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ND 18.01.08Mörderische Wissenschaft
Eine Ausstellung zeigt die Geschichte der Deutschen Forschungsgesellschaft in der NS-Politik
„Wir sahen Menschen, die etwas heraustrugen, von dem man nicht wusste, was es ist. Es konnten Menschen oder Lumpenbündel sein. Dann sahen wir, dass es Kinder waren. Die Kinder von Zamosc.“ Diese Worte sprach eine polnische Frau, die Deportationen der deutschen Wehrmacht und der SS überlebt hatte in dem Film „Die Kinder von Himmlerstadt“.
Das ergreifende Dokument der mörderischen NS-Politik in Polen ist zur Zeit im Foyer der Berliner Humboldtuniversität als wichtigster Teil der Ausstellung „Wissenschaft, Planung, Vertreibung – der Generalplan Ost der Nationalsozialisten“ zu sehen. Auf zahlreichen Schautafeln und in Vitrinen wird dokumentiert, wie selbstverständlich sich führende Wissenschaftler und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) i n die NS-Politik einfügten.
In der Ausstellung wird gezeigt, wie die führende deutsche Wissenschaftsorganisation schon seit Beginn der Weimarer Republik im Einklang mit der nationalkonservativen und völkischen Rechten auf eine Revision des Versailler Vertrages. und die „Germanisierung Osteuropas“ setzte. Schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden von der DFG Forschungen gefördert, die eine Überlegenheit der deutschen über die slawische Bevölkerung behauptete So verwundert es nicht, dass die DFG nach 1933 wenig Probleme hatte, sich an das nationalsozialistische Regime anzupassen. „Die große Mehrheit der Wissenschafter wurde nicht gleichgeschaltet oder missbraucht sondern mobilisierte sich selbst aus freien Stücken für die NS-Politik“, heißt es in der Ausstellung. Zu dem zwischen 1934 und 1945 von der DFG beförderten Projekten gehören u.a. „rassekundliche Untersuchungen bei osteuropäischen Völkern“ sowie „vergleichende anatomische und anthropologische Untersuchungen an Kriegsgefangenen fremder Rassen“. Als eine Schlüsselfigur in der Symbiose zwischen Forschung und NS-Politik wird in der Ausstellung der Berliner Agrarwissenschaftler Konrad Meyer genannt. Er wurde vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler zum Chef-Umsiedlungsplaner ernannt. Meyer wurde dabei eine Art Projektkoordinator des Generalplan-Ost, der nie Realität wurde. Doch schon n die ersten Schritte seiner Umsetzung kosteten zahlreichen Menschen das Leben. So wurden aus dem Kreis Zamosc mindestens 50000 Polen vertrieben. Ihr Schicksal steht im erwähnten Film „Die Kinder von Himmlerstadt“ im Mittelpunkt.
In der Ausstellung wird deutlich, wie die Umsiedlungspläne des Generalplans Ost und der Massenmord an den Juden ineinander verwoben waren.
Nachkriegskarriere der Täter
Nach 1945 deckten sich NS-Wissenschafter nach 1945 gegenseitig vor Gericht und sorgten so für ihre Freisprüche. Konrad Meyer setzte in der BRD seine wissenschaftliche Karriere bruchlos fort und wurde Professor für Landesplanung und Raumforschung an der Technischen Universität Hannover. Noch 1964 verfasste er unter dem Titel „Ordnung im ländlichen Raum“ ein wissenschaftliches Standardwerk.
Es sollte noch mehr als 40 Jahre dauern, bis die DFG mit der Ausstellung die braune Vergangenheit aufzuarbeiten beginnt. Das ist auch ein Erfolg des jahrelangen Engagements von Studierenden wie Matthias Burchard. Der Agrarwissenschafter fordert seit Jahren mit Mahnwachen, Ausstellungen und Veranstaltung die Auseinandersetzung seiner Fakultät mit der Vergangenheit ein. Er kritisiert, dass in die Ausstellung und den kostenlosen Katalog die „russische, ukrainische und baltische Opferperspektive“ zuwenig einbezogen sei. Burchard ist in den letzten Jahren auf eigene Kosten in mehrere polnische, russische und ukrainische Städte gefahren und hat mit Wissenschaftlern Kontakt aufgenommen
Peter Nowak.