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ND13.11.2008Lidl im Sozialbereich
Freie Träger wehren sich gegen Arbeitsbedingungen
Von Peter Nowak
Es waren mehr Teilnehmer als erwartet. Auf einem Vernetzungstreffen von Beschäftigen Freier Träger im Kinder- und Jugendbereich wurde am Dienstagabend deutlich, dass die Zustände beim Trägerverbund Independent Living keine Ausnahme mehr sind.
Dessen Mitarbeiter klagen über unzumutbare Arbeitsbedingungen und die Einschränkung ihrer Rechte. Independent Living hat sich als Zusammenschluss freier Träger aus der Kinder- und Jugendhilfe einen Namen gemacht. Er unterhält viele Kindergärten, Jugendwohngruppen und ambulante Hilfen in Berlin.
Seit der Wahl des neuen Betriebsrates im Mai, die der Verbund anfocht, klagen Mitarbeiter über Mobbing und Kündigungen aus unterschiedlichen Anlässen. Eine Jugendwohngruppe sei schon geschlossen worden. Die Mitarbeiter werden versetzt oder entlassen.
Die mehr als 60 Teilnehmer auf dem Treffen am Dienstag, darunter viele Betriebsräte, berichteten über Lohnkürzungen und die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Schuld sei ein »Unterbietungswettbewerb«, der bei den Freien Trägern dafür sorge, dass der billigste und nicht der beste den Zuschlag erhalte, hieß es.
Independent Living habe sich als Billiganbieter in der Branche einen Namen gemacht, meinten viele Mitarbeiter. Sie müssten dafür den Gürtel enger schnallen. Selbst die Fahrten zu den betreuten Jugendlichen und Telefonate auf dem Diensthandy müssten sie aus der eigenen Tasche zahlen. Manchmal müssten sie auch Geld für die betreuten Jugendlichen vorstrecken, wenn die Überweisungen von Sozialamt oder Jobcenter nicht rechtzeitig eintreffen.
Bei Independent Living müssen die Mitarbeiter für die Jugendlichen ein Konto unter ihrem Namen einrichten. Diese nach Ansicht mehrerer Betriebsräte rechtlich zweifelhafte Praxis, werde von den Jugendämtern gedeckt, solange nur die Kosten niedrig bleiben.
Jetzt könnte der Druck auf Independent Living wachsen. Der zuständige ver.di-Sekretär Stefan Thyroke sagte, dass die Praktiken des »Lidl im Sozialbereich« nun genauer beobachtet und auch öffentlich gemacht würden. Für Anfang Dezember ist das nächste Treffen vereinbart. Dann soll die Vernetzung weiter vorangetrieben und auch über konkrete Schritte diskutiert werden.