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telepolis1.1.08Fußball ist ein Einfallstor für die Durchsetzung von Verhaltensstandards
Peter Nowak

Politikwissenschaftler Volker Eick über die Rolle des Sports und
besonders des Fußballs im aktuellen Sicherheitsdiskurs
Unter den Titel Kontrollierte Urbanität - Zur Neoliberalisierung
städtischer Sicherheitspolitik (1) haben die Politikwissenschafter
Volker Eick, Jens Sambale und Eric Töpfer ein Buch herausgegeben, das
sich mit dem Wandel der Sicherheitspolitik im Neoliberalismus befasst.
In 17 Beiträgen untersuchen Autoren, wie diese neoliberale
Sicherheitspolitik im urbanen Raum konkret aussieht und wie sie das
städtische Leben verändert. Dabei geht es auch darum, wie aus dem
proletarischen Freizeitvergnügen Fußball ein kommerzieller Event
wurde. Durchgesetzt wurden diese oft gravierenden Änderungen unter dem
Stichwort "Kampf gegen die Hooligans", der sich oft als Abwehr der
klassischen Fußballfans alten Stils entwickelt hat. Der
Diplompolitologe John. F. Kennedy-Institut (2) der Freien Universität
Berlin.
Warum nimmt die Sicherheitspolitik rund um die Fußballweltmeisterschaft
2006 einen solch großen Schwerpunkt in dem Buch ein?
Volker Eick:
Sport ist immer Politik und stets Sicherheitsbedenken unterworfen,
weil solche Veranstaltungen karnevaleske Züge tragen, die sich der
Kontrolle durch den Staat - oder früher durch die Kirche - zu entziehen
drohen. Das mag kein Staat, let alone the church... Deswegen ist die
Veranstaltung von Sportevents immer Kontrolle. So zeigt etwa Anke
Hagemann, dass die eigentliche Funktion eines Stadions in der schnellen
Befüllung und Entladung eines Containers liegt. Dass dieser Container
auch als Einschlussraum Gebrauch findet, zeigt nicht allein die
chilenische Erfahrung, wo das Stadion in Santiago de Chile nach dem
Militärputsch von 1973 als Konzentrationslager für politische Gegner
des Regimes diente. Erinnert sei auch an den Superdome in der Stadt New
Orleans, der während der Flutkatastrophe dazu herhalten musste, eine
angeblich gemeingefährliche schwarze Unterklasse an der Flucht durch
die weißen Stadtviertel zu hindern, ohne dass zuvor, wie die Polizei
einräumt, eine einzige Vergewaltigung oder ein Mord vorgefallen wäre.
Wird also im Sport erprobt, was dann in der Gesellschaft insgesamt
angewandt wird?
Volker Eick:
Sport und besonders Fußball sind seit Jahrhunderten das Einfallstor
für "Moralpaniken" und die Durchsetzung von Verhaltensstandards
gewesen. Neue Technologien sind sehr häufig im Umfeld von Fußball
entwickelt, erprobt und dann auf andere Bevölkerungsgruppen und
bauliche Ensembles ausgeweitet worden. Zweitens lässt sich zeigen, wie
staatliche Behörden und kommerzielle Akteure wie die FIFA,
Einzelhandelsgemeinschaften oder Großkonzerne sich die unbeliebteste
Randgruppe herausgreifen, an ihr dann ein Exempel statuieren, neue
Techniken und Modelle testen, und das Ganze dann auf mehr und mehr
Gruppen ausweiten.
Können Sie da Beispiele nennen?
Volker Eick:
Nehmen wir die Überwachung. Was im Bereich der RFID-Chips, im
CCTV-Bereich, bei GPS etc. entwickelt und heute zum Teil schon
flächendeckend angewandt wird, ist häufig im Transport- und
Logistikbereich oder im Sport erprobt worden. Die Skifahrer kennen RFID
von den Liftsystemen, die Katholiken unter uns von den Kirchentagen. So
genannte Fußball-Hooligans, die Eissportfans in Italien, demnächst die
Schweizer und Österreicher zur Fußball-Europameisterschaft, könnten zum
Einsatz von Videoüberwachung Romane füllen.
Genau dieses Herausgreifen der "unbeliebtesten Bevölkerungsgruppe" für
Pilotprojekte wird längst auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen
praktiziert. Dazu nur ein Beispiel: Während man zunächst Asylbewerbern
das Recht auf Freizügigkeit entzogen und sie gezwungen hatte, mit
Chipkarten einzukaufen, so sehen wir heute den Verlust des Rechts auf
Freizügigkeit von Hartz IV-Empfängern. Es ist den massiven Protesten zu
danken, dass das Chipkartensystem in Teilen Deutschlands zurückgefahren
wird - und die avancierten Kontrolltechnologien, die zur Verfügung
stehen, noch nicht zum Einsatz kommen.
Der Sicherheitsdiskurs war nie nur eine Domäne der Rechten
Der Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans (3) Justus Peltzer
schreibt in seinem Beitrag, dass sich die Polizei während der WM dann
doch eher zurück gehalten hätte. Kann man dann nicht auch sagen, dass
es nur großen Alarmismus im Vorfeld gegeben hat?
Volker Eick:
Sicher kann man sagen, das habe mit dem "Alarmismus" vorher zu tun.
Nur wäre diese Antwort dann falsch. Einmal blickt Peltzer als
Fußballaktivist auf langjährige Erfahrungen zurück. Verglichen mit dem,
was staatliche Polizei und kommerzielle Sicherheitsdienste bei normalen
Fußball-Events Wochenende für Wochenende an Verhalten an den Tag legen,
ist eine solche Bewertung zur WM wohl mehr als berechtigt. Gleichzeitig
haben wir in unserem Einleitungskapitel (4), darauf hingewiesen, mit
welch perfiden Public Private-Partnerships zwischen Polizei,
Sicherheitsdiensten und so genannten Freiwilligen gerade in den Stadien
gegen Fußballfans vorgegangen wurde. Dabei haben aber offenbar die
staatlichen Ordnungskräfte gezielt weggesehen. Aber eine solche
"Alarmismus"-Argumentation wäre noch aus einem anderen Grund falsch.
Denn Robert Warren zeigt in seinem Beitrag eindrücklich, dass es zum
guten Ton staatlicher Politik gehört, wo immer möglich, Hysterie zu
schüren, mit Falschinformationen zu arbeiten und
Vorfeldkriminalisierungen möglichst weit zu streuen.
Das geschieht aber nicht nur bei der WM?
Volker Eick:
Das haben wir auch nie behauptet. Auch der G8-Gipfel ist dafür ein
schlagendes Beispiel - inklusive des Vorwurfs, es würden sich
"Terroristen" versammeln. Bob Warren macht quellenreich und an
verschiedenen Beispielen deutlich, dass das Schema fast immer identisch
und von transnationalem Lernen der verschiedenen Politiker, Militärs
und Polizeiexperten geprägt ist: Grob gesagt, treffen sich irgendwo
Entscheidungseliten, dagegen opponieren verschiedene gesellschaftliche
Kräfte mehr oder minder erfolgreich bereits im Vorfeld. Als Reaktion
auf deren Ankündigungen werden dann Falschinformationen gestreut, Panik
unter der Bevölkerung verbreitet, erst ideologische Nebelkerzen, später
dann auch richtige Gasgranaten geworfen, Knüppel eingesetzt,
demokratische Grundrechte eliminiert und nachträglich angesichts der
konstruierten Bedrohung als verhältnismäßig bezeichnet. Man muss den
von Ihnen genannten "Alarmismus" also in die Gesamtstrategie des
Staates einordnen, um ihn richtig zu interpretieren und ihm angemessen
begegnen zu können.
Ist die Debatte um so genannte Zwangsprostitution vor der WM nicht ein
Zeichen dafür, dass der Sicherheitsdiskurs längst keine Domäne der
Rechten mehr ist, sondern auch von Linken und Feministinnen mit geprägt
wird?
Volker Eick:
Der Sicherheitsdiskurs war nie nur eine Domäne der Rechten.
Schließlich stammt von Tony Blair, so man ihn denn als Linken
bezeichnen wollte, die Aussage: "Crime is a socialist issue!" Mehrere
Beiträge in unserem Buch beschreiben das intensive staatliche
Experimentieren mit neuen "Sicherheitsarchitekturen" nicht nur im
angelsächsischen Raum. Auf lokaler Ebene betrifft dies dann auch, wie
in Frankreich, kommunistische oder sozialistische Bürgermeister. Sie
trauen sich mit Blick auf die Wählergunst und um des Machterhalts
willen nicht, sich dem Sicherheitsdiskurs zu entziehen, dessen Motive
von Rechtspopulisten vorgegeben werden. Und sie setzen daher
entsprechende Maßnahmen um. Im Grunde geht es um die Hegemonie in einem
Feld, das sich vielleicht mit dem Kürzel "SOS" fassen lässt:
Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit. Dabei handelt es sich, durchaus im
Sinne Gramscis, um ein umkämpftes Terrain. Und dabei geht es dann auch
um Begriffe, um die Dominanz in Debatten oder Diskursen.
LINKS

(1) http://www.policing-crowds.org
(2) http://www.jfki.fu-berlin.de/
(3) http://www.aktive-fans.de
(4)
http://www.policing-crowds.org/uploads/media/Eick-Sambale-Toepfer-Kontro
llierte-Urbanitaet.pdf