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telepolis vom 13.2.08Integration oder Assimilation?
Peter Nowak

Die Aufregung über die Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan
in Köln hält an
In der Köln-Arena haben schon viele Großveranstaltungen stattgefunden.
Aber am vergangenen Samstag gab es dort einen Event der besonderen
Art: der türkische Regierungschef Erdogan ließ sich von mehr als
16.000 in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Hintergrund wie
ein Popstar feiern. Schon die Ankündigung für die von der Europäischen
Union türkischer Demokraten (1) organisierten Veranstaltung sorgte
für erhebliche Diskussionen. "Will Erdogan Bundeskanzler werden?"
fragte beispielsweise das Hamburger Abendblatt (2). Schließlich
klebten Tausende Einladungsplakate mit dem Konterfei von Erdogan vor
einer türkischen Fahne in türkischer Sprache in Köln und Umgebung. Sie
waren überwiegende in türkischer Sprache, nur in geringen Umfang gab
es sie auch auf deutsch
Erdogans Rede in Köln widmete sich zahlreichen, in Deutschland äußerst
kontrovers diskutierten Themen. Daher schwankten die Reaktionen
zwischen Anerkennung bis zu harscher Kritik. Allgemeines Lob gab es für
seine besonnenen Worte zur weiterhin ungeklärten Brandkatastrophe in
einem von Deutsch-Türken bewohntem Haus in Ludwigshafen, bei der in
der letzten Woche 9 Menschen gestorben sind ( Brandursache in
Ludwigshafen weiter ungeklärt (3)). Wie schon am Vortag vor der
Brandruine beschwor Erdogan auch jetzt noch einmal die Menschen,
Vertrauen in die Ermittlungen zu haben, und wirkte damit beruhigend auf
eine durch Gerüchte aufgeheizte Diskussion (4). Mit dem Satz: "Ich
hoffe, dass diese traurigen Vorfälle ein Ende finden und wir nicht noch
einmal so etwas erleben müssen", scheint Erdogan aber auch andeuten zu
wollen, dass er nicht an einen Unfall glaubt.
Verbrechen Assimilation
In der Frage des EU-Beitrags ging Erdogan in die Offensive. "Die Türkei
hat keine andere Alternative als eine Vollmitgliedschaft in der EU",
erklärte er und setzte sich damit in Widerspruch zur Linie der
Unionsparteien, die eine privilegierte Partnerschaft anstreben. Erdogan
kritisierte solche Projekte und wies auch alle Versuche europäischer
Staaten zurück, die Frage der EU-Mitgliedschaft innenpolitisch zu
instrumentalisieren.
Selbst auf die Debatte um die Ausstrahlung der "Tatort-Folge "Wem Ehre
gebührt" ( Wem keine Ehre gebührt (5)) ging Erdogan ein. Der Streifen
führte Ende letzten Jahres zu Protesten von Aleviten, die sich
verunglimpft fühlten, weil sie in dem Tatort ein Wiederaufleben der
Inzestvorwürfe sahen, die Jahrhunderte lang zu ihrer Verfolgung
beitrugen. Erdogan schloss sich den Vorwürfen an, sah mit dem Tatort
nicht nur die Aleviten, sondern die ganze türkische Nation beleidigt
und forderte eine Entschuldigung. Dass der türkische Ministerpräsident
auf die Auseinandersetzung einging, ist schon deshalb verwunderlich,
weil die Aleviten bis heute von der Türkei vergeblich eine Anerkennung
als eigene Glaubensrichtung fordern und in der Vergangenheit immer
wieder scharf die türkische Regierung kritisiert (6) haben.
Besonders aufmerksam verfolgt aber wurde Erdogans Aufforderung an die
Menge in der Kölner Arena, sich in Deutschland zwar zu integrieren,
aber nicht zu assimilieren. Besonders seine zugespitzte Formulierung,
die Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschheit, wurde
ausgiebig kommentiert und analysiert. So erinnert der
Türkei-Korrespondent der FAZ daran, dass die Begriffe Integration und
Assimilation in Deutschland und der Türkei unterschiedliche
Bedeutungen haben (7):
--Der Begriff Assimilation ist in der türkischen Öffentlichkeit ein
Reizwort. Dabei sehen sich Türken gerne als Opfer. Das größte Opfer,
das man ihnen abverlangen könnte, sei die Aufgabe ihrer türkischen
Identität, sagen viele. Problematischer ist noch der Umgang mit dem
Begriff Integration. Hier zeigen sich Verständigungsschwierigkeiten:
Meist gebrauchen dafür die türkischen Medien und Politiker den Begriff
"uyum", Harmonie also. In Harmonie kann man nebeneinander leben, ohne
dass man integriert ist. Je konkreter aber die Integrationspolitik der
Bundesregierung geworden ist, desto stärker ist auch die türkische
Regierung gefordert, es ihr gleichzutun.--
Allerdings gibt es auch unter den in Deutschland lebenden Menschen aus
der Türkei in dieser Frage große Differenzen. So kritisieren
Feministinnen (8) und Kurden (9) die Assimilationspolitik in der
Türkei ebenso wie die ihrer Meinung nach mangelnde
Integrationsbereitschaft von Teilen der türkischen Gemeinde in
Deutschland.
Auch Bundeskanzlerin Merkel kritisierte (10) nach einer Sitzung des
CDU-Präsidiums Erdogans Rede. Integration setze die Bereitschaft
voraus, sich in die Lebensweise eines Landes einzufinden, betonte sie.
Sie sei auch die Bundeskanzlerin der in Deutschland lebenden Türken,
machte sie Erdogan seinen Führungsanspruch auf die türkische Klientel
streitig. Sie wies auch Erdogans Vorschlag zurück, in Deutschland
türkische Gymnasien und Universitäten einzurichten. Erdogan hatte
vorgeschlagen (11), dafür Lehrer aus der Türkei nach Deutschland zu
holen. Allerdings gab es diesen Vorschlag, der sofort kontrovers
diskutiert wurde, auch in den Reihen der Union Unterstützung. So
erklärte das CDU-Präsidiumsmitglied Friedberg Pflüger, dass er die
Errichtung einer privaten türkischen Universität in Deutschland
begrüßen (12) würde.
"Türkischer Nationalismus auf deutschen Boden"
Deutlich härter reagierten CSU-Politiker auf Erdogans Rede. Der
bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein monierte, dass Erdogan
die türkische Sprache und Kultur eindeutig über die deutsche gestellt
habe. Der CSU-Vorsitzende Erwin Huber sieht gar in Erdogans Auftritt
einen Grund, die EU-Beitrittsverhandlung mit der Türkei zu überprüfen.
Die CSU lehnt einen Beitritt der Türkei vehement ab und nutzt jede
Gelegenheit, einen Stopp der Beitrittsverhandlungen zu fordern. Die
aktuelle Begründung lautet, dass Erdogan türkischen Nationalismus auf
deutschem Boden gepredigt habe.
Nur in Nuancen schärfer sind die Angriffe ultrarechter Gruppierungen
auf Erdogan, allerdings wird bei ihnen die Bundesregierung in die
Kritik einbezogen. So schreibt die rechtspopulistische Gruppierung Pro
Köln in einer Pressemitteilung: "Erdogans "Führerallüren" im Umgang mit
der Bundesregierung sind unerträglich!.... Dass Erdogan in Köln ganz
offiziell seinen "Führeranspruch" zur Schau trägt, ist eine
offensichtliche Reaktion auf die defensive Grundhaltung, mit der Merkel
... und andere deutsche Politiker den Türken gegenüber treten."
Die Aufregung der Rechten muss groß sein. Schließlich machen sie in
ihrer Propaganda oft historische Anleihen an die Schlacht der Türken
vor Wien. Dass der türkische Ministerpräsident aber jetzt schon am
Rhein redet, muss für die Kämpfer für das "christliche Abendland" ein
Schock sein.

LINKS

(1) http://www.uetd.org
(2) http://www.abendblatt.de/daten/2008/02/09/845835.html
(3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27248/1.html
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27254/1.html
(5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26943/1.html
(6) http://www.alevi.com/pressemeldung+M5da2004c807.html
(7)
http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E0E0EE4939C
984C928812D5FD9FB2EE37~ATpl~Ecommon~Scontent.html
(8)
http://www.seyranates.de/1.html
(9)
http://www.kurdmania.com/Forum-top-Integration-a-la-Erdogan-oder-feindli
che-uebernahme--2330.html
(10)
http://www.bundeskanzlerin.de/nn_4894/Content/DE/Artikel/2008/02/2008-02
-08-merkel-erdogan-tuerkisch.html
(11)
http://www.welt.de/politik/article1648780/Erdogan_will_tuerkische_Gymnas
ien_in_Deutschland.html
(12)
http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/461/157045/