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telepolis vom 28.1.08Law and Order-Wahlkampf abgestraft Peter Nowak Die Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen haben das Fünfparteiensystem gefestigt und damit mehr als nur regionale Auswirkungen Am Ende wurde es in Hessen doch eine Zitterpartie. Erst nach 23 Uhr wurde klar, dass die Linkspartei mit 5,1% knapp ins Landesparlament kommt. Noch eine Stunde nach der Schließung der Wahlkabinen lag sie bei 4,8 % und arbeitete sich langsam an die 5%-Hürde an. Anderseits wurde die Differenz zwischen den großen Parteien CDU und SPD geringer, bis schließlich die CDU knapp vorn lag. Dabei gab es schon kurz nach 18 Uhr Jubel bei den SPD-Anhängern. Dass ihre Partei mit der CDU fast gleichziehen könnte, hatte sich noch vor einigen Wochen der größte Optimist nicht träumen lassen. Schließlich hatte Koch bisher eine absolute Mehrheit hinter sich. Der Stimmenverlust der Konservativen von fast 12 % konnte durch Zugewinne der hessischen FDP längst nicht wettgemacht werden. Schon bevor das Wahlergebnis (1) endgültig feststand, wurde öffentlich heftig über mögliche Koalitionen debattiert. SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nannte ein Bündnis mit der FDP das kleinere Übel, sah aber kaum Kooperationsmöglichkeiten mit der Koch-CDU. Der durch die Wahl gestärkte FDP-Spitzenkandidat Hahn blieb bei seiner Ablehnung einer Ampelkoalition und empfahl der SPD, es doch mit der Linkspartei zu versuchen, da es hier doch viel mehr Übereinstimmungen gebe als mit den Liberalen. Natürlich hofft Hahn schon auf die Neuauflage einer Kampagne gegen den Linksblock. Die Linkspartei hat von Anfang klar gemacht, dass sie zur Abwahl von Koch bereit steht. Allerdings würde eine feste Einbindung in ein Regierungsbündnis die noch junge Formation in eine Zerreißprobe stürzen, da deren Basis aus Aktivisten von sozialen Bewegungen, sowie durch die Hartz IV-Gesetze enttäuschte Sozialdemokraten und Gewerkschafter besteht. Sie haben die SPD nicht vor drei Jahren verlassen, um gleich wieder in ein Regierungsbündnis mit ihr einzusteigen. Allerdings ist das letzte Wort über Koalitionen in Hessen noch längst nicht gesprochen. Da dürfte es in den nächsten Tagen noch einige Überraschungen geben. Vor mehr als 20 Jahren hatte der hessische Ministerpräsident Holger Börner die erste Koalition mit den Grünen geschlossen, obwohl er noch kurze Zeit vorher der grünen Basis mit der Dachlatte entgegentreten wollte. In Niedersachsen hingegen stand schon vor 22 Uhr ein vorläufiges Endergebnis (2) fest. CDU und FDP behalten die Mehrheit. Dabei musste auch die CDU in Hannover Verluste von knapp 5,8 % hinnehmen. Doch angesichts der zweistelligen Verluste in Hessen wurde das kaum wahrgenommen. Überraschenderweise kam die Linkspartei mit knapp über 7 % in den niedersächsischen Landtag. Dabei sah es nach den Prognosen lange Zeit so aus, als würde sie in Hannover an der 5%-Prozenthürde scheitern, während ihr in Hessen hingegen lange Zeit ein Ergebnis um die 6 % prognostiziert worden war. Allerdings machte es die zunehmende Polarisierung zwischen Koch und Ypsilanti der linken Konkurrenz schwerer, gehört zu werden. Das bekamen auch die Grünen zu spüren, die trotz der Unterstützung im Wahlkampf von Joschka Fischer Stimmen verloren hat. Die weitverbreitete "Koch muss weg-Stimmung" verleitete viele zu einer taktischen Stimmabgabe für die SPD. Schließlich haben die ihr nahestehenden Medien in den letzten Wochen erklärt, dass jede Stimme für die Linkspartei Koch stützen könnte Außerdem hat die SPD-Linke Ypsilanti soziale Themen angesprochen, die die linke Konkurrenz für ihre Kampagne reklamieren wollte. Unter diesen widrigen Umständen war es für die Linkspartei schon ein Erfolg, über die 5%-Hürde zu gelangen. So haben diese Wahlergebnisse auch die bundesweite Etablierung der Linken und damit die Entstehung eines Fünf-Parteien-System bestätigt. Das dürfte schon mittelfristig Auswirkungen auf die politische Agenda in Deutschland haben. Es wird schwieriger, jenseits der großen Koalitionen regierungsfähige Mehrheiten zu erzielen. Andererseits stärken große Koalitionen gerade die kleineren Parteien. Abstrafung von Koch Die Wahlen in Hessen haben für bundesweites Interesse gesorgt, nachdem Roland Koch den Überfall von zwei Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf einen Rentner in München zum Anlass für eine von der Springerpresse gestützte Kampagne gegen angebliche Kuscheljustiz und liberale Richter nutzte. Sah es zunächst so aus, als könnte Koch damit seinen Erfolg von 1999 wiederholen, als er mit seiner Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsangehörigkeit Ministerpräsident wurde, kamen bald unbequeme Fragen an Koch auf das Tablett. Warum wurden ausgerechnet unter seiner Ägide Richterstellen abgebaut? Warum ist der Zeitraum zwischen der Verübung einer Straftat und der Verurteilung in Hessen besonders groß? In Umfragen unter hessischen Wählern wurde deutlich, dass sie die Bildungspolitik und sozialen Fragen für wahlentscheidend hielten. Hier aber schnitt die CDU besonders schlecht ab. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Schuljahre, die in zwei Etappen eingeführt wurde, hat sich so innerhalb kurzer Zeit zu einer großen Belastung für die konservative Landesregierung entwickelt. Davon konnte Koch mit seinem Law-and-Order-Wahlkampf trotz Rückendeckung der Bildzeitung nicht ablenken. In künftigen Wahlkämpfen dürften soziale Themen stärker im Mittelpunkt stehen. Davon wird aber auch die Linkspartei weiter profitieren. In Niedersachsen bestand ihre Wählerbasis vor allem aus Arbeitern und Erwerbslosen. In Wahlaufrufen haben zudem viele Gewerkschafter in Hessen und Niedersachsen erstmals zur Wahl der linken Alternative aufgerufen (3). Von einer starken Zuspitzung auf das Thema innere Sicherheit, wie dies Koch machte, wird auch die Union in Zukunft die Finger lassen. Das könnte eigentlich im Interesse von Bundeskanzlerin Merkel sein, die noch auf dem CDU-Parteitag in Hannover die Mitte besetzen wollte. Trotzdem hat auch Merkel in Hessen eine Niederlage eingeheimst. Schließlich hat sie sich in Hessen ausdrücklich hinter Kochs Wahlkampf gestellt und noch in letzter Minute vor der SPD gewarnt. Dieses Engagement in Hessen könnte sich als Fehler für Merkel erweisen. Für die große Koalition ändert sich durch die Wahlergebnisse zunächst wenig. Keine der beiden Regierungsparteien wurde so gestärkt, dass sie die Koalition platzen lassen könnte. Sollte allerdings die SPD bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg ebenfalls stark zulegen, dürfte die Nervosität bei den Konservativen zunehmen.
LINKS
(1) http://www.hr-online.de/website/specials/ltw2008/index.jsp (2) http://www.nls.niedersachsen.de/LW2008/landtagswahl_2008.html (3) http://linkszeitung.de/content/view/158725/1/ |