe sind, die die Politiker zu Maßnahmen bewegen. Das wurde auch deutlich, als am Rande des G8-Gipfels bekannt wurde, dass US-Präsident Bush zur Öffnung der Olympiade nach Peking fahren wird. Da können Free-Tibet-Initiativen in aller Welt noch so lautstark einen Olympiaboykott fordern und den Dalai Lama hoch loben, die führenden US-Politiker wissen, dass in China mittlerweile der Großteil der Dollarreserven liegen und dass das Land deshalb höflich zu behandeln ist. Für die moralinsaure Tibet-Kampagne sind die unteren Politchargen verantwortlich. Diese Arbeitsteilung ist angesichts der zweifelhaften Argumente der Free-Tibet-Freunde (17) vielleicht gar nicht einmal so schlecht. Schwache Proteste Kein Gipfel ohne seine Kritiker, das zeigt sich auch in Japan wieder. Wie schon auf anderen Gipfeln in den letzten Jahren gibt es wieder eine Arbeitsteilung. Ein Großteil der NGO-Szene (18) will natürlich die Früchte ihrer Lobbyarbeit ernten, veranstaltet Presseerklärungen, Gegengipfel und andere Events, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Mächtigen immer wieder daran zu erinnern, dass sie ihre Glaubwürdigkeit gerade verlieren, schon verloren haben, bzw. wieder zu verlieren drohen. Die NGOs haben sich, so die Einschätzung führender Politikwissenschaftler (19), schon längst zu führenden Frühwarnsystem im Politikbetrieb entwickelt. Dem steht eine Protestszene (20) gegenüber, die den Gipfel zu einer Generalkritik an den Verhältnissen nutzen will und sich eben nicht mit einigen Detailfragen zufrieden gibt. Noch mehr als im letzten Jahr in Heiligendamm gibt es in Japan eine prekäre Zusammenarbeit. Da sowohl die NGO- als auch dieProtestszene in Japan eher klein ist, war man noch mehr auf die Zusammenarbeit angewiesen. Die etwa 5000 Teilnehmer auf der zentralen Auftaktsdemonstration zeigen die Schwäche der Protestbewegung. In Rostock waren es zum Auftakt der Heiligendamm-Proteste mindestens fünfmal soviel. Die Unterstützung von auswärts blieb wegen der Lage des Gipfelortes begrenzt. Zur Sicherheit haben deutsche und japanische Ermittlungsbehörden schon vor Monaten die Daten von bekannten Globalisierungskritikern ausgetauscht (21), was zumindest in einem Fall zu einem Einreiseverbot führte (22). Von ersten Festnahmen von Demonstranten und Journalisten wird berichtet. Auf gipfelsoli.org findet man aktualisierte Nachrichten (23). Obwohl in den nächsten Tagen sicher noch weitere Festnahmen folgen werden, dürfte der japanische G8-Gipfel längst nicht die Repressionsbilanz des Gipfels von Genua im Jahr 2001 erreichen. Schon fragen sich hiesige Globalisierungskritiker, ob das auch für den G8-Gipfel im nächsten Jahr gilt. Der findet wieder in Italien statt- und voraussichtlich wird Berlusconi dann auch noch wie schon einmal im Jahr 2001 Ministerpräsident sein.
LINKS
(1) http://www.attac.de/ (2) http://www.g8summit.go.jp/eng/ (3) http://www.g8summit.go.jp/doc/pdf/nuclear_0705.pdf (4) http://www.kernenergie.de/ (5) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E1A3341A317 00433FB72141699B35E1A7~ATpl~Ecommon~Scontent.html (6) http://www.minatom.ru/News/Main/view?id=25649 (7) http://www.faz.net/p/RubE92362663C6E4937AB14A07CB297CA09/Dx1~Efdb36ca0c9 d12b9ef87a06c59d0bb1e7~ATpl~Ecommon~Scontent.html (8) http://www.erhard-eppler.de/ (9) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,564054,00.html (10) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20483/1.html (11) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25459/1.html (12) http://www.faz.net/s/Rub2E65E41763FA4E688A98A9D9CF65ADEB/Doc~E0993D9B173 0D4820BF3B8CB0F079E247~ATpl~Ecommon~Scontent.html (13) http://www.greenpeace.at/5756.html (14) http://www.radioropa.de/index.php?nav=Top_Themen,de,13&newsID=8710 (15) http://www.oxfam.de/a_611_presse.asp?id=335 (16) http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=55&tx_ttnews%5Btt_news%5D= 25648&tx_ttnews%5BbackPid%5D=54&cHash=1937ca3 (17) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27814/1.html (18) http://www.g8ngoforum.org/ (19) http://content.grin.com/data/5/55022.pdf (20) http://www.jca.apc.org/alt-g8/ (21) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27776/1.html (22) http://gipfelsoli.org/Presse/Hokkaido_2008/Hokkaido_2008_deutsch/4851.ht ml (23) http://gipfelsoli.org/ |