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ND18.07.08Doktortitel sind keine Ware
Von Peter Nowak
Wegen Bestechlichkeit in 61 Fällen wurde vor einigen Tagen Martin D. vom Hildesheimer Landgericht zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren und der Zahlung einer Geldstrafe von 75 000 Euro verurteilt. Der Geschäftsführer einer wissenschaftlichen Beratungsfirma war beschuldigt worden, Interessenten an einem Doktortitel gegen Honorar an einen Hannoveraner Juraprofessor vermittelt zu haben. Für den Juristen war es ein lukrativer Nebenverdienst. Insgesamt 153 750 Euro soll er am Doktormachen verdient haben. Er war bereits im April 2008 ebenfalls wegen Bestechlichkeit zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Dieses Urteil ist rechtskräftig, weil auf eine Berufung verzichtet wurde. Die Verteidigung von Martin D. hingegen will in Berufung gehen.
Bei dem Prozess handelte es sich um ein Pilotverfahren. Erstmals kam das vor zehn Jahren verschärfte Antikorruptionsgesetz beim Handel mit Doktortiteln zur Anwendung. Das Doktormachen fand bisher in einer juristischen Grauzone statt. Nach dem Urteil wird das Geschäft riskanter, aber aussterben wird es sicher nicht. Denn es sind gesellschaftliche Umstände, die den Bedarf nach Doktortiteln auch bei Menschen wecken, die nicht mit einer Vorzugsnote abgeschlossen haben. Im Zuge des Bekenntnisses zur Eliteförderung ist ein Doktortitel wieder verstärkt die Eintrittskarte zu bestimmten Berufen.
Es lohnt sich daran zu erinnern, dass die 68er-Bewegung einmal auch die Sinnhaftigkeit von Doktortiteln generell hinterfragt hat. Der verurteilte Martin D. beteuerte vor Gericht, ihm sei nicht bekannt gewesen, dass Honorare für Doktortitel strafbar sind.
Vielleicht hätte das Gericht dem Verurteilten einen Verbotsirrtum zubilligen sollen. Ganz abwegig ist dieser Gedanke nicht, schließlich stellt sich die Frage, warum in einer Zeit, in der Bildung immer mehr zur Ware wird, gerade Doktortitel nicht käuflich sein sollen. Es wäre schlimm, bestünde die Antwort nur darin, dass der Zugang zur Elite nicht so einfach zu haben sein darf.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin